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16. April 2012, 11:34 Uhr

Sudan gegen Südsudan

Schmutziger Krieg ums Öl

Von , Nairobi

Offiziell herrscht Frieden zwischen Nord- und Südsudan, tatsächlich bekämpfen sich die Nachbarn in einem erbitterten Krieg. Nun ist die Situation eskaliert, Bomber fliegen massive Angriffe. Es geht um Öl - dabei können beide Seiten nur verlieren.

Es war eine Rüge, wie sie sich Ban Ki Moon nicht häufig einfängt - und dann auch noch vom Präsidenten des jüngsten Mitgliedslandes der Vereinten Nationen. "Ich habe ihm gesagt, er habe mir nichts zu befehlen, weil ich nicht unter seinem Befehl stehe. Ich bin als Staatsoberhaupt meinem Volk verantwortlich und sonst niemandem. Ich unterstehe nicht seinem Befehl, und ich werde unsere Truppen nicht zurückziehen", berichtete hinterher der südsudanesische Präsident Salva Kiir von dem Telefonat.

Der Uno-Generalsekretär hatte ihn gebeten, seine Truppen aus dem Grenzgebiet zum (Nord-)Sudan zurückzuziehen und die drohende Kriegsgefahr nicht zusätzlich zu befeuern. Es ist nicht lange her, da hatte Salva Kiir noch betont, er werde sich "auf keinen Fall" in einen Krieg mit dem Sudan hineinziehen lassen. Nun klingt die Wortwahl anders, und auch die "Sudan Tribune", eine in Frankreich produzierte Website, titelte vergangene Woche: "Nord und Süd auf dem Weg in einen katastrophalen Krieg".

Tatsächlich befinden sich die beiden Länder, die 2005 nach 22 Jahren Krieg und zwei Millionen Toten ein Friedensabkommen schlossen, das im vergangenen Jahr zur Abspaltung des Südens führte, bereits mitten in einem neuen Waffengang. Am Samstagmorgen meldete die südsudanesische Armee, sie habe einen Angriff des Nordens auf die Ölanlagen bei Heglig zurückgeschlagen. "Sie haben versucht, uns 40 Meilen nördlich von Heglig anzugreifen", berichtete der südsudanesische Informationsminister, "aber wir haben sie in Schach gehalten".

Der Verteidigungsminister des Nordens, Abdel Rahim Mohammed Hussein, erklärte seinerseits, seine Soldaten würden das Ölfeld "mit allen Mitteln zurückholen". "Da liegen so viele Leichen an der Front, dass es unmöglich ist, sie zu beerdigen oder zurückzubringen", zitierte die Nachrichtenagentur AFP am Samstag einen Soldaten der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) - der ehemaligen Widerstandsbewegung des Südens. Auch die Zerstörungen an den Öl-Anlagen sollen inzwischen beträchtlich sein. Unabhängige Beobachter haben keinen Zugang zu der Region.

Es steht schlecht um den Frieden zwischen den beiden Sudans, so schlecht wie nie seit dem Friedensabkommen im Jahr 2005. Und beide Seiten haben tüchtig zur Eskalation beigetragen.

Der Streit ums Öl eskaliert

Zuletzt waren es Truppen des Südsudan, die die Ölfelder von Heglig besetzt hatten. Die Felder liegen in Süd-Kordufan und damit formal auf dem Territorium des Nordens. Uno-Sicherheitsrat und Afrikanische Union forderten nachdrücklich den Rückzug der Südarmee und die Errichtung einer entmilitarisierten Zone. Davor jedoch hatten Flugzeuge des Nordens immer wieder Bomben auch im Süden abgeworfen. Ende Februar wurde das Elnar Ölfeld in Unity State bombardiert, und auch im März explodierten immer wieder Sprengkörper.

Ein für Anfang April geplantes Gespräch zwischen Salva Kiir und seinem Präsidentenkollegen Umar al-Bashir aus Khartum fiel aus. Bashir wollte nicht mehr nach Juba fliegen, ließ er wissen. Stattdessen schickte er seine Kampfflugzeuge.

Die Lage eskaliert, seit der Süden im Januar die Ölproduktion eingestellt hat. 350.000 Barrel pro Tag strömten bis dahin durch die Pipelines, beide Länder zusammen gehören zu den wichtigsten Ölförderern südlich der Sahara.

75 Prozent der Ölvorkommen im früheren Groß-Sudan liegen im Süden. Die Ölleitungen führen jedoch alle nach Norden zum Hafen von Port Sudan, von wo aus das Öl exportiert wird. Nicht zuletzt daraus resultiert der gegenwärtige Streit. Beide Seiten können sich nicht über die Höhe der Durchleitungsgebühren verständigen.

