Proteste im Sudan Der Zug der Freiheit rollt weiter

Die Demonstranten im Sudan lassen nicht locker. Mit ihren Protesten trotzen sie der Militärregierung am Verhandlungstisch Zugeständnisse ab. Im Verborgenen aber lauert ein weiterer Widersacher: Russland.

Zug von Atbara nach Khartum
Mohamed Nureldin Abdallah/ REUTERS

Zug von Atbara nach Khartum

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Atbara ist eine staubige Stadt im Nordosten des Sudan. Doch selbst dort gehen die Menschen seit Monaten zu Tausenden auf die Straße - aus Protest gegen ein Regime, das das Land 30 Jahre lang unterdrückt und heruntergewirtschaftet hat. Am Sonntag dann kapert die wütende Menge einen Zug, sie laden Proviant ein, Wasser, Medizin und fahren los, 350 Kilometer entlang des Nil nach Süden, in Richtung Khartum, dem Zentrum der Proteste. Sie kommen nur langsam voran, denn Hunderte reisen auf dem Dach mit. "Zug der Freiheit" nennen sie ihr Gefährt, und ihre Botschaft lautet: Wir sind noch nicht fertig.

Dabei ist der Diktator und Kriegsverbrecher Omar al-Baschir längst abgesetzt und im Gefängnis. Eine Übergangsregierung aus Militärs hat versprochen, die Macht mittelfristig an Zivilisten abzugeben.

Die Demonstranten wollen den "Baschirismus" stürzen

Nach eigenen Angaben brachte die Opposition am Donnerstag landesweit eine Million Menschen auf die Beine. Sie demonstrierten in Khartum vor dem Hauptquartier der Armee, aber auch in entlegenen Gegenden, in den Provinzen Darfur, Blauer Nil und Süd-Kordofan. Ihr Ziel ist es, den "Baschirismus" endgültig zu stürzen - jene kleptokratische Diktatur, die sich auf die Waffen des Militärs und die Folterkeller des Geheimdienstes stützt.

Tausende politische Gefangene sind noch immer inhaftiert. Die Opposition fordert, sie freizulassen und dafür die Büttel des Baschir-Regimes festzusetzen: korrupte Geschäftsleute, Militärs, die in Darfur oder anderen unruhigen Provinzen schwere Verbrechen begangen haben.

Die Opposition fährt dabei eine geschickte Doppelstrategie: Sie erhält mit der Organisation der Massenproteste den Druck der Straße aufrecht und verhandelt gleichzeitig mit der Übergangsregierung (TMC). Zuletzt erreichte sie damit, dass drei hochrangige Mitglieder der TMC zurücktreten mussten. Sie galten als Islamisten. Mit dem radikalen politischen Islam hatte Baschir versucht, sein Regime ideologisch abzustützen.

In der Armee haben dialogbereite Kräfte derzeit die Oberhand

Die Rücktritte zeigen, dass innerhalb des Militärs derzeit dialogbereite Kräfte das Sagen haben. Doch das muss nicht so bleiben. Die Armee und die Sicherheitskräfte sind politisch gespalten, die einfachen Soldaten halten wohl eher zu den Demonstranten. Besonders gefährlich sind schwer bewaffnete Sondermilizen und ihre ehrgeizigen Führer.

Zudem hat die Opposition aber wohl noch einen verborgenen Feind gegen sich: Russland. CNN berichtet, dass die Firma eines russischen Oligarchen Baschir beraten haben soll, wie die Proteste am besten niederzuschlagen seien: Jewgenij Prigoschin, ein Geschäftsmann mit besten Kontakten in den Kreml, hatte auch in Khartum eine Niederlassung seines verzweigten Imperiums gegründet.

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Machtwechsel im Sudan: Putsch am Nil

Das sei - so berichtet CNN - eine Basis gewesen, um den russischen Einfluss in Afrika auszubauen. Moskau ging es dabei wohl weniger um Öl als um seltene Metalle und Mineralien, die es im Sudan gibt. Baschir war 2017 zu Gast im Kreml, Russland lieferte dem per internationalem Haftbefehl gesuchten Diktator Su-35-Kampfjets. Und half offenbar auch, als der Mann immer mehr unter den Druck der Demonstrationen geriet.

Prigoschin riet Baschir zu Fake News und öffentlichen Hinrichtungen

CNN liegen Dokumente der Prigoschin-Firma M-Invest vor, die Baschir eine mehrstufige Strategie gegen die Opposition nahelegen. Der US-Sender behauptet, Quellen in Khartum zu haben, die bestätigen, dass Baschirs Regierung sich tatsächlich von den russischen Vorschlägen leiten ließ. So sollen die Dokumente empfehlen, die Demonstranten in den sozialen Medien zu diskreditieren - als vom Westen und aus Israel bezahlt.

Zudem hätte die Regierung unter die Demonstranten Provokateure mit Fahnen der Lesben- und Schwulen-Bewegung schmuggeln sollen, um die Proteste unmöglich zu machen. Die staatlichen Medien hätten demonstrierende Menschen zudem als Plünderer brandmarken sollen. Der russische Katalog sieht - so CNN - aber auch brutalere Maßnahmen vor, wie die Verhaftung der wichtigsten Oppositionsführer und zur Not auch öffentliche Hinrichtungen von Plünderern.

