Gewalt in Südkoreas Armee Das Zittern der jungen Rekruten

Sie verprügeln Kameraden und quälen Untergebene: In Südkoreas Militär häufen sich die Misshandlungen, jetzt sollen die Täter härter bestraft werden.

Malte E. Kollenberg

Von Malte E. Kollenberg, Seoul


In wenigen Minuten wird er sein bisheriges Leben aufgeben müssen, um seinem Land zu dienen: Kwak Byoung-ho sitzt neben seinen Verwandten auf der langen Tribüne des Exerzierplatzes in Nonsan, gut zwei Autostunden von Südkoreas Hauptstadt Seoul entfernt. Er sei "aufgeregt und etwas nervös", sagt der 21-Jährige. Von einem Soldaten wird er genau beobachtet. Interviews mit den neuen Rekruten finden nur unter Aufsicht statt. Das südkoreanische Militär kann momentan keine schlechte Presse gebrauchen.

Im April haben sich in einer Kaserne Szenen abgespielt, die an Stanley Kubriks Anti-Kriegsfilm "Full Metal Jacket" erinnern. Der 23-jährige Yoon Seung-joo starb, nachdem sechs seiner Kameraden ihn beim Essen verprügelt hatten. Über einen Monat lang sollen sie Yoon zuvor immer wieder misshandelt haben, heißt es vom Zentrum für Menschenrechte im Militär. Nun stehen sie vor einem Militärgericht.

Südkorea schreibt einen 21-monatigen Wehrdienst vor, den jeder geeignete Mann im Alter zwischen 18 und 35 Jahren abzuleisten hat; verweigern kann man ihn nicht. Wer sich - wie viele Zeugen Jehovas im Land - nicht wenigstens zur fünfwöchigen Grundausbildung bereit erklärt, muss mit Gefängnis rechnen. Ein Bericht des Hochkommissariats für Menschenrechte der Vereinten Nationen verweist auf Daten der Zeugen Jehovas, denen zufolge in keinem Land mehr Wehrdienstverweigerer im Gefängnis sitzen als in Südkorea.

Überbleibsel der japanischen Kolonialzeit

Die einzige Ausweichmöglichkeit besteht darin, nach der Grundausbildung zur Bereitschaftspolizei zu gehen. Doch auch dort ist die Behandlung nicht unbedingt besser.

Der 29-jährige Kim Tae-hwa erinnert sich an ähnliche Szenen, wie jene in den Militärkasernen. Ein knappes Jahrzehnt ist es her, dass er westlich von Seoul in Ilsan stationiert war. "Wir sind sehr oft geschlagen worden, weil wir im Rang niedriger waren." Einmal habe ihm ein Vorgesetzter mit einer Luftpistole ins Gesicht geschossen, erinnert er sich. Auch von Schlafentzug und sexuellen Erniedrigungen durch Vorgesetzte berichtet der junge Mann.

Die Ursachen für die brutale Behandlung könnten in der militärischen Tradition des Landes liegen. Der französischen Zeitung "Liberation" sagte Kim Min-seok, Sprecher des Verteidigungsministeriums, vor einigen Wochen: "Die Denkweise koreanischer Soldaten und die Art und Weise, wie sie andere behandeln, reflektiert nach wie vor japanische Soldaten." Von 1910 bis 1945 stand Korea unter japanischer Kolonialherrschaft. "Die japanischen Soldaten haben regelmäßig untere Ränge misshandelt und sie als 'Objekte' und nicht als Menschen gesehen."

Für Lim Tae-hoon, Leiter des Zentrums für Menschenrechte im Militär, muss sich vor allem bei der Bestrafung der Täter etwas ändern. "Die lasche Ahndung ist das Problem", sagt er. Verstöße dieser Art müssten von ordentlichen Gerichten nicht an Vorgesetzte weitergegeben werden. Wenn ein Vorgesetzter bis zu 15 Tage Arrest anordnen könne, und das ohne einen Richter, dann "kann Fehlverhalten einfach vertuscht werden", ist er sich sicher.

Seit der Tod des Wehrdienstleistenden Yoon Seung-joo öffentlich geworden ist, häufen sich Berichte über Misshandlungen. Auch werden Vorwürfe laut, die Armee sei jahrelang Verdachtsfällen und Beschwerden gar nicht nachgegangen.

Im Juni dieses Jahres lief ein Feldwebel in der Nähe der südkoreanischen Grenze mit Nordkorea Amok und tötete fünf seiner Kameraden. Die Militärführung erklärte daraufhin, der junge Soldat habe spezielle Aufmerksamkeit benötigt, da er Schwierigkeiten gehabt habe, sich an das Leben beim Militär zu gewöhnen. Auch 2005 und 2011 haben Amokläufer in der südkoreanischen Armee Kameraden getötet.

Die Großmutter des jungen Rekruten Kwak Byoung-ho haben all diese Berichte verunsichert. Ihr ist nicht wohl, als sie ihren Enkel bei der Eintrittszeremonie für den Wehrdienst sieht. Dass sich bei der Armee nun angeblich etwas zum Guten wendet "hat mich aber etwas beruhigt", sagt sie. Auch ihr Enkel will nicht schweigend zusehen. Er hat sich fest vorgenommen, sofort Alarm zu schlagen, wenn er von Misshandlungen erfährt.

insgesamt 3 Beiträge
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Tharsonius 31.10.2014
1. Wenn alle...
...Menschen auf dieser Welt den Dienst an der Waffe so konsequent verweigern würden wie es die erwähnten Zeugen Jehovas schon immer getan haben (vor allem während des Nazi regimes), wäre es schwer einen Krieg überhaupt erst zu beginnen. Auch wenn viele genervt sein mögen das Zeugen Jehovas einen manchmal am frühen Samstag morgen aus dem Bett klingeln, sei ihnen für dieses konsequente Verhalten durchaus Respekt gezollt.
ofelas 31.10.2014
2. alter hut
sowas ist seit Jahzehnten bekannt in Suedkorea, mein Sportleiter kamm aus diesem Land (1982) und hat ueber seine Zeit bei den Marineinfantery gesprochen (auch bei anderen Einheiten normaler Vorgang) die Details wuerden jeden preussischen Spiess ertaunen lassen
rainer_daeschler 31.10.2014
3. Übersetzungsfehler
"Im Juni dieses Jahres lief ein Feldwebel in der Nähe der südkoreanischen Grenze mit Nordkorea Amok und tötete fünf seiner Kameraden. Die Militärführung erklärte daraufhin, der junge Soldat habe spezielle Aufmerksamkeit benötigt, da er Schwierigkeiten gehabt habe, sich an das Leben beim Militär zu gewöhnen." Jemand, der einen Lehrgang als Unteroffizier und dann Feldwebel gemacht hat, wird kaum unter Eingewöhnungsschwieirigkeiten. gelitten haben. Koreanische Quellen sprechen von einem "byeongjang", was der höchste Mannschaftsdienstgrad ist und den NATO-Rang-Codes zufolge einem Stabsgefreiten der Bundeswehr entspricht.
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