Südafrikas neuer Politstar Powerfrau vom Kap

Sie hat das fast Unmögliche geschafft: Die Kapstädter Oberbürgermeisterin Helen Zille kann die Provinz Western Cape künftig als Ministerpräsidentin mit absoluter Mehrheit regieren. Die Großnichte des Berliner Malers hat die politische Szene Südafrikas gründlich durcheinandergewirbelt.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Verliererin Lynn Brown nimmt es gelassen: "Glücklichweise habe ich bei meinem Einzug nur meine Zahnbürste, Musik-CDs und ein paar Bücher mitgebracht." Nur neun Monate hat die Politikerin des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) als Ministerpräsidentin in Kapstadts traditionsreichem "Leeuwenhof" residiert. Jetzt muss sie der Frau Platz machen, die die politische Szene Südafrikas durcheinanderwirbelt: Der Kapstädter Oberbürgermeisterin Helen Zille.

Ministerpräsidentin Helen Zille: Wahlsieg mit absoluter Mehrheit
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Ministerpräsidentin Helen Zille: Wahlsieg mit absoluter Mehrheit

Die Powerfrau vom Kap hat wieder einmal das schier Unmögliche geschafft: Sie hat den ANC im Western Cape von den Schalthebeln der Macht verdrängt und kann die Provinz - vergleichbar einem deutschen Bundesland - in den kommenden fünf Jahren mit absoluter Mehrheit regieren. "Wie ein unfolgsames Kind ist das Western Cape die einzige Provinz in Südafrika, die nicht nach der Melodie 'Bringt mir mein Maschinengewehr' tanzt", kommentiert die führende Wochenzeitung "Mail & Guardian" Zilles Überraschungserfolg.

ANC-Chef Jacob Zuma, der den Maschinengewehr-Song im Wahlkampf zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, trifft die Niederlage gleich doppelt: Er hat nicht nur das für den ANC traditionell unsichere Western Cape verloren, sondern zum ersten Mal seit 1994 musste seine Partei auch landesweit Stimmenverluste hinnehmen: Damals hatte Nelson Mandela in der ersten demokratischen Wahl 1994 einen Stimmenanteil von 62,65 Prozent erreicht.

Danach ging es stetig aufwärts: Im Jahr 1999 erzielte Nachfolger Thabo Mbeki 66,35 Prozent und steigerte das Ergebnis 2004 sogar auf 69,68 Prozent, eine satte Zweidrittelmehrheit. Zuma verfehlte diese symbolträchtige Zweidrittelmarke mit 65,9 Prozent zwar nur knapp. Aber er und seine Partei haben sich die vom Kapstädter Wirtschaftsprofessor Mike Morris erhoffte "blutige Nase" geholt. Denn auch landesweit hat Zilles Partei über vier Prozentpunkte zugelegt. Außerdem hat sich mit der vom ANC abgesplitterten Partei Cope eine neue politische Kraft etabliert und mit knapp acht Prozent einen Achtungserfolg erzielt.

Hohe Sympathiewerte für Zille

Zille hat im Wahlkampfendspurt voll auf ihre Kampagne mit dem Titel "Stoppt Zuma" gesetzt und fuhr damit nach vorläufigen Wahlanalysen in ihrer Stammprovinz Western Cape rund 90 Prozent der Stimmen der weißen Südafrikaner ein. In den weißen Wohnvierteln Kapstadts siegte sie unangefochten: In Bellville mit 85, in Durban mit 90 und in Edgemead gar mit 94 Prozent. Doch auch immer mehr Farbige und erstmals auch eine zunehmende Zahl schwarzer Südafrikaner haben ihrer "Demokratischen Allianz" (DA) ihre Stimme gegeben. Zille ist nicht nur der neue Star der weißen Bevölkerung, die ihr bei Umfragen vor der Wahl auf einer Beliebtheitsskala von eins bis zehn stolze 7,8 Punkte gaben. Mit einem Sympathiewert von 6,7 ist die siegreiche DA-Chefin auch Favorit bei den Farbigen.

Seit ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin vor drei Jahren hat die ehemalige Journalistin sich selbst systematisch zu einem Markenzeichen für Zielstrebigkeit, Liberalität und Modernität stilisiert. Sie ist immer als eine der ersten an ihrem Arbeitsplatz im sechsten Stock des riesigen Gebäudes der Stadtverwaltung mitten in Kapstadt. Später als sieben Uhr kommt sie fast nie.

In ihrem Haus in Kapstadts Univiertel Rosebank gehen meist schon morgens kurz nach vier Uhr die Lichter an. Dann beantwortet Zille Briefe, E-Mails und SMS. Auch auf der Fahrt ins Büro arbeitet die Bürgermeisterin: Der Fond ihrer BMW-Dienstlimousine ist zur mobilen Kommunikationszentrale umfunktioniert. Dabei wirkt sie selten hektisch, in Eile oder gestresst. Die schmale, mittelgroße Frau mit ihren 58 Jahren, ihrer leisen, aber festen Stimme vermittelt eher das Gefühl von Gelassenheit, von Ruhe. Sie nimmt sich zurück, kann zuhören.

Wenn es ihr zu langsam oder nicht nach ihrem Kopf geht, kann sie allerdings auch schnell herrisch, unduldsam werden. Zille ist durch ihre deutsch-jüdische Herkunft geprägt, Berlins sozialkritischer "Milljöh"-Maler Heinrich Zille war ihr Großonkel. "Das soziale Engagement, das sein Werk bestimmt hat, sein Eintreten für die kleinen Leute, das alles ist kennzeichnend für meine ganze Familie", sagt Helen Zille.