Am Ende haben Prigoschins Ratschläge Baschir aber auch nicht mehr retten können.

insgesamt 47 Beiträge
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peterpeterweise 26.04.2019
1. Hoffnungen wie im Arabischen Frühling?
Wenn Diktatoren gestürzt werden, dann keimt Hoffnung auf. Aber bisher hat noch kein mehrheitlich muslimisches Land nach dem Sturz des Diktators eine westliche Demokratie aufgebaut. Meist wurden in den Wirren nach dem Sturz des Diktators radikale Islamisten zum bestimmenden Faktor. Die Freiheiten für Minderheiten werden dann noch mehr zurückgedrängt. Und dann freuen wir uns heimlich, wenn in Ägypten wieder ein Militärmachthaber mit harter Hand regiert.
go-west 26.04.2019
2. Womit wieder mal belegt ist,
daß Russland einer der größten Feinde einer freien und friedlichen Welt ist. Der in die Schranken zu weisende Gegner sitzt in Moskau. Mir ist vollkommen unverständlich, daß wir mit dem aktuellen Russland Geschäfte machen und dessen Öl und Gas abnehmen.
HeisseLuft 26.04.2019
3. Nicht kein, aber wenige
Zitat von peterpeterweiseWenn Diktatoren gestürzt werden, dann keimt Hoffnung auf. Aber bisher hat noch kein mehrheitlich muslimisches Land nach dem Sturz des Diktators eine westliche Demokratie aufgebaut. Meist wurden in den Wirren nach dem Sturz des Diktators radikale Islamisten zum bestimmenden Faktor. Die Freiheiten für Minderheiten werden dann noch mehr zurückgedrängt. Und dann freuen wir uns heimlich, wenn in Ägypten wieder ein Militärmachthaber mit harter Hand regiert.
Jedenfalls ist es nicht vielen Staaten geglückt. Tunesien ist da recht einsam bis jetzt. Die Last der jahrzehntelangen Diktaturen und Kleptokratien mit ihren gezielt gepflegten Feindschaften zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen wiegt schwer. In Zentralasien ist es auch nicht wirklich besser. Dann wären da natürlich noch externe Mächte zu beachten, die mit lokalen Despoten, die immer mal wieder kleine Handreichungen zur, äh, Befriedung unruhiger Gegenden benötigen, bestens klarkommen. Nein, ich freue mich nicht heimlich und nicht öffentlich über Figuren wie Sisi. Dies Typen sind nicht die Lösung, sie sind das Problem, auf deren jahrzehntelanger Mistproduktion die Islamisten gewachsen sind.
Vidarr 26.04.2019
4. ...
Zitat von go-westdaß Russland einer der größten Feinde einer freien und friedlichen Welt ist. Der in die Schranken zu weisende Gegner sitzt in Moskau. Mir ist vollkommen unverständlich, daß wir mit dem aktuellen Russland Geschäfte machen und dessen Öl und Gas abnehmen.
selbst wenn die informationen der cnn stimmen, sprechen wir hier immer noch von einer! privatperson ... nicht von russland. wenn das für sie ein und das selbe ist, sollten sie konsequent sein und auch auf unsere produkte verzichten ... und die produkte jedes anderen landes.
HeisseLuft 26.04.2019
5. Privatperson, öhöm...
Zitat von Vidarrselbst wenn die informationen der cnn stimmen, sprechen wir hier immer noch von einer! privatperson ... nicht von russland. wenn das für sie ein und das selbe ist, sollten sie konsequent sein und auch auf unsere produkte verzichten ... und die produkte jedes anderen landes.
Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin = "Putins Koch", Hausherr der Kremltrolle in Skt Petersburg. Arbeitet in Syrien mit der Gruppe Wagner zusammen. "Jewgeni Prigoschin soll mit seiner Firma Evro Polis seit 2016 einen Vertrag mit der syrischen Regierung haben, nach dem 25 % der Gewinne aus Öl- oder Gasfeldern an Evro Polis fallen, wenn russische Söldner die Anlagen zuvor vom Islamischen Staat erobert haben.[16] Nach der Schlacht bei Khasham am 7. Februar 2018, bei der mehrere russische Söldner und syrische Milizen bei dem Versuch getötet wurden, ein Gasfeld vom SDF zu erobern, gaben amerikanische Geheimdienste Erkenntnisse aus abgehörter Kommunikation an die Washington Post weiter, nach der Prigoschin persönlich mit syrischen Offiziellen, darunter Minister Mansour Fadlallah Azzam, den bevorstehenden Angriff bespricht. Prigoschin teilte seinen Gesprächspartnern demnach am 24. Januar 2018 mit, er habe bei der russischen Regierung die Genehmigung für einen Einsatz erwirkt. Am 30. Januar meldete er nach dem Bericht nach Syrien, dass er eine „tolle Überraschung“ für den syrischen Präsidenten Assad habe, die zwischen dem 6. und 9. Februar stattfinde. Das offizielle russische Militär hatte trotz mehrerer Warnungen der Amerikaner, die das Zusammenziehen der Kräfte für den Söldnerangriff, bereits eine Woche vor dem Angriff bemerkt hatten, jede Kenntnis von der Attacke abgestritten. Das russische Militär hatte den Söldnereinsatz später nach der Zeitung Kommersant als „gefährliches Laienwerk“ bezeichnet." Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Jewgeni_Wiktorowitsch_Prigoschin#Syrien Achja, Wagner-Einheiten oder zumindest russische Milizen wurden ja im Sudan bereits gesichtet... Mafia.
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