"Smart City"-Utopia Songdo Es grünt so grün, wo Südkoreas Kameras stehen

Dank neuer Technologie ist die "Smart City" Songdo besonders umweltfreundlich. Müll wird abgesaugt, Wasser aufbereitet, Solarenergie gewonnen. Hightech bedeutet hier aber auch: Alles wird überwacht.

Katharina Peters

Aus Songdo berichtet


Auf einer Wiese mitten im "Central Park" laufen Kinder durcheinander. Sie spielen nicht in Manhattan, sondern in der südkoreanischen Stadt Songdo. Dass die ihren Park nach dem berühmten Vorbild benannt hat, macht die Dimension klar, in der die Planer hier gedacht haben.

Songdo ist nicht irgendeine Siedlung in Südkorea, sie will in die Welt strahlen, eine "Stadt der Zukunft" sein und Investoren anziehen. Denn Songdo ist eine sogenannte Smart City.

"Smart" heißt in Songdo, dass die Menschen hier dank moderner Technologie umweltfreundlich, ressourcenschonend und sicher leben sollen. Seit 2003 wurde an der koreanischen Westküste Land aufgeschüttet und eine Stadt komplett neu gebaut. Es ist ein Vorzeigeprojekt nur 50 Kilometer westlich der Hauptstadt Seoul, das Südkorea viel Aufmerksamkeit gebracht hat.

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"Smart City" Songdo: Die grüne Insel-Utopie

Auf vielen Dächern der Hochhäuser, die mit ihren Glasfassaden den Park säumen, sind Solarmodule installiert. Es gibt Regenwasserspeicher, Abwasser wird wiederaufbereitet. Die Gebäude sind nach dem LEED-Standard für besonders nachhaltige Bauweise zertifiziert. Ihre Bewohner müssen ihre Müllbeutel an speziellen Stationen einwerfen, die Säcke werden dann eingesaugt und über ein Rohrleitungssystem in eine Recyclinganlage transportiert.

Breite Radwege und Holzpavillons fürs Picknick

Durch die City ziehen sich Fahrradwege; wer kein Rad hat, kann sich eines ausleihen. In Seoul kann es lebensgefährlich sein, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, in Songdo hingegen radeln Menschen, viele mit Kindersitzen am Gepäckträger, sicher über breite Wege. Zwischen den Wohntürmen wurden unzählige Spielplätze angelegt. 40 Prozent der Fläche von Songdo bleiben "grün".

Maria Guardia lebt hier seit anderthalb Jahren mit ihrem Sohn und ihrer Tochter. Die Costa-Ricanerin findet es schön, dass sie mit ihnen überall hinradeln oder -laufen kann - schließlich will sie auch ein Vorbild für ihre Kinder sein. Sie wünscht sich aber, dass Songdo noch mehr tut.

"Letztlich leben wir hier in einer Blase", sagt Maria. "Hier wohnen sehr wohlhabende Leute - und die kaufen gern viel." Was sie nicht bräuchten, werde weggeworfen. Sie sitzt auf einem Sessel in ihrer Wohnung und zeigt auf einen Globus. "Den haben wir neulich bei den Mülltonnen gefunden. Er war nur ein bisschen schief, wir haben ihn in nicht einmal einer Minute repariert, jetzt ist er wieder hübsch". Es wäre schön, den Kindern beizubringen, dass man mit Dingen achtsam umgehen müsse und sie wiederverwenden könne, sagt sie.

Hoher Plastikkonsum in Südkorea

Als Maria später an den Müllanlagen ihres Gebäudes vorbeigeht, stapeln sich dort Styroporboxen, in denen gekühlte Produkte geliefert wurden. Sie passen nicht in die Einwurfschächte. Im Lieferservice- und Plastik-verrückten Südkorea, das den weltweit höchsten Kunststoffkonsum pro Kopf hat, ist Umweltschutz manchmal nicht leicht.

Ist es also ein Problem, dass die Stadt zwar für Umweltfreundlichkeit ausgelegt ist, die Menschen ihr Verhalten aber noch nicht angepasst haben? "Ja, so scheint es", sagt Maria.

Für eine als grüne Hightech-Utopie gedachte Stadt ist Songdo zudem erstaunlich automobilzentriert. Acht- bis zehnspurige Straßen ziehen sich wie Schneisen durch die Stadt, die mit einer Fläche von 54 Quadratkilometern etwa so groß ist wie Manhattan - aber noch nicht annähernd so lebendig. Abseits der Hochhäuser liegt viel braches Marschland.

Städte sind wichtig im Kampf gegen den Klimawandel

Vieles ist noch nicht fertig in Songdo, es ist auch als ein Labor zu verstehen. Im Kampf gegen den Klimawandel sei es enorm wichtig, Städte zu verändern, sagt Simon Wilson vom Green Climate Fund (GCF). Der GCF ist das zentrale Instrument, über das weltweit Projekte für nachhaltige, emissionsarme Entwicklung gefördert werden. In Songdo hat der GCF seinen Hauptsitz.

Auf städtische Gebiete entfielen rund 70 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und rund 75 Prozent der Emissionen, argumentiert der GCF und investiert daher 100 Millionen US-Dollar in ein Projekt, um Metropolen in den Schlüsselbereichen Energie, Müll, Wasser und Verkehr nachhaltiger zu gestalten.

