Report über Bürgerkriegsprofiteure Krieg im Südsudan - ein Bombengeschäft

Der Südsudan hat ein Problem: Erdöl. Der jüngste Staat der Welt hat viel davon - und die Warlords bereichern sich an dem Rohstoff hemmungslos. Die Hintergründe.

Rebellen der SPLA-IO in Kaya nahe der Grenze zu Uganda im August 2017
Goran Tomasevic/ REUTERS

Rebellen der SPLA-IO in Kaya nahe der Grenze zu Uganda im August 2017

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Der Südsudan war keine zwei Jahre alt, als 2011 der Krieg begann. Und General Gregory Vassilli Dmitry - kein Russe, sondern Südsudanese und Schwager von Staatschef Salva Kiir - wusste gleich, wo ein Hauptschauplatz der Kämpfe sein würde: "In Paloich werden wir beerdigt. Von hier gehen wir nicht weg", sagte er Bloomberg News im Dezember 2013.

Auch für Rebellenchef Riek Machar war klar: "Wir wollen die Ölfelder kontrollieren. Das ist unser Öl." Man müsse Paloich einnehmen, "um Kiir das Geld zu verweigern, mit dem er mehr Waffen kaufen kann", erzählte Machar der "New York Times".

Was folgte, waren fünf Jahre fast pausenloser Bürgerkrieg - nicht nur in den ölreichen Bundesstaaten Unity und Upper Nile, sondern im ganzen Land. Mehr als 380.000 Menschen sind seither durch den Krieg und seine Folgen gestorben, Millionen geflohen.

Früh war klar, dass die mächtigen Männer des neuen Landes Millionen Dollar ins Ausland schafften, während zu Hause das Volk hungerte. Doch ein Bürgerkrieg in einem rohstoffreichen Land zieht immer auch ausländische Geschäftemacher an, die auf schnelle Dollars hoffen.

Wer das ist, legt nun der Report "The Taking of South Sudan" offen. Das Recherchenetzwerk Sentry, finanziert vom Enough Project des Hollywoodschauspielers George Clooney und des Menschenrechtsaktivisten John Prendergast, hat zusammengetragen, wer mit südsudanesischem Öl im Krieg viel Geld verdient hat.

Dabei treten international operierende Unternehmen auf, die mit Politikern, Militärs und Geheimdienstmitarbeitern sonderbare Geschäfte machten und halfen, den jungen Staat auszuplündern.

Al-Cardinal - ein Mann für die zwielichtigen Deals

Besonders schillernd ist der sudanesische Geschäftsmann Ashraf Seed Ahmed Hussein Ali, genannt al-Cardinal. Schon 2006, kurz nach dem Friedenschluss zwischen Sudan und südsudanesischen Rebellen, die später an die Spitze des jungen Landes rücken sollten, machte er mit seinen zahlreichen Firmen sonderbare Deals:

  • Der Verwaltung im teilautonomen Süden verkaufte er laut Sentry-Report 300 Toyota-Geländewagen zu einem um 100 Prozent überhöhten Preis. Dafür musste er kurz ins Gefängnis, seinem weiteren schwunghaften Handel mit der Regierung Südsudans schadete das aber nicht.
  • Kurz nach Beginn des Kriegs Ende 2013 beschaffte der Südsudan mithilfe von al-Cardinal aus Russland importierte Amphibienfahrzeuge - Schwimmpanzer, mit denen die Armee auch Menschen nachstellen konnte, die sich vor Gewalt und Vertreibung in den Sudd, ein Sumpfgebiet des Nils, so groß wie Belgien, gerettet hatten. Der Sudd erlangte traurige Bekanntheit, weil die verängstigten Flüchtlinge dort tagelang auf Inseln oder im Wasser lebten und Wasserlilien essen mussten, um zu überleben. Die schwimmenden Panzer versetzten sie in noch mehr Angst. Nach Recherchen von Sentry und der Investigativseite C4ADS lief ein Teil der Geschäfte über eine Firma in Saudi-Arabien, an der al-Cardinal zu 39 Prozent beteiligt ist.
  • Zudem hatte dessen Firma Al Cardinal General Trading vom Staat ohne Ausschreibung den Auftrag erhalten, 1000 Traktoren aus Weißrussland zu importieren. Geliefert wurde die ganze Bestellung bislang nicht, viele der landwirtschaftlichen Fahrzeuge, die ankamen, waren nicht einsetzbar.

