Südossetien-Krise Putin besichtigt Frontgebiet und droht der Nato

Der russische Regierungschef Putin hat den Krieg gegen Georgien verteidigt. Der Nato drohte er: Ein Beitritt Georgiens zu dem Bündnis ziehe andere Länder in blutige Abenteuer. Die georgischen Olympioniken wollten derweil in die umkämpfte Heimat - Präsident Saakaschwili lehnte das jedoch ab.


Tiflis/Moskau - Wladimir Putin zeigte sich persönlich im Krisengebiet. Überraschend war der russische Ministerpräsident am Samstag aus Peking abgereist, wo er die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele besucht hatte, und traf in der nordossetischen Stadt Wladikawkas ein. Dort verteidigte er Russlands Militäraktionen: Das Vorgehen in der abtrünnigen Region sei absolut legitim und begründet, sagte Putin. Georgien habe seiner territorialen Integrität "einen Todesstoß" versetzt und werde wohl kaum die Souveränität über Südossetien zurückerlangen.

Zugleich rief er Georgien dazu auf, die "Aggressionen" gegen Südossetien umgehend zu stoppen. Die Nato warnte er erneut scharf vor einer Aufnahme Georgiens. Die Regierung in Tiflis würde bei einer Nato-Mitgliedschaft andere Länder in ihre "blutigen Abenteuer" hineinziehen, sagte Putin laut der Agentur Interfax. "Jeder sieht jetzt, dass es Georgien bei seinem Beitrittswunsch nicht um einen Beitrag zur internationalen Sicherheit geht", kritisierte der 55-Jährige.

Zwischenzeitlich stand noch eine weitere Abreise aus Peking wegen des Krieges im Raum: Laut einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax wollte sich das georgische Team von den Olympischen Spielen zurückziehen. Die Sportler wollten in diesem Moment bei ihren Angehörigen sein, hieß es. Georgien war mit einer Delegation von 35 Sportlern nach China gereist.

Die letztendliche Entscheidung über die Abreise lag jedoch beim georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili - und der lehnte das Ansinnen schließlich ab. Ein Teamsprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass sich das nach dem Wunsch Saakaschwilis so für die Ehre Georgiens einsetzen soll. Das Nationale Olympische Komitee in der Hauptstadt verurteilte die russischen Angriffe auf Georgien scharf.

Saakaschwili hatte am Samstag Russland zur sofortigen Waffenruhe aufgerufen. Es müsse "unverzüglich" mit Verhandlungen über die Südossetien-Frage begonnen und der "Wahnsinn" gestoppt werden, sagte er laut dem georgischen Fernsehen bei einem Besuch in einem Krankenhaus in Tiflis, in dem Verwundete behandelt wurden.

Dem US-Nachrichtensender CNN sagte Saakaschwili: "Wir sind zu einem sofortigen Waffenstillstand bereit, wenn die andere Seite aufhört zu schießen und zu bomben." Er beschuldigte Russland, mit den Angriffen seiner Luftwaffe auf Ziele in Georgien Kriegsverbrechen zu begehen. "Tatsache ist, dass die kleine Nation Georgien von seinem großen Nachbarn Russland brutal attackiert wird", sagte der Präsident. Russische Panzer seien unbegründet in Georgien eingedrungen. Die russische Armee greife von allen Seiten an und treffe dabei auch zivile Ziele.

Der Repräsentant Russlands bei der Nato in Brüssel, Dmitri Rogosin, sagte der Nachrichtenagentur AFP, vor Verhandlungen müsse Georgien seine Streitkräfte vollständig aus den Konfliktzonen in Südossetien zurückziehen. Er warf Georgien vor, in Südossetien einen "Völkermord" begangen zu haben. Binnen eines Tages seien 1500 Zivilisten bei Angriffen auf verschiedene Dörfer getötet worden. Rogosin sprach zudem erneut von "ethnischen Säuberungen" angesichts der hohen Zahl von Bewohnern Südossetiens mit russischer Nationalität. Beide Seiten warfen einander Vertreibungen vor. Von einem Krieg zwischen Georgien und Russland wollte Rogosin nicht sprechen.

Die Kämpfe gingen den ganzen Samstag unvermindert weiter. Sie griffen sogar noch auf die zweite von Georgien abtrünnige Provinz, Abchasien, über. Russische Kampfjets flogen bis zu fünf Angriffe überwiegend auf militärische Ziele in der Umgebung der georgischen Stadt Gori, die nahe Südossetien liegt. Russland hat Georgien zufolge auch versucht, eine für die Rohstoffversorgung des Westens wichtige Öl-Pipeline zu zerstören. Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Leitung sei von russischen Jets angegriffen worden, sagte Ekaterina Scharaschidse, Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung. Die Angreifer hätten ihr Ziel aber verfehlt. Dies beweise, dass Russland nicht allein auf die wirtschaftlichen Interessen Georgiens abziele, sondern auch auf internationale Wirtschaftsinteressen in Georgien.

Russland zufolge sind bereits 30.000 Südosseten auf russisches Gebiet geflohen.

Der Konflikt war am gestrigen Freitag eskaliert, nachdem georgische Soldaten in Südossetien einmarschiert waren, um die dortigen Separatisten unter Kontrolle zu zwingen. Russland hatte daraufhin zu deren Unterstützung eine Gegenoffensive begonnen. Allerdings beschränkten sich die russischen Angriffe nicht nur auf das umkämpfte Gebiete, sondern umfassten auch Ziele in Georgien selbst.

Georgien wirft Russland vor, die abtrünnigen Republiken Südossetien und Abchasien annektieren zu wollen. Die Regierung in Moskau beschuldigt hingegen Georgien, sich die Gebiete gewaltsam wieder einverleiben zu wollen.

Das Parlament in Tiflis erklärte inzwischen den Kriegszustand - zunächst für eine Dauer von 15 Tagen.

ler/yas/dpa/AFP/Reuters

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