Südlibanon Hilfskonvois kommen trotz Feuerpause nur langsam voran

Hilfsorganisationen wollen den von Israel ausgerufenen Stopp der Luftangriffe nutzen, um die Menschen im Südlibanon zu versorgen. Doch nicht alle Konvois kommen durch. Indessen fordert Pro Asyl die Aufnahme von libanesischen Flüchtlingen in Deutschland


Beirut - Nach der vorübergehenden Aussetzung der israelischen Luftangriffe auf den Südlibanon haben sich Hilfskräfte und Bergungstrupps heute auf den Weg in die umkämpften Städte und Dörfer gemacht. Zwei Hilfskonvois der Vereinten Nationen sollten in die Hafenstadt Tyrus und in das Dorf Kana fahren, in dem bei einem Angriff Israels gestern mindestens 54 Zivilisten getötet worden waren.

Neun Lastwagen seien auf dem Weg nach Tyrus, um Flüchtlinge mit Hilfsgütern zu versorgen, sagte der Sprecher des Welternährungsprogramms, Robin Lodge. Sechs Lastwagen sollten Lebensmittel und medizinische Güter weiter nach Kana bringen. Tyrus ist normalerweise 80 Autominuten von Beirut entfernt. Wegen der Bombardierung der Hauptstraße an der Küste mussten die Lieferungen aber zuletzt Umwege von vier bis fünf Stunden durch die Berge in Kauf nehmen.

Auch heute war nicht klar, ob die Hilfe ihre Ziele erreichen würde. Nach Angaben des Welternährungsprogramms musste ein Hilfstransport nach Marjayoun wegen anhaltender Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah abgesagt werden. Israel wollte der Uno zufolge keine Sicherheitsgarantien für die geplante Route geben.

Erstmals seit Beginn der israelischen Offensive erreichte ein Hilfskonvoi die umkämpfte Hisbollah-Hochburg Bint Dschbeil. Die Helfer des Roten Kreuzes wollten kranke und betagte Zivilisten aus der zum Teil zerstörten Ortschaft evakuieren, berichtete ein AFP-Reporter. In den Konvoi des Roten Kreuzes hatten sich auch Ambulanzen der libanesischen Zivilverteidigung eingereiht. Die Vereinten Nationen wollen morgen weitere Hilfsgüter nach Bint Dschbeil schicken. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wollte nach eigenen Angaben ebenfalls morgen Hilfe in das Grenzdorf Rmeisch bringen.

Hunderte Libanesen nutzten indes die Aussetzung der Luftangriffe, um ihre Dörfer zu verlassen, die in den Tagen zuvor unter schwerem israelischem Beschuss gelegen hatten. Augenzeugen beobachteten östlich von Tyrus einen aus 33 Fahrzeugen bestehenden Konvoi aus dem Dorf Teir Harfa, dessen Bewohner seit Beginn der israelischen Offensive vor 20 Tagen nach eigenen Aussagen ohne Wasser- und Lebensmittelnachschub geblieben waren. Vor Tankstellen bildeten sich lange Schlangen

Aufnahme libanesischer Flüchtlinge gefordert

Angesichts der dramatischen Lage im Libanon forderte Pro Asyl die Aufnahme libanesischer Flüchtlinge in Deutschland. Der Libanon sei damit überfordert, Hunderttausende von Binnenvertriebenen selbst zu versorgen, erklärte die Flüchtlingsorganisation heute in Frankfurt. Flüchtlinge in Erstaufnahmestaaten wie zum Beispiel in Syrien benötigten mehr als nur logistische und materielle Unterstützung. Die Bundesregierung müsse sofort handeln. Pro Asyl warf Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor, sich mit der Aussage, Flüchtlinge müssten in der Region versorgt werden, aus der Verantwortung ziehen zu wollen. Derzeit evakuieren die EU-Staaten ausschließlich eigene Staatsangehörige.

Die Bundesrepublik sei gefordert, sich auf europäischer Ebene für ein gemeinsames Vorgehen zur Aufnahme von Flüchtlingen einzusetzen, verlangte Pro Asyl. Mit der Richtlinie zum vorübergehenden Schutz habe die EU ein Instrument geschaffen, das im Falle von Massenfluchtbewegungen die schnelle Aufnahme von Flüchtlingen ermögliche. Die Richtlinie, die bislang noch nie zum Einsatz gekommen sei, müsse nun angewendet werden. Bereits jetzt solle Deutschland zumindest diejenigen libanesischen Flüchtlinge aufnehmen, die Angehörige in Deutschland hätten.

Heute verließ der vorerst letzte deutsche Evakuierungskonvoi die libanesische Hauptstadt Beirut. Mit dem Bus-Konvoi wurden 140 Menschen nach Syrien gebracht, davon 120 Deutsche oder Libanesen mit Aufenthaltsgenehmigungen für die Bundesrepublik sowie insgesamt 20 Dänen und Bulgaren.

"Dies wird voraussichtlich der letzte Transport sein", hieß es bei der deutschen Botschaft. Sollten jedoch Deutsche, die in den Dörfern des Südlibanons festsitzen, die von Israel angekündigte Aussetzung der Luftangriffe nutzen, um die umkämpfte Region zu verlassen, so könne man für diese Menschen wahrscheinlich noch kurzfristig sichere Ausreisemöglichkeiten per Bus oder Fähre organisieren. Seit Beginn der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah am 12. Juli haben rund 6000 Menschen mit Hilfe der deutschen Botschaft den Libanon verlassen.

phw/AP/AFP/dpa/Reuters



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