Für al-Cardinal haben sich diese und andere Geschäfte offenbar gelohnt: 2017 kaufte er elf Luxuswohnungen in Dubai im Gesamtwert von mehr als zehn Millionen US-Dollar, wie Gerichtsunterlagen im Sentry-Report belegen.

Hotelrechnungen in Höhe von 686.000 US-Dollar

Einen Teil der zahlreichen Rechnungen von al-Cardinal bezahlte der bitterarme Staat mit Erdöl, der Haupteinnahmequelle der Regierung. Was mit dem Rohstoff passiert und wer davon profitiert, darüber entscheidet maßgeblich Dar Petroleum, ein Firmenzusammenschluss:

  • Dominiert wird dieser vom größten Anteilseigner China National Petroleum Corporation, einem chinesischen Staatsbetrieb.
  • Der malaysische Ölkonzern Petronas ist ebenfalls mit 40 Prozent beteiligt,
  • ebenso wie der berüchtigte Inlandsgeheimdienst NSS, wie Uno-Experten belegen.

Dem Sentry-Bericht zufolge sprang die südsudanesische Regierung mit Dar Petroleum um, als handle es sich bei den Unternehmenskonten um ein privates Schatzkästchen: Im Jahr 2018 sollte das Unternehmen unter seinem chinesischen Präsidenten Zhou Zuokun etwa Hotelrechnungen des damaligen Ölministers Ezekiel Lol Gatkuoth begleichen.

Ezekiel Lol Gatkuoth, Ölminister des Südsudans, ließ seine Hotelrechnungen vom Konzern Dar Petroleum bezahlen
Jok Solomon/ REUTERS

Ezekiel Lol Gatkuoth, Ölminister des Südsudans, ließ seine Hotelrechnungen vom Konzern Dar Petroleum bezahlen

Der Minister gab in einem Luxushotel der Hauptstadt Dschuba zwischen 30.000 und 59.000 US-Dollar aus - pro Monat. Gesamtkostenübernahme durch den Ölkonzern für Gatkuoth laut Sentry-Bericht: mehr als 686.000 US-Dollar. Ein Schreiben, das der SPIEGEL einsehen konnte, ordnet die Zahlung der beigefügten Rechnungen an.

Die Anweisung dazu kam demnach aus dem Ölministerium, ausführen sollte sie Radaman Chadar Dhok, Vizepräsident von Dar Petroleum - aber nicht nur Wirtschaftsboss, sondern auch Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes NSS, wie Sentry recherchiert hat.

Zhou Zuokun, Präsident von Dar Petroleum, und Geheimdienst-Major Ramadan Chadar Dhok als Zhous Vize
Dar Petroleum

Zhou Zuokun, Präsident von Dar Petroleum, und Geheimdienst-Major Ramadan Chadar Dhok als Zhous Vize

Der NSS beschäftigte Dhok 2017 im Rang eines Generalmajors. Zudem leitet er eine private Sicherheitsfirma, die wiederum Auftragnehmer des Geheimdienstes war und auf Firmengeländen von Dar Petroleum für Sicherheit sorgt.

Um die Korruption im Südsudan zu bekämpfen, so die Sentry-Studie vor diesem Hintergrund, brauche es Netzwerk-Sanktionen, die nicht nur Einzelpersonen, sondern auch deren persönliches Umfeld, Firmen sowie Finanziers im In- und Ausland träfen. Mindestens ebenso wichtig ist: Die mächtigen Warlords im Südsudan müssen ihre Uniformen ablegen und endlich Politik für das jüngste Land der Erde machen.

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