Südafrikas Slums Wütender Mob verbrennt Einwanderer

Krieg in Südafrikas Elendsvierteln: Menschen verbrennen auf der Straße, Polizisten werden mit Maschinenpistolen beschossen, die Ausschreitungen geraten außer Kontrolle. Die Gewalt richtet sich vor allem gegen Ausländer - schon sprechen Beobachter von einer "neuen Apartheidsmentalität".
Von Karl-Ludwig Günsche

Winnie Mandela ist fassungslos. "Bitte, vergebt uns", stammelt sie schluchzend. "Nicht alle Südafrikaner sind so", sagt sie, als ob sie sich selbst trösten will. Die frühere südafrikanische First Lady ist mit einem Tross von Leibwächtern in die Polizeistation von Alexandra gekommen, wo mehr als tausend Flüchtlinge aus den afrikanischen Nachbarstaaten Zuflucht gesucht haben.

Dort, in den Straßen von Alexandra, hat alles angefangen: Vor über einer Woche zogen erstmals Banden durch das Johannesburger Elendsviertel, machten Jagd auf Ausländer, vor allem auf Flüchtlinge aus dem krisengeschüttelten Simbabwe.

Seitdem gibt es kein Halten mehr. In Diepsloot, Thokoza, Tembisa und Cleveland eskaliert die Gewalt. Captain Cheryl Engelbrecht von der Polizei in Cleveland zog am Sonntag nüchtern Bilanz: "Zwei Personen wurden verbrannt, drei wurden erschlagen. 50 weitere Menschen wurden mit Schusswunden oder Messerstichen in Krankenhäuser eingeliefert."

Die Zeitungen berichten am Montag von Menschen, die qualvoll verbrennen, während andere zusehen und das Leiden der Sterbenden lachend kommentieren.

Bis ins Stadtzentrum von Johannesburg zog der randalierende Mob am Wochenende. Plündernd und prügelnd zogen die Banden durch die Straßen. Reisende wurden attackiert, als sie am Bahnhof aus ihren Zügen stiegen. Polizisten wurden mit Maschinenpistolen beschossen.

Polizeisprecher Wayne Minnaar rief die Bevölkerung über Radio auf, bestimmte Stadtgebiete in Johannesburg zu meiden. Jack Bloom, ein führender Funktionär der Oppositionspartei "Demokratische Allianz", warnt: "Es ist ganz klar: Die Situation kann schnell außer Kontrolle geraten." Notfalls müsse Militär eingesetzt werden, verlangt Bloom.

Ein Krieg der Armen gegen die Einwanderer

In Südafrika ist der Krieg Arme gegen Arme am Wochenende eskaliert. Inzwischen hat die Gewalt auch die Touristenmetropole Kapstadt erreicht. In den Slums von Fisantekraal wurden zwei Somalis ermordet, zwei andere schwer verletzt. Seitdem herrschen auch hier Angst und Schrecken.

Traore Ishmail, ein Flüchtling von der Elfenbeiküste, sagt: "Ich hatte, seitdem ich hierher gekommen bin, noch nie Probleme mit Weißen. Aber unsere eigenen schwarzen Brüder und Schwestern behandeln uns schrecklich. Niemand spricht darüber, aber alle fühlen es. Auch hier könnte bald etwas passieren."

Jody Kollapen von der südafrikanischen "Kommission für Menschenrechte" fürchtet, dass die Gewalt in Alexandra nur der Anfang ist. "In einer sozial instabilen Gesellschaft ist es doch ganz einfach, die eigenen Frustrationen an Ausländern abzureagieren", sagt sie. Es sei "immer das gleiche Muster".

In der Tat sind derartige Ausschreitungen nicht neu. Neu ist das Ausmaß, das sie derzeit annehmen. Und die Brutalität, mit der der Mob wütet. Die Organisation "Hilfe für Flüchtlinge und Migranten in Südafrika" (Cormsa) hat seit 2005 landesweit 16 gewalttätige fremdenfeindliche Aktionen registriert, die meisten in den vergangenen sechs Monaten.

Ziel sind in erster Linie Flüchtlinge aus Simbabwe. Geschätzte drei Millionen Menschen sind vor dem simbabwischen Gewaltherrscher Robert Mugabe ins vermeintlich sichere Südafrika geflohen.

Mordopfer auch in Pretoria und Durban

In Atteridgeville bei Pretoria sind allein im März sieben Menschen umgebracht worden, meist Simbabwer, aber auch Pakistaner und ein Somalier. In der Hafenstadt Durban sind seit Beginn dieses Jahres zwei Ausländer ermordet worden. In Jeffreys Bay und East London wurden im Januar zwei kleine somalische Ladenbesitzer ermordet, in Soshanguve bei Pretoria ein Ausländer verbrannt.

