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Südsudan: Der Staat ohne Straßen

Foto: ROBERTO SCHMIDT/ AFP

Süd-Sudan Heikler Start im Land des Mangels

Mit großer Mehrheit haben sich die Süd-Sudanesen für die Unabhängigkeit entschieden. Doch der neue Staat steht schon vor dem Start vor gigantischen Problemen: Es gibt kaum Straßen, keine Ärzte, keine Lehrer. Und Hilfe von der Uno versickert in fragwürdigen Projekten.

Deutlicher konnte das Ergebnis kaum sein: 98,8 Prozent der Süd-Sudanesen haben sich dafür entschieden, sich vom Sudan loszusagen. Am ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl haben internationale Beobachter keinen Zweifel. In der Hauptstadt Juba laufen die Vorbereitungen für die Autonomie auf Hochtouren, denn der neue unabhängige Staat soll offiziell am 9. Juli ausgerufen werden.

Südsudan

Aber der künftigen Regierung des steht nun eine Herkulesaufgabe bevor. Sie muss einen der rückständigsten Staaten der Erde in wenigen Jahren auf zumindest durchschnittliches afrikanisches Niveau bringen - was schwierig genug ist in einer Region, die fast zweimal so groß ist wie Deutschland, aber keine Lehrer, Ärzte und Techniker, keine Straßen und Infrastruktur hat.

In Juba führt der Eritreer Alem Drar ein Hotel, und er kann anschaulich erklären, warum sich der Aufschwung hinziehen wird und woran es hapert im Land. Es sind nicht nur die fehlenden Fachkräfte. Drar stellt vor allem Personal aus Kenia, Uganda oder Eritrea ein: "Die Sudanesen sind zu stolz. Sie denken, Leute im Restaurant zu bedienen oder im Hotel schickt sich nicht. Hier hat ein Rind einen Wert, Geld hat keinen." Während des Gesprächs kommt eine Uganderin herein, um sich für einen Job zu bewerben. "Eine Sudanesin würde nie so aktiv nach einer Stelle suchen", sagt Drar.

Es gibt viele Herausforderungen für den Aufbau des Landes, die Arbeitsmoral ist nur eine. Orte wie Koch im Zentrum des Landes oder Nasir an der äthiopischen Grenze sind auf dem Landweg mangels befahrbarer Straßen praktisch nicht erreichbar. An die 100.000, teilweise gut bezahlte SPLA-Kämpfer müssen in absehbarer Zeit nach Hause geschickt werden. Was wird aus ihnen, wenn das regelmäßige Gehalt ausbleibt? Und nicht zuletzt müssen Hunderttausende von hoffnungsfrohen Rückkehrern integriert werden.

Für viele von ihnen hat der Start in die neue Freiheit nicht unbedingt verheißungsvoll begonnen. In Koch zum Beispiel campieren Tausende unter elenden Bedingungen am Stadtrand. Mit Decken und Stangen haben sie sich winzige Zelte zum Schutz gegen die Sonne gebastelt. Der Gouverneur in Bentiu hat kein Geld für sie, die Regierung in Juba auch nicht, und das Uno-Flüchtlingshilfswerk, normalerweise eine der Institutionen, die in solchen Fällen eingreifen, hat sie noch gar nicht wahrgenommen. Und es werden immer mehr.

Rekruten klagen über Misshandlungen

Es gibt keine Plastikplanen, keine Toiletten, kein Geschirr für sie. Das Welternährungsprogramm schafft aus dem 70 Kilometer entfernten Leer immerhin Lebensmittel heran. Ansonsten sind die Rückkehrer auf sich gestellt. Im April beginnt die Regenzeit. Bis dahin müssen Regierung und Internationale Gemeinschaft eine Lösung für die Flüchtlingsfrage gefunden haben.

Auch die Vereinten Nationen, die viel Geld in den neuen Staat pumpen, verheddern sich mit ihren Hilfsbemühungen. In der Polizeiakademie von Rajaf, unweit von Juba am Nil gelegen und auch von der Bundesregierung unterstützt, starben in den vergangenen Monaten mindestens drei Rekruten an Misshandlungen. 5000 Rekruten sollen dort für den Polizeidienst im ganzen Land ausgebildet werden. Die Verantwortung liegt beim Innenminister in Juba. Für die Geber ist die Akademie ein zentrales Element der Staatswerdung, ehemalige Kämpfer sind von der Ausbildung ausgeschlossen.

Doch der Alltag in Rajaf hat wenig mit aufgeklärter Polizeiausbildung zu tun. Körperstrafen und Misshandlungen, so berichten Rekruten glaubwürdig, sind an der Tagesordnung.

Gegen weibliche Rekruten gab es nachweisbar sexuelle Übergriffe, eine Polizeianwärterin, die sich beschwerte, musste die Akademie kurz vor dem Abschluss verlassen und untertauchen. Von den 600 Dollar Sold, die den Lehrgangsteilnehmern für das Jahr 2010 zugesagt worden waren, wurden ihnen nur 200 Dollar ausbezahlt. Eine der Folgen: Die Kriminalität steigt in Juba seit einiger Zeit erkennbar an. Erst in der vorvergangenen Woche wurde ein Haus von mehreren Bewaffneten überfallen. Ihre neuen braunen Uniformen ließen leicht auf ihre Herkunft schließen: Es waren höchstwahrscheinlich Rekruten aus Rajaf.

