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03. September 2011, 16:22 Uhr

Südafrikas Nachwuchspolitiker Malema

Experte für Rassenhass

Von Karl-Ludwig Günsche

Für die einen ist er ein Hoffnungsträger, für die anderen ein gnadenloser Populist: Julius Sello Malema mischt die politische Szene Südafrikas auf. Bislang fürchteten ihn nur die Weißen. Doch nun legt er sich auch mit seinen politischen Freunden an.

Der SAA-Flug von Kapstadt nach Johannesburg ist zum Einsteigen bereit. Die Fluggäste drängeln sich in die Boeing 737. Die Maschine ist ausgebucht bis auf den letzten Platz. Nur in der Business-Klasse sitzt ganz für sich allein in Reihe eins ein junger Mann: Designer-Anzug, teure Schuhe, Ringe, Rolex, Ray-Ban-Sonnenbrille. Das Gesicht ist glatt. Gelangweilt mustert er die Passagiere, die sich an ihm vorbei nach hinten drängen. Die meisten blicken scheu weg. Fast alle kennen ihn, viele fürchten ihn, noch mehr aber lieben und verehren ihn: Julius Sello Malema - der Schrecken der Weißen in Südafrika, die Hoffnung für die vielen jungen Schwarzen in den Slums, aber auch an den Universitäten. Ein Junge aus den Townships, der es trotzdem geschafft hat, der es zu etwas gebracht hat - und das auch gerne zeigt.

Seit Jahren sorgt der 30-Jährige immer wieder für Schlagzeilen, nicht nur in Südafrika. Den "Rottweiler" des ANC tauften südafrikanische Medien den Jung-Star mit der aggressiven Rhetorik, für den es keine Tabus zu geben scheint.

Schon mit neun Jahren wurde der Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus dem Armenviertel von Seshego im Norden Südafrikas politisch aktiv: Als ANC-Pionier riss er Wahlplakate der Nationalen Partei von den Wänden. Zäh hat er sich in den Parteistrukturen hochgearbeitet, erhielt mit 14 Jahren eine militärische Ausbildung, wurde im Studentenverband aktiv, obwohl er nur eine eher rudimentäre Schulausbildung genossen hat.

Der Aufstieg Malemas ist eng mit dem des heutigen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma verknüpft: Er schlug sich 2005 auf die Seite Zumas, obwohl der damals ein politischer Nobody zu sein schien: Staatspräsident und ANC-Parteichef Thabo Mbeki hatte ihn aus seinem Amt als südafrikanischer Vize-Präsident entlassen. Nach einem Vergewaltigungsprozess, in dem er aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden war, drohte ihm nun eine Anklage wegen Betrug und Korruption. Doch Zuma wagte den Machtkampf mit Mbeki und schaffte das unmöglich Scheinende: Im Dezember 2007 wurde er zum ANC-Präsidenten gewählt.

Malema hatte zu denen gehört, die am lautesten gegen Mbeki gehetzt und Zumas Weg an die ANC-Spitze am engagiertesten unterstützt hatten. Der Lohn folgte sofort: Im April 2008 wurde Zumas politischer Ziehsohn in Bloemfontein zum Präsidenten der ANC-Jugendliga gewählt. Mit 27 Jahren hatte es der Junge aus dem Township geschafft: Er gehörte zum Inner-Zirkel, saß mit am Tisch der Mächtigen der Partei.

Populistische Hetzparolen gegen die weißen Südafrikaner

Als Zuma im Juni 2008 der Prozess gemacht werden sollte, konnte er sich wieder einmal auf Malema verlassen: Er mobilisierte die Straße. "Wir sind bereit, für Zuma zu sterben", tönte der frischgebackene ANCYL-Präsident unter dem Jubel der Massen. "Aber nicht nur das: Wir sind auch bereit, zu den Waffen zu greifen und für Zuma zu töten." Nicht ein paar Richter, sondern die Wähler sollten über Schuld oder Unschuld Zumas entscheiden, verlangte Malema. Der Prozess gegen Zuma wurde eingestellt, sein Weg an die Staatsspitze war frei, Mbekis Ende besiegelt. Malema selbst beschreibt seine damalige Rolle ganz gegen seine Art eher zurückhaltend: "Ich war der Lockvogel, der die Opposition ablenken sollte, damit Zuma in die Union Buildings sprinten konnte" - ins Präsidentenamt.

Malema war zum Shooting-Star der Partei avanciert. Max du Preez nannte ihn in seinem Buch: "Die Welt, wie Julius Malema sie sieht" schon 2009 "die einflußreichste Person nach Zuma". Seine Helden heißen Robert Mugabe, Fidel Castro und Muammar al-Gaddafi. Sein Feindbild ist weiß: Immer wieder hetzt er gegen die weißen Südafrikaner. Seine politischen Ziele: Die Verstaatlichung von Minen und Banken sowie die Enteignung der weißen Farmer. Immer wieder schürt er den Rassenhass, sang das alte ANC-Kampflied: "Shoot the Boer" - Tötet die Buren. Als der Song in Südafrika verboten wurde, stimmte er ihn trotzig im Nachbarland Simbabwe an.