Khartum beharrte zuletzt auf 32 Dollar pro Barrel, Juba will nicht mehr als maximal einen Dollar zahlen. International üblich sind zwischen 60 und 80 Cent. Dann verkaufte der Norden auch noch auf eigene Rechnung Öl, das aus dem Süden stammte und ließ zudem in Port Sudan Schiffe nicht einlaufen, die Süd-Öl aufnehmen wollten. Obendrein unterstellt der Süden der Regierung in Khartum, Hunderttausende von Barrel über eine heimlich gebaute Nebenpipeline abgeleitet und unterschlagen zu haben.

Alle Vermittlungsversuche sind gescheitert

Der Streit ums Öl ist jedoch nur einer von vielen Gründen für den Konflikt. Die Geschichte hat beide Seiten fest im Griff, und das Friedensabkommen von 2005 war immer fragil, weil es zentrale Punkte aussparte: So ist die Zuständigkeit für die Provinz Abyei und die Bundesstaaten Süd-Kordufan und Blue Nile nicht geklärt, in Aussicht gestellte Referenden hat es nie gegeben, Hunderte von Kilometern Grenze zwischen beiden Staaten sind nicht definiert.

Im Hintergrund lauern zudem 40 Milliarden Dollar internationaler Schulden, für die völkerrechtlich die Regierung in Khartum aufkommen muss, die zum Begleichen aber auch gerne den Süden heranziehen würde.

Monatelange Verhandlungen in Addis Abeba, moderiert von der Afrikanischen Union oder vom südafrikanischen Ex-Präsidenten Thabo Mbeki, brachten die Kontrahenten einander nicht näher. In der jetzigen Situation verlieren beide Staaten, weil ihre Haushalte von den Öleinnahmen abhängen: Khartum zu 75 Prozent, der Süden gar zu 98 Prozent. Nicht einmal China, einer der wichtigsten Abnehmer sudanesischen Öls und mit eigenen Gesellschaften an der Exploration beteiligt, schaffte es, die streitenden Parteien auf einen Konsens zu verpflichten.

Noch spannt der Süden die Muskeln an - je verzweifelter die Lage ist, desto mehr. Die Notenbank halte noch Devisenreserven, um annähernd ein Jahr ohne Ölverkauf durchzuhalten, hieß es kürzlich. Doch das Land ist arm und der Investitionsbedarf riesig, und so werden bereits alle Optionen durchgespielt. Mit Nachbar Kenia hat Salva Kiir den Bau einer Pipeline zum Hafen von Lamu samt Raffinerie vereinbart. Der Haken dabei: Es gibt bisher keine Finanzierung dafür. Und bis zur Fertigstellung würden Jahre vergehen.

Der Bau einer Unterwasser-Pipeline im Nil von den Ölfeldern bis zur Hauptstadt Juba ist ebenfalls Bestandteil der Planspiele, und bei der ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft RVR ging bereits eine Anfrage ein, ob sie über Norduganda Rohöl in den Hafen von Mombasa schaffen könne. Auch der Abtransport von Rohöl über die Straße ist eine Möglichkeit. Doch all diese Überlegungen wären reine Notoperationen, maximal zehn Prozent der täglich möglichen 350.000 Barrel könnte Juba auf diese Weise exportieren.

Ganz nebenbei hat der Stopp der Ölpumpen den anarchischen Zustand des Ölförderbetriebs im Süden offengelegt. Erstmals erfuhr die Regierung in Juba, wie viel Pumpen eigentlich in Betrieb sind auf ihrem Territorium, von 41 Bohrlöchern wusste sie bis dato nämlich überhaupt nichts. Der größte Ölproduzent, so verkündete der Ölminister, habe täglich 40.000 Barrel zusätzlich gefördert, ohne dass sie in den Büchern standen.

Doch das sind jetzt nur noch Petitessen. Jetzt wird geschossen. Zwar haben die Geldgeber, darunter die USA, Norwegen und Großbritannien, ihren Druck auf den Südsudan erheblich erhöht. Doch bisher ohne sichtbaren Erfolg. Im Norden rief das Parlament Ende vergangener Woche die Generalmobilmachung aus. Im Süden dröhnte Präsident Kiir im Parlament in Juba: "Unsere Truppen werden in Heglig bleiben, bis die Sache ein für allemal geklärt ist." Die Abgeordneten erhoben sich in seltener Einigkeit und skandierten wie zu Zeiten des Bürgerkriegs den Namen der Widerstandsbewegung: "SPLA, SPLA, SPLA..."

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