Südafrika-Simbabwe-Connection Mbeki stützt Mugabe - und verspielt seine Glaubwürdigkeit

Staatsmann, Vermittler, Diplomat - diese Rollen liebt Südafrikas Präsident Mbeki. Doch mit dem Kuschelkurs gegenüber Simbabwes Machthaber Mugabe setzt er seinen Ruf aus Spiel. Jetzt gehen selbst seine Parteifreunde auf Distanz.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Angela Merkel schätzt den südafrikanischen Staatspräsidenten, seit er im vergangenen Jahr beim G-8-Gipfel in Heiligendamm ihr verehrter Gast war – und sie Thabo Mbeki im Oktober in Pretoria besuchte. George W. Bush und Wladimir Putin schwärmen ebenso für den eleganten Mann, der selbst dann noch makellos aussieht, wenn er seine edlen Maßanzüge mit legerer Freizeitkleidung vertauscht. Frankreichs First Lady Carla Bruni-Sarkozy fand beim Staatsbesuch im Februar nur Worte höchsten Entzückens für ihren charmanten Gastgeber. Und in der Uno ist Mbeki das einzige afrikanische Staatsoberhaupt, dem alle Delegierten aufmerksam zuhören.

Südafrikas Präsident Mbeki: Verspielt er seinen gutem Ruf aus Nibelungentreue zu Mugabe?
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Südafrikas Präsident Mbeki: Verspielt er seinen gutem Ruf aus Nibelungentreue zu Mugabe?

Auch auf dem schwarzen Kontinent ist er unumstritten die Nummer eins: Als der starke Mann, der für die Welt das wohltuende Bild des anderen Afrika verkörpert, so ganz anders eben als alle unrühmlich bekannt gewordenen Despoten von Idi Amin bis Robert Mugabe.

Doch seit dem vergangenen Wochenende stimmt dieses Bild des weisen Staatenlenkers nicht mehr, der die Shakespeare-Zitate nur so aus dem Ärmel schüttelt, der ohne Stocken den englischen Romantiker John Keats zitiert und in dessen Elternhaus Bilder von Marx und Gandhi einträchtig nebeneinander auf dem Kaminsims standen.

"Lachnummer des Jahres" höhnt der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes von Simbabwe, Wellington Chibebe, über den Nachfolger Nelson Mandelas an der Spitze der Regenbogenrepublik am südlichen Zipfel Afrikas. Südafrikas politische Kommentatoren stellen immer lauter die Frage: "Warum stellt er die Nibelungentreue zu einem Genossen über das Recht eines ganzen Volkes auf Demokratie und Freiheit?" Denn Thabo Mbeki, der noch im Vorfeld der Wahlen in Simbabwe unter dem Beifall der Welt mit dem Gewaltherrscher Robert Mugabe faire Spielregeln beim Urnengang auch für die Opposition ausgehandelt hatte, scheint seitdem den Kontakt zur Realität verloren zu haben.

Er war beim Gipfeltreffen der Entwicklungsgemeinschaft der südafrikanischen Staaten (SADC) am vergangenen Wochenende in Luska die treibende Kraft, die eine Verurteilung Mugabes verhinderte, der sich immer ungenierter anschickt, das Wahlergebnis vom 29. März zu fälschen. Händchenhaltend mit Mugabe hatte Mbeki sich in Simbabwes Hauptstadt Harare den Fernsehkameras präsentiert, während die Schergen des Gewaltherrschers zur gleichen Zeit Oppositionelle einschüchterten, Farmer kujonierten und Landarbeitern die Hütten abbrannten.

Von einer Krise in seinem Nachbarland will Mbeki nichts wissen.

Zurück in Südafrika hielt er bei der Eröffnung der diesjährigen Tagung der Interparlamentarischen Union (IPU) eine Rede, in der er so abgehoben über Armut und Ungerechtigkeit in der Welt sprach, dass der angereiste CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel noch Tage danach schäumt: "Ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihm entgegengerufen: Und was ist in Simbabwe?"

Nach dem SADC-Treffen sitzt Mugabe dank Mbeki jedenfalls wieder fester im Sattel als zuvor: Er hat Zeit, die Wahlkreise zu seinen Gunsten neu auszählen zu lassen. Die Urnen mit den Stimmzetteln sind seit dem Wahltag an einem geheimen Ort unter Verschluss der Mugabe-treuen Zählkommission. Der Aufruf der Oppositionspartei "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) zum Generalstreik verpuffte, nachdem Polizei und Militär am Dienstag massive Präsenz gezeigt und gedroht hatten, sie würden erbarmungslos zuschlagen, wenn es irgendwo zu Unruhen oder Streiks kommen sollte.