Pierre Matate, Sprecher einer Gruppe von Anwälten, die sich um heimatlose Flüchtlinge kümmern, erzählt, dass bei einer Bürgerversammlung in Durban offen die Forderung erhoben wurde: "Ausländer raus." Zur Begründung wurden die alten Klischees angeführt: Migranten seien kriminell, nähmen den Einheimischen Arbeitsplätze und Frauen weg - und sie würden stinken.

"Diese neue Apartheidsmentalität tötet unser Land"

Cormsa-Vorsitzender Loren Landau, der sich an der Universität von Witwatersrand intensiv mit Migranten-Forschung auseinandersetzt, widerspricht heftig: "Wenn überhaupt, sind Ausländer in unserer Kriminalstatistik unterrepräsentiert", sagt er. Die Gewalt gegen sie nehme indes zu. "Seit vor zwei Jahren in den Slums bei Kapstadt Somalier gezielt angegriffen und ermordet wurden, ist die Zahl solcher Übergriffe kontinuierlich angestiegen", erläutert er.

Für die ausländerfeindlichen Ausschreitungen gebe es vor allem wirtschaftliche Gründe. Das sieht auch Thami Bolani, Vorsitzender der südafrikanischen Verbraucherschutzorganisation, so: "Die Armen in diesem Land vegetieren an der Überlebensgrenze", sagt er. Durch die rasant steigenden Lebensmittelpreise werde es vermutlich bald zu Hungermärschen kommen.

Südafrikas Politiker sind durch die ausländerfeindlichen Attacken aufgeschreckt - und reagieren teilweise hilflos. Der Vorsitzende des Panafrikanischen Parlaments, Letlapa Mphahlele, sagt: "Ich finde, die ganze südafrikanische Nation sollte ihr Haupt beschämt neigen." Auch der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Buti Thagale, ist erschüttert: "Diese neue Apartheidsmentalität tötet unser Land und nimmt uns die Würde", sagt er.

Braam Hanekom von der Organisation "Menschen gegen Gewalt, Unterdrückung und Armut" vergleicht den Umgang mit Ausländern in Teilen Südafrikas sogar "mit dem Leiden der Juden in den Anfangsjahren der Hitlerherrschaft in Deutschland".

Mit Maßnahmen tut sich die Politik indes schwer. Cormsa-Srecher Landau verlangt von der Regierung ein Umdenken: "Wir brauchen eine pragmatische Einwanderungspolitik, die beides berücksichtigt: unsere Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften und die Unmöglichkeit, den Flüchtlingsstrom ohne massive Menschenrechtsverletzungen zu stoppen", fordert er. Vor allem müsse offen über die Ursachen der Ausschreitungen gesprochen werden. Die bisherige Methode "festnehmen, wegsperren, abschieben" funktioniere nicht mehr.

Mbeki sieht finstere Hintermänner am Werk

Der zuständige Minister Nosiviwe Mapisa-Nqakula redet indes von einer geheimnisvollen "dritten Kraft", die hinter den Gewalttaten stecke und Südafrika in Angst und Schrecken versetzen wolle. Auch Staatspräsident Thabo Mbeki, der als erstes eine Kommission zur Untersuchung der Vorfälle eingesetzt hat, sieht finstere Hintermänner am Werk: "Wir hoffen, dass der eingesetzte Stab und die Polizei zusammenarbeiten und uns helfen werden, herauszufinden, wer dahinter steckt", sagt er.

Am meisten engagiert sich derzeit noch Jacob Zuma, Präsident des African National Congress (ANC). Er besucht Flüchtlingsverbände, spricht mit Opfern und erklärte in der vollbesetzten Aula der Universität von Pretoria unter donnerndem Beifall: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Südafrika wegen seiner Ausländerfeindlichkeit Schlagzeilen macht. Wir dürfen nicht fremdenfeindlich sein."

Dazu hätten zu viele ANC-Mitglieder in der Apartheidszeit selbst Zuflucht im Ausland suchen müssen - zu oft und zu lange. Dass die marodierenden Banden mit seinem Kampflied "Bringt mir mein Maschinengewehr" durch die Straßen gezogen sind, nahm der ANC-Chef persönlich: "Das geht zu weit. Das ist unser Lied", sagte er wütend.

Zuma ahnt wohl, dass Dosso Ndessomin von der Koordinierungsgruppe der Flüchtlingshilfswerke sonst schnell Recht bekommen könnte mit seiner Warnung: "Es beginnt immer mit Ausländerfeindlichkeit. Wenn das nicht mehr hilft, werden es Stammeskämpfe. Und das wird viel, viel schlimmer sein, als das, was wir jetzt erleben."

Ndessomin weiß, wovon er spricht: Er ist vor dem Terror in seiner Heimat Elfenbeinküste nach Südafrika geflohen.

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