Südossetien Kriegsgefahr im Kaukasus

Nach heftigen Gefechten mit Georgien haben die Behörden in Südossetien mehr als tausend Kinder evakuiert. Im Kaukasus droht ein Krieg - und das gleich an zwei Fronten.

Von Carmen Eller, Moskau


Moskau - Busse mit südossetischen Kindern rollen nach den Kämpfen über die Grenze - hinaus aus einem Staat, den das Ausland als solchen nicht anerkennt, hinein in das Nachbarland, das Rückendeckung gibt.

Mehr als tausend Menschen hat Südossetien nach eigenen Angaben aus der russischen Region Nordossetien in Sicherheit gebracht, nachdem es in der abtrünnigen Republik am Wochenende zu Feuergefechten zwischen georgischen und südossetischen Streitkräften gekommen war. Bei den Kämpfen wurden sechs Menschen getötet, weitere 15 verletzt, es sind die schwersten Auseinandersetzungen, seit sich Südossetien Mitte der neunziger Jahre von Georgien losgesagt hat.

Die Regierung in Tiflis erklärte, die Streitkräfte hätten am Wochenende lediglich auf einen Angriff georgischer Dörfer reagiert. Südossetien dagegen beschuldigte Heckenschützen, die Hauptstadt Zchinwali unter Beschuss genommen zu haben.

Nur heimliche Kontakte zwischen russischen und georgischen Diplomaten hätten bislang den Ausbruch eines Krieges verhindert, schrieb am Montag die angesehene russische Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" in ihrer Titelgeschichte. Wie das Blatt erfahren haben will, sei die Initiative zu dem Treffen von Tiflis ausgegangen.

Nach wie vor kollidieren im Kaukasus die Interessen: Der Wunsch des südossetischen Volkes nach Selbstbestimmung steht dem Anspruch Georgiens nach territorialer Integrität entgegen.

Krieg an zwei Fronten

Im vorrevolutionären Russland galten die Osseten als loyale Bürger. Auch als die Bolschewiken Georgien in den zwanziger Jahren besetzten, schlugen sie sich auf die Seite des Kremls. Die südkaukasische Region besaß dann in der Sowjetunion Autonomie innerhalb der Sozialistischen Georgischen Republik. Während des georgisch-ossetischen Konfliktes in den frühen neunziger Jahren erklärte sich Südossetien schließlich zu einem eigenständigen Staat. Hunderte Menschen starben im Unabhängigkeitskrieg, Tausende flüchteten. Daneben verließen auch über 100.000 der in Südossetien angesiedelten Georgier die Region.

In Referenden, die Südossetien in den Jahren 1992 und 2006 durchführte, stimmten die Bürger mit überwältigender Mehrheit für ihre Unabhängigkeit. Aus Rücksicht auf die Regierung in Tiflis erkennt die internationale Gemeinschaft die selbst erklärte Eigenständigkeit jedoch nicht an. Völkerrechtlich gehört Südossetien deshalb immer noch zu georgischem Gebiet. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili erklärte es gar zur Priorität seiner Amtszeit, die territoriale Einheit Georgiens zu sichern. Um den eigenen Anspruch auf das abtrünnige Südossetien zu legitimieren, führt Tiflis bis heute das Argument an, in der zur Disposition stehenden Region hätten noch vor hundert Jahren kaum Osseten gelebt.

Während Südossetien auf Selbstbestimmung setzt, treibt Georgien die Angst um, an den Autonomieansprüchen zu zerbrechen. Schließlich sieht sich auch das als Urlaubsregion beliebte Abchasien als unabhängige Republik. Völkerrechtlich allerdings zählt das Land am Schwarzen Meer ebenfalls zum georgischen Staat. Dabei besitzt es längst eine eigene Regierung, Verfassung und Armee.

In Südossetien wie in Abchasien stehen russische "Friedenstruppen", die Moskaus Einfluss sichern. Der russische Einsatz in den abtrünnigen Regionen ist Georgien nicht zuletzt deshalb umstritten, weil ungelöste Konflikte im eigenen Land einem Nato-Beitritt im Wege stehen und die Republiken stärker an Russland binden. Seit der Anerkennung des Kosovo hat der Kreml sein Engagement noch verstärkt. Russland warnte Georgien am Sonntag vor einer Eskalation der Lage in Südossetien: "Moskau ist sehr besorgt über die Eskalation der Spannungen in der Region, die auf eine unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt auf georgischer Seite zurückzuführen ist", sagte Russlands Außenminister Grigori Karasin.

Schon jetzt besitzt die Mehrheit der Bürger in Südossetien und Abchasien einen russischen Pass und tätigt ihre Geschäfte in Rubeln. Auch wirtschaftlich hängen die beiden De-facto-Staaten von russischer Hilfe ab.

Zudem verhalten sich Südossetien und Abchasien solidarisch zueinander: Die Kaukasusrepubliken verstehen sich in der territorialen Frage als Bündnispartner gegen Georgien. So hat der abchasische Präsident Sergej Bagapsch aufgrund der Kämpfe in Südossetien seine Teilnahme an den für Mitte August geplanten Vermittlungsgesprächen in Berlin bereits abgesagt.

Sollte Tiflis einen Krieg gegen Südossetien beginnen, will Abchasien auf seinem Territorium eine zweite Front eröffnen. Die neue Gewalt in Südossetien ist ein Warnsignal. Denn punktuelle Kampfhandlungen in dieser Region haben das Potential, sich jederzeit zu einem Krieg auszuwachsen. Zumindest so lange, bis es in den zentralen Streitfragen einen Schritt vorwärts geht.



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