Die Geisterstadt füllt sich

Songdo ist bereits einen Schritt weiter als gewachsene Großstädte. Zwar ist sie weder "die Stadt, die alle Probleme der modernen Welt verbannen wird". Sie ist aber auch nicht die leere Retortencity oder "Tschernobyl-ähnliche Geisterstadt", als die sie verschrien wurde.

Wie viele künstliche Städte steht auch diese vor der Herausforderung, Bewohner anzulocken. Rund 260.000 Menschen sollen hier einmal leben, zurzeit sind es nur 150.000. Aber inzwischen wirkt es belebter in Songdo. Im "Central Park" picknicken Mütter mit ihren Kindern, in einem Salzwasserbecken ruhen Senioren ihre Füße aus. Es gibt Festivals, Zentren für moderne Kunst, ein Kino.

"Ich komme gern am Wochenende mit meinen Freunden", sagt Yoo Hannah, 31, die im Stadtmuseum arbeitet. Aber wohnen wolle sie hier nicht. "Es ist einfach zu teuer."

Eine Stadt, die mitdenkt - und alles sieht

Denn die "Smart City" muss man sich leisten können. Mit luxuriösen Apartments und renommierten Schulen und Universitäten sollen reiche Koreaner und Ausländer angelockt werden. Und die legen auch Wert auf Sicherheit.

Einsatzzentrale der Stadt Songdo: 24 Stunden die ganze Stadt beobachten
Katharina Peters

Einsatzzentrale der Stadt Songdo: 24 Stunden die ganze Stadt beobachten

So messen Sensoren und insgesamt 980 Kameras nicht nur den Fluss des Verkehrs oder die Luftverschmutzung, sie bewachen - oder überwachen - auch die ganze Stadt. Kameras scannen auch Gebäude präventiv ab und erstellen Wärmebilder, um Feuer zu entdecken. Alle Nummernschilder von Autos, die über die fünf Brücken in die Stadt kommen, werden ausgelesen.

Wer sich in einem Park laut streitet, sollte wissen, dass die Sensoren mithören können - und wenn ein Streit zu laut wird, fragt möglicherweise ein Mitarbeiter der Einsatzzentrale über den am Kameramast angebrachten Lautsprecher: "Brauchen Sie Hilfe?"

In der Einsatzzentrale laufen alle gesammelten Informationen zusammen. An Dutzenden Monitoren beobachten die Mitarbeiter 24 Stunden am Tag die Stadt. Sie stehen in Kontakt mit Polizei und Feuerwehr.

Für viele Europäer klingt das abschreckend. Koreaner aber sind gegenüber digitaler Datennutzung grundsätzlich aufgeschlossen. "Einige Leute haben uns sogar darum gebeten, in ihren Apartments Kameras zu installieren", sagt Oshikawa Eli, Managerin in der Einsatzzentrale. "Aber wir überwachen nur den öffentlichen Raum."

Theoretisch habe man auch die technischen Möglichkeiten, Gesichtserkennung und Drohnenüberwachung in Songdo einzuführen - das dürfe man aber aus rechtlichen Gründen nicht. Oshikawa kennt die Bedenken wegen des Datenschutzes, gerade Delegationen aus Europa fragten viel danach. Vielleicht, sagt sie, hänge es auch davon ab, in welcher Phase seines Lebens man sei. "Wenn ich weiß, dass mein Kind sicher allein zur Schule gehen kann, dann beruhigt mich das."

"In Songdo", sagt Oshikawa, "geht es nicht um Roboter, Drohnen oder fahrerlose Autos. Es geht um Menschen, die glücklich sein möchten."

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Seite 1
bernhard.geisser 21.09.2019
1.
Wenn mich mein Arbeitgeber vor die Wahl stellen würde, weiterhin in Frankfurt zu arbeiten oder ob ich meinen Arbeitsplatz in die Smart City Songdo verlegen möchte, dann wäre meine Antwort klar: Songdo!
sucher533 21.09.2019
2. Safe City für Wohlhabende
Der Artikel beschreibt die Infrastruktur für einen Überwachungsstaat, in dem die Elite sich ihre eigene heile Welt baut. Die Nachfrage nach Überwachungskameras in der eigenen Wohnung hat aber schon einen starken Hauch von "1984".
peteftw 21.09.2019
3. Klar
Es gibt Menschen auf der Welt die definieren Freiheit auch über Sicherheit.. Ist in Asien nicht unüblich. Koreaner, Chinesen und Japaner sind fassungslos, dass in Europa wegen fehlender Überwachungskaneras Straftaten regelmäßig unaufgeklärt bleiben. Habe ich oft genug gehört. Das sollte man verstehen und respektieren wenn man wie hier die "Überwachung" kritisiert
silbenschleif 21.09.2019
4. Vorbild - aber für Deutsche unerreichbar
Umweltfreundlich und verkehrsgerecht passt gut zusammen. Nur engstirnige Europäer haben Probleme mit dem Konzept, von vornherein breite Straßen zu bauen, damit bei wachsender Einwohnerzahl der Verkehr fließt und nicht steht.
Melissa85 21.09.2019
5. nur eine Frage der Zeit
Es wird nicht lange dauern bis sich um die Stadt slums gründen werden wenn sie nur auf reiche Bewohner zielt. Der normale Arbeiter der zwangsläufig gebraucht wird kann sich sicherlich die mieten nicht leisten.
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