Südossetien Das doppelte Leid der Leila Djiojewa

Die Gewalt kam in zwei Wellen: Auf Kriegsverbrechen der georgischen Armee reagierten die Südosseten mit Rache. Sie plünderten die Wohnungen ihrer georgischen Nachbarn und steckten ihre Häuser an. Manchmal verläuft die Front des Kaukasus-Konflikts mitten durch eine Familie.

Von Sergej Aleksejew, Dmitrij Beljakow und


Zchinwali/Wladikawkas/Moskau - Leila Djiojewa, eine kräftige Ossetin mit hochgesteckten Haaren, war zufrieden mit ihrem Leben. In Hetagurowo, einem 170-Häuser-Dorf vier Kilometer westlich von der ossetischen Hauptstadt Zchinwali entfernt, wohnten sie und ihr Mann Walerij in einem der größten Höfe, einem lichten, zweistöckigen Backstein-Haus mit fünf Zimmern. Sie besaßen sieben Kühe, drei Pferde, eine kleine Herde Schafe und Hühner. Und ihre Familie war ein Beispiel, dass es nicht nur Hass gab zwischen dem großen Nachbarn Georgien und dem kleinen Bergvolk der Osseten - sondern auch Liebe.

Leilas Tochter Natia, 23, hatte vor drei Jahren den Georgier Gela geheiratet und hieß seitdem Georgadse, ein urgeorgischer Name wie Maier oder Müller in Deutschland. "Mein Gott, wir wissen nicht einmal, ob mein Schwiegersohn noch lebt. Vielleicht hat Saakaschwili ihn in die Kämpfe geschickt", seufzt sie. "Soll ich denn alle Männer in meiner Familie verlieren?"

Ihr Mann Walerij, 48, und ihr Sohn Witalij, 19, sind beide verschollen. Das letzte, was sie von ihnen sah, waren ihre entschlossenen Gesichter. Da hielten sie Maschinenpistolen in der Hand und deckten die Luke zum Keller, in den Leila mit zwanzig Nachbarn geflüchtet war, mit Bohlen, Schmutz und Gerümpel zu. "Granaten und Maschinengewehrsalven trafen den Garten und unser Haus", berichtet sie. "Die Georgier attackierten uns kurz nach Mitternacht."

Wenige Stunden zuvor hatte sie noch die Stimme des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili im Radio gehört. Er verkündete eine Waffenruhe mit Rücksicht auf die Olympischen Spiele, nachdem es seit Wochen zu Schießereien und Scharmützeln zwischen Osseten und Georgiern gekommen war. Leila erzählt mit stockender Stimme, manchmal wandern ihre Augen in die Ferne und wirken wie tot. Ärzte sagen, dass sie wegen der nahen Einschläge noch immer unter Schock stehe.

Georgische Sodaten feuerten auf wehrlose Zivilisten

Nach der nächtlichen Attacke besetzten georgische Truppen am nächsten Morgen das Dorf. Die Soldaten riefen: "Mütterchen, kommt aus euren Verstecken. Wir tun euch nichts." Leila wollte aufstehen und das stickige Versteck verlassen. War nicht ihr Schwiegersohn ein kreuzehrlicher Junge? Sagte er nicht bei Familienfesten und gemütlichen Abenden mit schwerem Rotwein Trinksprüche auf die Freundschaft zwischen Osseten und Georgiern? Die anderen im Keller rissen Leila wieder zur Erde und hielten ihr den Mund zu. Das war ihr Glück.

Augenzeugen berichteten SPIEGEL ONLINE, dass georgische Soldaten in einigen Fälle auf wehrlose Zivilisten gefeuert haben. Die 13-jährige Albina, Tochter des Polizisten Nikolaj Schanasarow, starb, als sie und ihre Verwandten in einem alten Schiguli ins sichere und auf dem Gebiet Russlands gelegene Nordossetien fliehen wollte. Ein Scharfschütze schoss die Reifen des Wagens platt und Albina direkt ins Herz, als das brünette und zerbrechliche Mädchen aus dem Auto flüchtete.

Nachdem die russische Armee die Georgier aus Südossetien vertrieben hatten, wand sich Zchinwali vor Schmerz. Eltern beerdigten Kinder in ihren Gärten, jeder erzählte von den Grausamkeiten der Georgier, von vergewaltigten Frauen und lebend in Autos und Kirchen angesteckten Kindern und Greisen.

Gerüchte von Elitesoldaten und ihren amerikanischen Waffen

Wahrheit und Propaganda verschwammen. Vermutlich starben einige hundert Osseten unter georgischem Feuer, nicht aber 1600 wie das Moskauer Staatsfernsehen unaufhörlich meldete. Von georgischen Elitesoldaten berichteten manche Osseten, die mit geheimnisvollen amerikanischen Geräten ausgerüstet gewesen seien, um die Strahlung von Mobiltelefonen zu orten und deren Besitzern zu eliminieren.

Sicher war, dass georgische Raketenwerfer und Panzer die Regierungsgebäude, die Universität, das Krankenhaus, einige Schulen und Kindergärten zerstört hatten. In vielen Privathäusern fehlten die Scheiben, die nach dem deutschen Kommunisten benannte Thälmann-Straße sah aus wie die tschetschenische Hauptstadt Grosny nach dem Sturm der Putin-Truppen im Jahr 2000.

Am Wochenende dann normalisierte sich das Leben. Die ersten Zeitungen erschienen, die Stromversorgung wurde notdürftig wiederhergestellt und Leila, die inzwischen in der Nähe der auf russischem Territorium gelegenen nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas bei ihrer Schwägerin untergekommen war, überlegte, ob sie trotz ihrer Angst vor Minen den Rückweg in ihre Heimat antreten solle.

Südossetische Freischärler nehmen Rache

Zurück aber blieben Wunden, die in dieser Bergregion mit ihren Jahrhunderte alten Stammestraditionen, ihrem gelegentlich noch mittelalterlichen Verständnis von Ehre und Blutrache nicht schnell verheilen. In Leilas Nachbardorf Awnewi, einer georgischen Siedlung auf südossetischem Gebiet, raubten ossetische Freischärler Fernseher und Möbel aus den Wohnungen. Dann steckten sie die Häuser an. Die Wut über tote Verwandte und Freund machte sie blind für das Leid der anderen. Sie wollten Rache, einige waren weitergezogen über die Grenze Südossetiens hinaus bis nach Gori auf georgische Gebiet, dem Geburtsort des Diktators Josef Stalin.

Am Samstag erhielt die Ossetin Leila Nachricht von ihrem georgischen Schwiegersohn Gela und ihrer Tochter Natia. Beide waren wohlauf. Es war nicht klar, wann und wie sie sich wieder sehen würden, ob die Politiker in Moskau und Tiflis, in Washington und Brüssel nicht doch eine Situation schaffen würden, indem die Grenze zwischen Südossetien und Georgien am Ende schwer passierbar sein würde. Bei erster Gelegenheit aber würde sie Gela und Natia in die Arme schließen. An ihren Gefühlen hatte sich nichts geändert, auch wenn sonst alles anders war.

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