Umsturz im Sudan Sie wollen sich ihre Revolution nicht stehlen lassen

Wie geht es weiter in Karthum? Sucht das Militär wirklich Kontakt zu den Demonstranten oder steuert der Sudan ins Chaos? Auf einer gefürchteten Miliz liegt besonderes Augenmerk.

Demonstranten in Khartum
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Demonstranten in Khartum

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Es ist ziemlich mutig, in einer Militärdiktatur ausgerechnet vor dem Hauptquartier der Armee zu demonstrieren. Doch genau das tun Tausende seit Tagen in Karthum. Es ist der Höhepunkt einer Protestwelle, die schon im Dezember losbrach.

Selbst als das Militär vergangene Woche Langzeit-Diktator Omar al-Baschir entmachtete, zerstreute sich die Menge nicht.

"Sie versuchen, die Revolution zu stehlen", sagt Khalid Omer von der oppositionellen Sudanese Congress Party. Hatten doch die Machthaber in Uniform gleichzeitig mit Baschirs Absetzung die Verfassung ausgesetzt und den Notstand ausgerufen.

Die anhaltende Wut der Bevölkerung zeigte Wirkung: Awad Ibn Auf, ein Militär und dem Vernehmen nach treuer Baschir-Mann, war zunächst als Nachfolger bestellt, musste aber schon nach kaum einem Tag zurücktreten. Jetzt regiert vorläufig General Abdel Fattah Burhan. Der hat versprochen, mit der Opposition in Dialog zu treten und das System Baschir zu beseitigen. Aber wird er das wirklich ernsthaft tun? Steuert der Sudan auf eine Restauration der Militärmacht zu, oder steht er am Anfang einer Transformation in Richtung Demokratie?

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Äußerst repressiv ist Baschir in den drei Jahrzehnten seiner Herrschaft mit der Opposition umgesprungen. Andersdenkende wurden verhaftet, misshandelt, zum Schein exekutiert und auch wirklich umgebracht. Immer noch sitzen Tausende in den Gefängnissen. Internationale Beobachter und Journalisten sind des Landes verwiesen. Die Welt erlebt die Revolution in dem 40-Millionen-Land aus der Perspektive der Demonstranten, die Handyfilme ins Internet stellen. Sie ergeben ein verschwommenes, verwackeltes Bild.

Ganz besonders unklar ist, wie es innerhalb des Militärs und des Sicherheitsapparates zugeht: Wer hat wirklich die Kontrolle? Dass Ibn Auf und Baschirs gefürchteter Geheimdienstchef abgesetzt wurden, deutet auf den Sieg eines gemäßigten Flügels hin. Doch scheinen die Hardliner noch nicht am Ende zu sein. Am Montag gab es Gerüchte, die Armee ließe die Sit-ins vor ihrem Hauptquartier jetzt abräumen.

Baschir hatte - wahrscheinlich aus Angst vor einem Putsch - immer dafür gesorgt, dass sein Sicherheitsapparat keine Einheit bildet, dass unzählige Zellen und Abteilungen untereinander konkurrieren. Jetzt ist unklar, wie sich etwa die Rapid Support Forces zum Umbruch verhalten. Die Truppe war aus Dschandschawid gebildet worden, einer Miliz, die Baschir bewaffnet und in der Provinz Darfur eingesetzt hat. Dort hetzte er sie gegen Gruppen, die mehr Autonomie forderten. Wegen der Verbrechen dieser Soldateska wird Baschir per internationalem Haftbefehl gesucht.

Aber auch die Opposition zeigt Schwächen: Zwar fordert ein Bündnis, an der Macht beteiligt zu werden. Das Militär hat das auch in Aussicht gestellt. Doch fehlen den Demonstranten charismatische Führungsfiguren. Es gibt kaum jemanden, der über die Autorität und Erfahrung verfügt, in eine Übergangsregierung mit dem Militär einzutreten und den demokratischen Umbau dort zu verteidigen.

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saradoomj5 16.04.2019
1. Am Ende
dieses Prozesses könnte ein fanatischer "Gottesstaat" stehen, der erneut Freiheit, Demokratie und Frauenrechte mit Füßen tritt. Ich hoffe nicht, aber ich fürchte mich, vor dem was da kommen könnte!
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