Der Vorsitzende des "Instituts für eine demokratische Alternative in Simbabwe", Arnold Tsunga, bringt die dramatische Wende des vergangenen Wochenendes zugunsten Mugabes und seiner Clique auf den Punkt: "Wir leben faktisch in einer Militärdiktatur." Und Friedensaktivist Tendai Madhanzi sagt verzweifelt: "Gott allein weiß, ob mein gequältes Volk noch eine Zukunft hat."

Für den so oft bei Vermittlungs- und Friedensmissionen erfolgreichen Thabo Mbeki sind die Wahlen in Simbabwe unversehens zur größten Herausforderung seines Lebens geworden. Der nach übereinstimmenden Angaben der unabhängigen Wahlbeobachter in den Präsidentschaftswahlen siegreiche MDC-Spitzenkandidat Morgan Tsvangirai bilanzierte bitter: "Er hat mit seinem Verhalten seine Position und seine Glaubwürdigkeit als ehrlicher Makler untergraben."

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Die Simbabwer hat er um ihre Hoffnungen betrogen. Und selbst die eigene Partei entzog ihm de facto das Vertrauen: Zwar solle Mbeki im Auftrag der SADC weiter nach einer Lösung suchen, befand die ANC-Führung nach einem Krisentreffen Anfang dieser Woche. Doch der ANC will unabhängig davon selber aktiv werden, um einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. "Natürlich haben wir es in Simbabwe mit einer Krise zu tun" - so feuerte ANC-Sprecherin Jessie Duarte öffentlich eine volle Breitseite gegen Mbeki. "Daraus könnten sich sogar negative Konsequenzen für das gesamte südliche Afrika ergeben." ANC-Schatzmeister Matthew Phosa fürchtet nach dem Scheitern von Mbekis "stiller Diplomatie" ein Überschwappen von Gewalt und Instabilität aus dem Nachbarland nach Südafrika, wo bereits bis zu drei Millionen Flüchtlinge aus Simbabwe Zuflucht gesucht haben sollen. Und der Sprecher der größten südafrikanischen Oppositionspartei "Demokratische Allianz", Ian Davidson, verlangt eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments, in der Mbeki darlegen solle, warum er Mugabe immer noch mit Samthandschuhen behandelt.

Die Antwort liegt wahrscheinlich tief in Mbekis Vergangenheit: Robert Mugabe ist der letzte der großen afrikanischen Freiheitshelden, der noch an den Schalthebeln der Macht sitzt. Ein Genosse, der zehn Jahre unter den weißen Herren im Gefängnis geschmachtet, der den bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit seines Landes angeführt hat.

Die Ikone Nelson Mandela ist wie einst Mahatma Gandhi in seinen langen Jahren auf der Gefängnis-Insel Robben Island weltweit zum Symbol der Hoffnung und des Friedens geworden. Auch der asketische Marxist Robert Mugabe ist ein Idol der selbstbewussten Freiheitskämpfer Afrikas, als jener Genosse, der in Zeiten der Not geholfen hat – mit Waffen, mit Geld, mit Zufluchtsräumen und Trainingscamps.

Wie gut die historischen Reflexe funktionieren, musste Angela Merkel beim Lissabonner Afrika-Gipfel im Dezember 2007 selbst erleben: Sie hatte Mugabe dort offen kritisiert und seine Menschenrechtsverletzungen angeprangert. Die Reaktion der afrikanischen Staatsmänner folgte prompt: Sie solidarisierten sich mit Mugabe. "Wir lassen uns von den Weißen nicht sagen, wie wir unsere Länder regieren sollen," tönte es der Kanzlerin entgegen. "Es ist falsch, was Sie sagen," polterte Senegals Staatschef Abdoulaye Wade und Mbeki stieß in das gleiche Horn: "Wovon redet sie überhaupt?" fragte er erbost.

Thabo Mbeki ist zwar in Moskau militärisch ausgebildet worden, hat aber nie – wie Mugabe - selbst mit der Waffe in der Hand für Afrikas Freiheit gekämpft, oder – wie Mandela – in den Kerkern der Weißen gesessen. Doch in seiner Biografie gibt es eine Schlüsselszene, die vielleicht seine "Beißhemmung" gegenüber Mugabe erklären kann: Als er nach Jahren des Exils wieder nach Südafrika zurückkehren konnte, schloss ihn sein alter Vater Govan, der selbst mit Nelson Mandela auf Robben Island gesessen hatte, in die Arme und verlieh ihm den höchsten Ehrentitel des afrikanischen Freiheitskampfes: "Jetzt ist er nicht mehr mein Sohn. Jetzt ist er mein Genosse."

Das zählt offenbar für Thabo Mbeki – auch wenn es um Robert Mugabe, seinen "Genossen Bob" geht, der vom weltweit geachteten afrikanischen Führer zum blutigen Gewaltherrscher wurde, sein Land ruiniert hat, sein Volk mit eisernen Faust regiert.

Und der nun nicht von der Macht lassen will.



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