Südirak Schiitenaufstand weitet sich aus

Die Milizen des radikalen Schiitenführers Muktada al-Sadr machen den Alliierten nicht mehr nur in Nadschaf zu schaffen. Mittlerweile drohen die Aufständischen mit Angriffen auf Öl-Pipelines und liefern sich schon im ganzen Südirak Gefechte mit Briten und Amerikanern. Die bereiten jetzt eine Großoffensive vor.


Zehnjähriger Sadr-Anhänger mit Raketenwerfer: Der Widerstandswille in Nadschaf ist stark
AFP

Zehnjähriger Sadr-Anhänger mit Raketenwerfer: Der Widerstandswille in Nadschaf ist stark

Bagdad - Britische Truppen gingen gegen Milizen in Basra, Amara, Nassirija, Samawa und Diwanija vor, nachdem sich Sadrs "Mahdi-Armee" bereits seit einer Woche in der Pilgerstadt Nadschaf mit US-Truppen Kämpfe liefert. Sadr rief seine Truppe dazu auf, auch dann weiterzukämpfen, wenn er selbst gefangen genommen oder getötet werde. "Kämpft weiter, selbst wenn ihr mich als Gefangenen oder als Märtyrer seht", ließ er in einer Erklärung verbreiten, die vom arabischen TV-Sender al-Dschasira zitiert wurde.

Die Mahdi-Miliz drohte mit Anschlägen auf die Ölpipelines im Süden des Irak, sollten die US-Truppen Nadschaf attackieren. "Wenn die US-Truppen heute Nacht Nadschaf angreifen, werden wir die Ölpipelines in die Luft sprengen", sagte Scheich Asaad al-Basri, der Anführer der Mahdi-Miliz in Basra der Nachrichtenagentur Reuters. Basra liegt im Süden des Irak und ist der wichtigste Ölhafen des Landes. Dort war in dieser Woche die Ölproduktion nach Anschlägen auf Pipelines stark beeinträchtigt.

Ein britischer Militärsprecher in Basra sagte, die Behörden hätten in den südlichen irakischen Provinzen britische Truppen zur Unterstützung angefordert. Zu den heftigsten Kämpfen kam es in Amara. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Bagdad wurden hier 15 Iraker getötet und 78 verletzt. In Basra starben bei bewaffneten Auseinandersetzungen vier Menschen, in Diwanija drei.

In der Pilgerstadt Nadschaf dauerten die Gefechte den siebten Tag in Folge an. US-Panzer drangen erneut auf den schiitischen Friedhof vor, auf dem sich Milizionäre verschanzt haben. Ein örtlicher Führer erklärte, das mehrere Quadratkilometer große Gräberfeld, das den Schiiten heilig ist, werde weiter von seinen Kämpfern kontrolliert.

Das US-Militär teilte unterdessen mit, irakische und amerikanische Truppen bereiteten sich darauf vor, "diesen Kampf, den Sadrs Milizen begonnen haben, zu beenden." Augenzeugen in Nadschaf berichteten von neuen US-Angriffen auf Stellungen der Milizionäre. Etwa 80 Prozent der Bewohner des Altstadtkerns hätten der Aufforderung des US-Militärs vom Vortag Folge geleistet, ihre Wohnungen zu verlassen, um bei einer Offensive nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Im Moment scheint sich US-Armee nach einem Bericht der "New York Times" jedoch plötzlich aus der Stadt zurückgezogen zu haben. Was die Streitkräfte damit bezweckten, ist unklar.

Bei den Kämpfen kamen zuvor in 24 Stunden zwölf Menschen ums Leben, 27 wurden verwundet. Heute Nachmittag rückten nach Augenzeugen US-Panzer weiter in Richtung auf die Imam-Ali-Moschee und den angrenzenden Friedhof vor. Milizionäre beschossen die feuernden Panzer von Häuserdächern aus mit Panzerfäusten.

Der irakische Vize-Präsident, Ibrahim al-Dschafari, verlangte den Abzug aller US-Truppen aus Nadschaf sowie den der Sadr-Milizen. Die Anwesenheit der regulären irakischen Sicherheitskräfte reiche aus, meinte er.

In Iran wurden für Freitag staatlich organisierte Massendemonstrationen gegen die Angriffe auf die für Schiiten heiligen Stätten angekündigt. Das Geistliche Oberhaupt Irans, Ajatollah Ali Chamenei, verurteilte das Vorgehen der US-Armee scharf. Weder die irakische Nation noch die islamische Welt würden die offensichtliche Verletzung von islamischen Heiligtümern vergessen.

In Mahmudija, 30 Kilometer südlich von Bagdad, wurde ein Funktionär der regierungsloyalen Schiiten-Partei Sciri (Oberster Rat der Islamischen Revolution im Irak) ermordet. Die Attentäter gaben aus einem fahrenden Auto mindestens 30 Schüsse auf Ali al-Sadi ab. Er war Chef der Partei in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad. Sciri ist in der irakischen Übergangsregierung vertreten und stellt unter anderem den Finanzminister. Unter Saddam Hussein hatte die Organisation in Iran Aufnahme und Unterstützung gefunden.

Bei der Explosion einer Bombe auf einem Marktplatz in der Ortschaft Chan Bani Saad, 40 Kilometer nördlich von Bagdad, wurden mindestens sechs Menschen getötet. Weitere zehn Personen erlitten Verletzungen, bestätigten Krankenhaussprecher. Bei zwei Überfällen auf irakische Polizisten im Raum Hilla südlich von Bagdad wurden vier Polizisten und einer der Angreifer getötet worden. Zehn Menschen wurden nach Angaben der Polizei verletzt.



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