Südlibanon Bombardement löscht Familie aus

Der Krieg im Nahen Osten fordert immer mehr Opfer: In der Nacht wurden bei einem israelischen Luftangriff im Südlibanon sieben Mitglieder einer Familie getötet. Inzwischen erhebt die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch schwere Vorwürfe gegen das Militär.


Beirut/New York - Laut libanesischen Angaben wurden in der Nacht bei einem israelischen Luftangriff in dem Dorf Nabatijeh im Südlibanon sieben Personen einer Familie getötet: Ein Mann namens Mohammed Ghandur, seine Frau und ihre fünf Kinder. Krankenhausmitarbeiter berichteten zudem von einer verletzten Person. Hintergründe, warum das Militär das Haus beschoss, wurden zunächst nicht bekannt. Insgesamt wurden laut offiziellen libanesischen Angeben mittlerweile 391 Personen auf ihrem Staatsgebiet getötet.

Der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, macht allerdings auch die Hisbollah für die hohe Zahl ziviler Opfer bei den israelischen Luftangriffen im Libanon verantwortlich. Die Hisbollah-Kämpfer müssten aufhören, "sich feige unter Frauen und Kinder zu mischen", forderte Egeland, als er gestern aus Beirut kommend in Zypern zwischenlandete. Der Uno-Koordinator hatte am Sonntag die israelischen Luftangriffe als unverhältnismäßig kritisiert und der Regierung in Jerusalem Verstöße gegen internationales Recht vorgeworfen.

Unterdessen dauern die schweren Gefechte zwischen israelischen Soldaten und Kämpfern der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz im Südlibanon an. Die Kämpfe konzentrieren sich weiter auf die Hisbollah-Hochburg Bint Dschbeil. Die israelische Armee nahm am Morgen weite Teile der Ortschaft ein. Der Grenzort sei aber noch nicht unter Kontrolle, sagte ein Armeesprecher in Tel Aviv. Gefechte, bei denen es auf beiden Seiten Tote und Verletzte gebe, dauerten an. Die israelische Armee habe die Stadt eingekreist und Positionen im Zentrum eingenommen, sagte der israelische Oberstleutnant Itzik Ronen, der eine Panzereinheit in dem Kampfgebiet führt, im israelischen Rundfunk. "Der Feind hat nicht geringe Verluste", sagte er. "Wir haben mehrere Gefangene genommen."

Seit Montag kamen den Angaben zufolge dort zwei Soldaten und drei Hisbollah-Kämpfer ums Leben. 14 israelische Soldaten seien verletzt worden. Sechs der Verwundeten seien offenbar vom Feuer der eigenen Kameraden getroffen worden. Die Zahl der getöteten israelischen Soldaten seit Beginn der israelischen Offensive im Libanon am 12. Juli stieg damit auf 24. Durch Raketen der Hisbollah wurden seit dem 12. Juli 41 Israelis getötet.

Als Reaktion auf die zunehmende internationale Kritik an ihrer Libanon-Offensive hat die israelische Regierung jetzt eine PR-Kampagne gestartet, um ihren eigenen Standpunkt wieder stärker in die Öffentlichkeit zu rücken. Ministerpräsident Ehud Olmert habe am Sonntag seine Kabinettsmitglieder aufgefordert, sich mehr für Interviews mit den mehreren hundert Fernsehsendern aus aller Welt anzubieten, die derzeit im Land sind, berichteten Mitarbeiter. Um verbale Ausrutscher zu vermeiden, hätten alle Minister bereits ein Kommunikationstraining durchlaufen, um auch auf Englisch, Russisch oder Arabisch Rede und Antwort stehen zu können.

Der Regierungschef habe zudem seinen Stellvertreter Schimon Peres um eine Europa-Tour gebeten, um vor Ort "den israelischen Standpunkt und die Ziele des Landes" vertreten zu können, hieß es in Jerusalem. Der 82-jährige Friedensnobelpreisträger sei bis jetzt schon in 15 verschiedenen Fernsehsendern zu sehen gewesen, sagte sein Berater, Joram Dori. Angesichts der bröckelnden Zustimmung im eigenen Land rückt die israelische Regierung mittlerweile auch von ihrem Maximalziel der Vernichtung der Hisbollah-Miliz ab. "Für uns ist aktuell das oberste Ziel, die Hisbollah von einem Stopp ihrer Angriffe zu überzeugen und von der Freilassung der beiden entführten Soldaten", sagte ein ranghoher Mitarbeiter des Außenministeriums.

Auch aus dem Gaza-Streifen wird neue Gewalt gemeldet: Am frühen Morgen wurde bei einem Luftangriff in dem Palästinensergebiet ein Haus zerstört, das einem mutmaßlichen Extremisten gehört haben soll. Nach Angaben von Anwohnern wurden sieben Menschen verletzt, die sich in Nachbargebäuden aufhielten. Der israelischen Armee zufolge war das Ziel des Angriffs ein Gebäude, in dem der Islamische Dschihad Munition herstellte und lagerte. Der Besitzer des dreistöckigen Hauses sagte jedoch in einem Radio-Interview, dass keiner der Bewohner Mitglied einer militanten Organisation sei. Am Vortag hatte die israelische Armee nach Angaben von palästinensischen Augenzeugen im Gaza-Streifen sechs Menschen getötet und weitere verletzt.

Human Rights Watch: Israel setzt Streubomben ein

Die US-Organisation Human Rights Watch warf Israel unterdessen den Einsatz von Streugranaten bei einem Angriff auf ein libanesisches Dorf in der vergangenen Woche vor. Human Rights Watch erklärte, ihr lägen Fotos vor, auf denen sogenannte Cluster-Granaten zu sehen seien, die die israelische Artillerie an der Grenze zum Libanon gelagert habe. Vergangenen Mittwoch sei beim Angriff auf das Dorf Blida solche Munition verwendet worden. Ein Mensch starb, mindestens zwölf Zivilisten wurden verletzt.

Der Einsatz von Streumunition sei besonders in bevölkerten Gebieten inakzeptabel, da ihre Wirkung nicht genau kontrollierbar sei, sagte Human-Rights-Watch-Direktor Kenneth Roth. Ereignisse im Irak und im Kosovo hätten gezeigt, dass der Einsatz von Streumunition stets mit zahlreichen zivilen Opfern einhergehe. "Israel muss sofort damit aufhören, Streubomben im Libanon zu verwenden", forderte Roth. Streugranaten hinterlassen häufig zahlreiche Blindgänger, die auch Jahre später noch explodieren können.

Das israelische Militär erklärte, der Gebrauch von Streumunition sei gemäß internationalem Recht legal. Der Vorfall, auf den sich die Menschenrechtsorganisation beziehe, werde geprüft.

lan/Reuters/AP/AFP



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