In einem Land, in dem über 50 Prozent der jugendlichen Schwarzen ohne Job und Perspektive leben, kommen seine Hass-Tiraden und Hetzparolen an. Er ist der Held der Vorstädte - auch wenn sein Lebensstil immer mehr dem afrikanischer Potentaten ähnelt.

Präsident Zuma geht zu seinem Zauberlehrling auf Distanz

Obwohl er als ANCYL-Chef offiziell nur (umgerechnet) etwa 2500 Euro im Monat verdient, trägt er teure Anzüge, Schuhe und Uhren. Er fährt Luxus-Autos, unternimmt kostspielige Reisen und feiert ausufernde Partys. Nachbarn, die sich über den Lärm beschweren, schüchtert er ein. In Polokwane hat er ein Haus, in Johannesburg lässt er sich eine Villa für angeblich 1,5 Millionen Euro bauen. Immer wieder berichten südafrikanische Zeitungen über ein Geflecht von Geschäftsleuten, denen Malema angeblich Aufträge zuschiebt. Von Korruption ist die Rede. Niemand weiß, wie Malema sein aufwendiges Leben finanziert. Kritische Journalisten, die nachfragen, bügelt er schon mal als "weiße Bastarde" ab.

Lange hat Zuma ihn nicht nur gedeckt, er hat ihm sogar den Adelsschlag verliehen und ihn als durchaus fähig und geeignet bezeichnet, einmal südafrikanischer Staatspräsident und ANC-Chef zu werden.

Doch diese Zeiten sind ebenso vorüber wie die, in denen die Karikaturisten ihn als Baby mit Windeln darstellten oder ihn als Clown verharmlosten. Malema ist zum gefährlichen Spaltpilz des ANC und der Gesellschaft in Südafrika geworden. Doch inzwischen gehen selbst Zuma die Eskapaden seines Zauberlehrlings zu weit.

Im Mai hatte Malema seine Anhänger in der Diamanten-Metropole Kimberley aufgehetzt, das Land weißer Farmer zu besetzen. "Wenn wir uns darüber einig sind, dass sie uns unser Land gestohlen haben, können wir uns auch darüber einig sein, dass sie Kriminelle sind und als solche behandelt werden müssen," rief er seinen Fans unter tosendem Beifall zu. Im Juli verlangte er den Sturz des "Marionetten-Regimes" von Präsident Ian Khama im benachbarten Botswana, einer der stabilsten Demokratien des schwarzen Kontinents. Sein Vorwurf: Khama arbeite mit kapitalistischen Ausbeutern zusammen und verrate die Interessen Afrikas.

Aggressiver Machtkampf um die Parteiführung

Immer wieder hat der ANC Disziplinarverfahren gegen Malema eingeleitet. Auch aktuell läuft ein Verfahren gegen ihn. Am Freitag wies die Partei einen Antrag Malemas, dieses Verfahren einzustellen, ab. Die Polizei musste das ANC-Gebäude mit einem Großaufgebot schützen. Erst jüngst war es im Zusammenhang mit dem Verfahren vor der Parteizentrale in Johannesburg zu den schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren gekommen.

"JuJu" - wie ihn seine Fans nennen - machte gezielt Stimmung gegen Zuma: "Die Führer kommen und gehen, aber der ANC bleibt bestehen." Es gab kein Halten mehr. "Hauptsache, ihr wisst, wer euer Feind ist," hetzte Malema. Die tobende Menge antwortete frenetisch: "Zuma, Zuma." ANC-Fahnen gingen in Flammen auf, Zuma T-Shirts und Porträts brannten.

"Hände weg von unserem Präsidenten," skandierte die Menge - und meinte Malema, nicht Zuma. Um das auch wirklich klarzumachen, intonierten die aufgehetzten Malema-Fans: "Wir beenden Zumas Präsidentschaft." Und dann kamen die Sprechchöre, die Südafrika Angst machen: "JuJu - die Zukunft unseres Landes."

Beim ANC-Kongress im kommenden Jahr in Manaung wird ein neuer Parteichef gewählt - und Julius Sello Malema hat bei Ziehvater Zuma gelernt, wie man selbst aus scheinbar aussichtsloser Position einen Machtkampf für sich entscheiden kann. Dem südafrikanischen "Mail & Guardian" schwant denn auch Schlimmes: "Nach dem Blitzkrieg kommt Stalingrad."

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