Norden und Süden sind noch aufeinander angewiesen

Auch sonst ist Transparenz eher ein Fremdwort für die neuen Staatsgründer: Als vor einigen Wochen ein Sturm über das Gelände fegte und Dächer abdeckte, kamen nach offiziellen Mitteilungen acht Rekruten ums Leben. Augenzeugen sprechen von mindestens doppelt so vielen Opfern. Der Polizeichef in der Regierung lehnt jede Aufklärung ab, und Menschenrechtsanwälte, die sich der Sache annehmen, geraten unter Druck.

Die Chefin des Südsudan-Programms des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP, Betsy Lippman, so heißt es, steht kurz vor ihrer Demission. Das von ihr verantwortete Demobilisierungsprogramm für ehemalige SPLA-Kämpfer wird so schlampig und teuer gemanagt, dass ein interner Bericht zu einem verheerenden Befund kam: An 328 Mitarbeiter seien allein 2010 über 20 Millionen Dollar an Gehältern ausbezahlt worden, die 50 teuersten gingen mit einem jährlichen Gehalt von 280.000 Dollar nach Hause, steuerfrei. Das Programm sei zu teuer, die Personalrekrutierung intransparent - und für 2011 sei nicht mehr ausreichend Geld vorhanden. Und obendrein bemängelte der Bericht die Effizienz: Lediglich 20 bis 25 Prozent der ehemaligen Kämpfer würden mit dem Programm mutmaßlich erreicht.

Auch sonst sind die Herausforderungen enorm. Norden und Süden sind bedingungslos aufeinander angewiesen. Beide Seiten müssen sich zügig auf einen neuen Schlüssel für die Aufteilung der Öleinnahmen verständigen. Noch dringlicher ist eine Regelung der Altschuldenproblematik. Nur wenn es eine Einigung darüber gibt, wer welchen Anteil der Altschulden übernimmt, kann der Süden auf frische Gelder von Weltbank und Internationalem Währungsfonds hoffen. Auch die Einführung einer eigenen Währung im Süden, die der Finanzminister anstrebt, setzt Kompromisse und Konsens voraus.

Schwere Gefechte in der Grenzregion zwischen Nord und Süd

Der vorläufig heikelste Punkt bleibt jedoch der Streit um Abyei. In der Grenzregion zwischen Nord und Süd, die beide Seiten für sich beanspruchen, gab es Anfang Januar, just zur Zeit des Referendums, schwere Auseinandersetzungen mit mutmaßlich Dutzenden von Opfern. Sowohl die Dinka-Nogk aus dem Süden als auch die nomadisierenden und Khartum verbundenen Miseriya-Nomaden beanspruchen die Region für sich. Nicht einmal die dort stationierten Uno-Verbände waren nach den Gefechten in der Lage, sich einen Überblick über Angreifer und Opferzahlen zu verschaffen.

Umar al-Baschir

An anderer Stelle haben sich die Vorzeichen dramatisch verändert. Sudans Staatschef , bis vor kurzem noch der starke Mann des ganzen Landes und in Juba verhasst, weil er den Süden mit einem jahrzehntelangen Krieg überzogen hatte, hat plötzlich neue Freunde - ausgerechnet im Süden.

Der Grund ist seine eigene politische Schwäche. Denn Baschir muss um sein politisches Überleben kämpfen. Nicht nur, weil es ein Staatschef in der Geschichte selten politisch überlebt hat, wenn ihm ein Drittel seines Landes abhanden kam. Auch in Khartum sammeln sich die Menschen auf der Straße, um gegen die höheren Preise bei Sprit, Weizen und Zucker zu demonstrieren.

Jubas Politiker fürchten neuen Machthaber in Khartum

Sein Finanzminister ist so klamm, dass Baschir vor wenigen Tagen im ägyptischen Scharm-al-Scheich die reichen Ölstaaten anbettelte, doch einen Teil der knapp 40 Milliarden Auslandsschulden zu übernehmen, die der Sudan in den vergangenen Jahren angehäuft hat. Um wenigstens noch ein paar Auslandsverpflichtungen zu erfüllen, ist in Khartum inzwischen der freie Handel mit Devisen eingeschränkt, Gebrauchtwagen dürfen nicht mehr eingeführt werden, und auch Artikel wie Spaghetti oder Süßigkeiten sind, weil sie mit Devisen bezahlt werden müssen, aus den Regalen weitgehend verschwunden. Und schließlich schwebt über allem die Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der Baschir unter anderem Völkermord vorwirft.

So weit ist es gekommen, dass selbst die Politiker in Juba auf ein Verbleiben von Baschir hoffen. So verhasst er ihnen immer war - bei ihm wissen sie, woran sie sind, ihn können sie einschätzen. Zumal Baschir in seiner ersten öffentlichen Rede nach dem Referendum, überraschenderweise, zur Unterstützung des neuen Nachbarn im Süden aufgerufen hatte. Ein neuer Machthaber in Khartum, so sehen es die Machthaber im Süden, würde das ohnehin fragile Verhältnis mit Sicherheit neu strapazieren.

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