Krieg um den Südsudan Bruderkampf im jüngsten Staat der Erde

Im Südsudan tobt ein offener Bürgerkrieg, die Ethnien der Dinka und Nuer bekämpfen sich grausam. Hunderttausende sind aus ihrer Heimat geflohen, in den Flüchtlingscamps eskaliert die Lage. Doch trotz erster Verhandlungen: Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht.

REUTERS

Aus Juba berichtet


Durch die staubigen Straßen Jubas patrouillieren Soldaten: ugandische Peacekeeper aus dem Nachbarland, die angeblich versuchen, die Ordnung in der südsudanesischen Hauptstadt wiederherzustellen.

Daneben streifen die Truppen des Präsidenten Salva Kiir durch den desperaten Ort: verwegen aussehende junge Männer, die Schnellfeuergewehre lässig geschultert über ihren olivgrünen oder khakifarbenen Uniformen.

Seit etwas mehr als drei Wochen herrscht Krieg im Südsudan, der erst seit Juli 2011 unabhängig ist. Diesmal ist es ein Kampf der beiden südsudanesischen Ethnien Dinka und Nuer. Bereits jetzt sind Hundertausende Menschen auf der Flucht. Wie viele Tote es bereits in den unübersichtlichen Sümpfen und Wäldern des riesigen Landes gegeben hat, weiß niemand.

Eine, die in dem Chaos versucht, den Überblick zu behalten, ist die Deutsche Ines Hake, 34, seit mehr als drei Jahren für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" im Sudan. "Allein in Juba versorgen wir 35.000 Flüchtlinge", sagt Hake, "hier haben sich die meisten Angehörigen der Nuer in den Lagern in Sicherheit gebracht".

Immer mehr Menschen suchen Schutz in Flüchtlingslagern

In vielen anderen Landesteilen befinden sich weitere Lager. Auf insgesamt rund 200.000 Flüchtlinge kommt Hake - nicht mitgerechnet die unzähligen Menschen, die durch das Land irren und nicht versorgt werden können. Und derzeit verschlechtert sich die Lage nahezu stündlich. Hake: "Obwohl in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba Friedensverhandlungen stattfinden, flüchten sich immer mehr Menschen in die Lager. Kaum jemand wagt derzeit, wieder in seine Heimatorte zurückzukehren."

Ausgebrochen waren die Kämpfe am 15. Dezember, nachdem Salva Kiir, ein Dinka, seinen Vizepräsidenten Riek Machar entmachtet hatte. Der Vorwurf gegen Machar: Er soll einen Putschversuch unternommen haben. Seitdem tobt ein blutiger Stammeskrieg im Lande des Mahdi, der nicht so schnell zu beenden sein dürfte.

Machar ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der Geschichte des kriegsgebeutelten Sudan. 1991, noch während des Kriegs gegen die Regierung in Khartum, heiratete er die britische Entwicklungshelferin Emma McCune, die zwei Jahre später an den Folgen eines Autounfalls in Nairobi starb.

Immer wieder wechselte er die Fronten, kämpfte mal gegen das Regime des Islamisten Umal al-Baschir in Khartum, dann wieder gegen den Führer der Rebellenorganisation SPLA, John Garang. Dieser starb später bei einem Helikopterabsturz im ugandischen Grenzgebiet.

"Dieser Kampf hat gerade erst begonnen"

Juba wird derzeit noch von Regierungstruppen gehalten, doch die wichtige Stadt Bor, nur rund 190 Kilometer von Juba entfernt, befindet sich in der Hand der Rebellen, und die drohen, auf die Hauptstadt vorzurücken. Im Moment scheitern Friedensgespräche schon an der Forderung der Rebellen, elf ihrer verhafteten Anführer, darunter ehemalige Minister, freizulassen.

Aus Bor flüchten derzeit Tausende Menschen vor schweren Gefechten zwischen Aufständischen und Regierungssoldaten.

In Juba, der Dinka-Hauptstadt, fühlen sich die Nuer derzeit ihres Lebens nicht mehr sicher. Schon kurz nach Ausbruch der Unruhen flüchtete der 35-jährige Top Tut mit seiner Familie in das Flüchtlingslager in Juba, das sich in der Nähe des Flughafens befindet. "Menschen wurden auf offener Straße totgeschlagen", berichtet der Nuer.