Flucht vor deutschem Rassenwahn

Ihr Vater Wolfgang Zille kehrte Deutschland 1934 den Rücken. Der Dessauer ging nach Südafrika, weil er dort dem deutschen Rassenwahn zu entkommen hoffte. Zilles Mutter emigrierte 1939 zunächst nach England, 1948 dann nach Südafrika. Dort ging alles sehr schnell: 1950 lernten die beiden jüdischen Emigranten Wolfgang Zille und Mila Cosmann sich in Johannesburg kennen. Sie heirateten wenige Wochen später.

Helen Zille wächst in einer politisierten Umgebung auf: Die Emigrantenfamilie ist ausgerechnet in ein Land geraten, in dem die Rassentrennung gerade zur offiziellen Politik erklärt wird und in dem die unmenschlichen Rassengesetze fast täglich verschärft werden. "Meine Mutter stemmte sich sofort aktiv dagegen", sagt Zille. Sie unterstützte Apartheidsopfer, gab Rat, Trost und Hilfe, wo immer sie konnte.

Für Helen Zille wird politisches Engagement zur Selbstverständlichkeit. Sie wird Journalistin. Ihre Recherchen für die "Rand Daily Mail" tragen maßgeblich dazu bei, die Wahrheit über die Ermordung des schwarzen Freiheitskämpfers Steve Biko ans Tageslicht zu bringen. Sie gilt als kommender Star in der liberalen südafrikanischen Journalistenszene. Doch 1981 wirft sie alles hin und wird politisch aktiv.

Bei der "Black Sash" findet sie ihre politische Heimat, einer Anti-Apartheidsbewegung, die sich selbst "Anwalt für eine gerechte Welt" nennt. 1994 beginnt Zilles politischer Aufstieg. Im Jahr 2000 wird sie Vizechefin der neugegründeten "Demokratischen Allianz" (DA). Im März 2006 wird die DA stärkste Kraft im Kapstädter Stadtparlament. Zille zimmert mit sechs kleineren Parteien eine Koalition und wird mit nur drei Stimmen Vorsprung zur neuen Bürgermeisterin der Metropole gewählt.

Angst vor einem Attentat

Einen "Meilenstein" nennt sie ihre Wahl: "Zum ersten Mal seit 1994 hat der ANC eine wichtige Wahl verloren." Der ANC tobt und mobilisiert die Straße. Sie wird tätlich angegriffen, die Polizei fürchtet Anschläge auf ihr Leben. Die unprätentiöse Frau, die bis dahin ohne Bewachung durch die Gegend gefahren war, muss sich auf Anraten der Polizei ab sofort von Bodyguards schützen lassen und von ihrem alten Opel auf den Dienstwagen mit dem stolzen Kennzeichen CA 1 umsteigen.

Auch an ihrem Haus in Rosebank, wo sie mit ihrem Mann, Professor Johann Maree, und ihren beiden erwachsenen Söhnen Paul und Thomas lebt, werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Der damalige ANC-Landeschef James Ngculu gibt offen die Parole aus: "Wir geben erst Ruhe, wenn wir sie aus dem Amt gejagt haben." Das "GodZille Monster" nennt er sie.

Zille ist von dem Hass und der Wut der Angriffe geschockt. Ausgerechnet ihr, der christlich erzogenen Jüdin, die gegen die Apartheid gekämpft hat, wirft der ANC Rassismus vor. "Das Tragische ist, dass der ANC selbst - wie die alte Nationale Partei - den Rassismus als Instrument zur politischen Mobilisierung benutzt," sagte sie damals. Ein Jahr tobt der Kampf, dann scheint der ANC am Ziel: Überläufer bringen Zille um ihre Mehrheit. "Ich bin an einem Freitagabend in dem Bewusstsein ins Bett gegangen, dass es vorbei ist," gibt sagt sie.

Auf jugendlich getrimmter Medienliebling

Doch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion schließt sie eine Koalition mit ihrer schärfsten Konkurrenz, den Independent Democrats - und ist stärker denn je. Die ANC-Niederlage in Kapstadt ist perfekt. Doch Zille arbeitet schon an ihrem nächsten Ziel: Im Mai 2007 ist sie zur Parteichefin der DA gewählt worden. Ihr Arbeitstempo erhöht sich noch einmal. Sie macht die DA zu einer Art "One-Woman-Show", lässt sich mit Botox auf jugendlich trimmen und wird zum Liebling der Medien.

Selbst beim Frisör gibt sie noch Interviews. Journalisten, die nicht voll auf ihrem Kurs liegen, bügelt sie auch gerne mal ab. Das Ziel, das sie fest im Blick hat: Sie will dem ANC das Western Cape abnehmen. Dem Maschinengewehr-Song von ANC-Chef Zumas setzt sie selbstbewusst ihre eigene Hymne entgegen: "Never Give Up". In den letzten Wahltagen hetzt sie im Charterjet durchs Land, kämpft um jede Stimme, vor allem in den Vierteln der Schwarzen. Sie will ihren Traum verwirklichen: "Südafrika kann die erste große Demokratie in Afrika werden, die die Rassenschranken wirklich überwindet."

Als sie am Freitagnachmittag nach ihrem Wahlsieg nach Kapstadt zurückkommt, wird sie am Flughafen von einer jubelnden, singenden und tanzenden Menge begrüßt - vor allem von farbigen Frauen. Für Zille ist der Triumph am Kap, der Aufstieg zur Ministerpräsidentin vielleicht nur ein Etappensieg. "She is always running", sagen ihre Mitarbeiter. Vielleicht schon zum nächsten Ziel.



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