Südkoreas Präsidentin droht Amtsenthebung Ränkespiele im Blauen Haus

Südkoreaner sind an Korruption gewöhnt, doch was sich die Staatsspitze leistete, war zu viel: Stürzt die Präsidentin über den Machthunger ihrer engsten Freundin?

Park Geun Hyeging
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Park Geun Hyeging

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Als Park Geun Hye vor fast vier Jahren als erste weibliche Präsidentin ihr Amt antrat, weckte sie hohe Erwartungen: Ähnlich wie ihr verstorbener Vater, der einstige Diktator Park Chung Hee, würde sie dem Exportland ein neues Wirtschaftswunder bescheren.

Doch die erhofften Erfolge blieben aus. Stattdessen ließ Park es angeblich zu, dass korrupte Berater ihre Autorität dreist missbrauchten, um sich zu bereichern.

Es ist eine bizarre Geschichte, deren Details in den vergangenen Wochen den koreanischen Volkszorn erregt haben: Im Zentrum der Vorwürfe, die Park am Ende ihr Amt kosten dürften, steht Choi Soon Sil, 60. Die enge Vertraute der Präsidentin sitzt in Untersuchungshaft in Seoul, ihr und weiteren hochrangingen Beratern wird unter anderem Korruption und Geheimnisverrat vorgeworfen.

Choi ist die Tochter eines verstorbenen Sektenführers - sie wird deshalb auch als "Schamanin" bezeichnet. Ihr Einfluss auf die Staatpräsidentin rührte von gemeinsamen Jugendtagen her: Damals zog Chois Vater Park mit der Behauptung in seinen Bann, er verfüge über die Fähigkeit, mit Parks verstorbener Mutter Youk Young Soo im Jenseits zu kommunizieren.

Freundin trieb angeblich Spenden in Millionenhöhe ein

Choi soll das "Blaue Haus", wie der Präsidentenpalast in Seoul genannt wird, zu ihrer privaten Machtzentrale ausgebaut haben. Von heimischen Konzernen wie Samsung trieb sie angeblich Spenden von umgerechnet mehreren Millionen US-Dollar für ihre privaten Stiftungen ein. Die Staatsanwaltschaft in Seoul wirft Park vor, als "Komplizin" in die Machenschaften der Freundin verstrickt zu sein.

Was den Zorn der Südkoreaner zusätzlich befeuert: Choi soll ihren Einfluss auch dazu genutzt haben, um ihrer Tochter auf illegalen Umwegen den Zugang zu einer renommierten Universität zu verschaffen. Damit ersparte sie ihr die hürdenreiche Aufnahmeprüfung, für die Koreaner sonst jahrelang pauken. Im bildungsbesessenen Südkorea kommt so etwas nicht gut an.

Das Gericht prüft und Park muss Amtsgeschäfte ruhen lassen

Das Verfassungsgericht in Seoul hat nun bis zu 180 Tage Zeit, den Antrag des Parlaments auf Amtsenthebung Parks zu prüfen. Während dieser Frist muss die Präsidentin ihre Amtsgeschäfte ruhen lassen. Sie darf vorerst im Blauen Haus wohnen bleiben, das auch das Haus ihrer tragischen Kindheit ist. Gerüchten zufolge verbringt sie ihre Tage dort weitgehend isoliert, selbst mit ihren Beamten soll sie dort kaum noch sprechen.

Es ist zu hoffen, dass die obersten Richter die gespenstische Ära Park nun schnell beenden und eine Neuwahl ermöglichen. Südkorea kann sich ein ausgedehntes politisches Vakuum nicht leisten.

Denn das Land steht vor gewaltigen Herausforderungen: In Nordkorea treibt Diktator Kim Jong Un den Bau von Atomraketen voran. Mit ihrem sturen Beharren auf Sanktionen gegen Pjöngjang, die nichts bewirkt haben, hat Park wertvolle Zeit vergeudet. Die beiden Koreas müssen wieder miteinander reden.

Auch wirtschaftlich hat Park ihr Land in eine Sackgasse manövriert. Die Wachstumsflaute im benachbarten China, dem wichtigsten Handelspartner, zwingt Südkorea, sein Industriemodell zu überdenken. Das Land braucht neue innovative Unternehmen. Dazu müsste es sich indes befreien von der Übermacht der riesigen Mischkonzerne wie Samsung.

Vor ihrer Wahl zum Staatsoberhaupt versprach Park eine "Demokratisierung" der Wirtschaft. Diesen hehren Begriff legten sie und ihre Freundin Choi aber offenbar so aus, dass sie selbst bei Konzernbossen beliebig Geld für ihre dubiose Zwecke abschöpfen konnten.

Es war von vornherein eine Illusion zu glauben, ausgerechnet Park könne das korrupte System reformieren, das ihr autoritärer Vater einst begründete. Die Befreiung von den Schatten der Vergangenheit kann nur gelingen, wenn diese Präsidentin bald auszieht aus dem Blauen Haus.

Zusammengefasst: Südkoreas Verfassungsgericht prüft einen Antrag des Parlaments, das Präsidentin Park Geun Hyeging ihres Amtes entheben will; ihr werden Vetternwirtschaft und Korruption vorgeworfen. Doch auch an ihren politischen und wirtschaftlichen Zielen ist Park gescheitert: Das Verhältnis zur Atommacht Nordkorea ist wieder abgekühlt, die Abhängigkeit von kriselnden Konzernen wie Samsung lähmt Innovationen im Land.



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