Früher hätten in seinem Heimatdorf im "Upper Nile State" Dinka und Nuer zusammengelebt. Im Moment seien aber alle Nuer in Lager geflüchtet, wo sie jetzt notdürftig von Mitarbeitern der Vereinten Nationen versorgt werden.

Große Hoffnung, bald wieder heimkehren zu können, hat Top Tut im Moment nicht. "Dieser Kampf hat gerade erst begonnen", sagt er, "und er wird nicht so bald beendet sein".

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
kasalla.kalla 11.01.2014
1. tja...
das überrascht mich jetzt nicht wirklich...
Beat Adler 11.01.2014
2. Die Kolonialgrenzen in Afrika sind in Aufloesung begriffen.
Zitat von sysopREUTERSIm Südsudan tobt ein offener Bürgerkrieg, die Ethnien der Dinka und Nuer bekämpfen sich grausam. Hunderttausende sind aus ihrer Heimat geflohen, in den Flüchtlingscamps eskaliert die Lage. Doch trotz erster Verhandlungen: Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedsudan-krieg-zwischen-ethnien-der-dinka-und-nuer-a-942880.html
Die Kolonialgrenzen in Afrika sind in Aufloesung begriffen. Die neue Grenze zwischen Sued-Sudan und (Nord) Sudan ist schon eine "bessere" Grenze im Sinne der Trennung der unterschiedlichen Ethnien, Religionen und Traditionen. Es scheint ein Dinka Staat und ein Lou Nuer Staat Seite an Seite zu entstehen. Mitten in der Sahara werden die Tuareg, moeglicherweise schon mittelfristig, ein eigenes Staatswesen fordern. Was in Nord-Mali geschah, war eine Art Vorgeplaenkel. Die Grenze zwischen Kenia und Somalia verlaeuft, so wie viele "Lineal"Grenzen, Mitten durch ein Stammesgebiet. Auch dort existiert ein staendiger Unruheherd. Die einzelnen Staemme Libyens sind ebenfalls dabei ihre Grenzen abzustecken. etc. etc. In den kommenden 10 bis 25 Jahren rechne ich mit mehreren neuen Grenzen in Afrika. Es werden auch Nationalstaaten als Foederationen mehrer Staemme entstehen. Eine Art afrikanischer "Kantoenligeischt";-) Anders koennen moderne Stammeskonflikte nicht geloest werden. Dass sich ein Stamm einem Anderen unterwirft, wird es im 21. Jhd nicht mehr geben! Das Einzige mit dem sich alle Einwohner eines afrikanischen Staates heute gemeinsam identifizieren, ist die Fussballnationalmannschaft! mfG Beat
ofelas 11.01.2014
3. Amnesie
Jetzt warte ich auf die sonst ueblichen Kommentaren ueber die Religion dieser Gruppen......bleibt wohl aus weil es eben nicht Muslime sind.
ichbinschlau 11.01.2014
4. Als Aushängeschild
der US Ölunternehmen sollte der George Clooney wieder aktiviert werden. Monatelang verkaufte er sich als angebliche Stimme des südsudanesichen Volkes im Ausland.
sigi J 11.01.2014
5. Ethnische Konflikte???
Zitat von sysopREUTERSIm Südsudan tobt ein offener Bürgerkrieg, die Ethnien der Dinka und Nuer bekämpfen sich grausam. Hunderttausende sind aus ihrer Heimat geflohen, in den Flüchtlingscamps eskaliert die Lage. Doch trotz erster Verhandlungen: Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedsudan-krieg-zwischen-ethnien-der-dinka-und-nuer-a-942880.html
Der Südsudan ist seit Beginn der Unabhängigkeitkämpfe eine Spielball anderer Interessen gewesen. Das begann Ende der 60er, als mit Hilfe eines gewissen Idi Amin im Auftrag westlicher Interessen Waffen in den Südsudan geschmuggelt wurden, nicht um Unabhängigkeitsbewegungen zu unterstützen, sondern um ein vermeintlich feindliches Land - den Sudan - zu schwächen. Als dies aufflog, wurde Idi Amin kurzerhand an die Macht geputscht. http://www.independent.co.uk/news/world/africa/african-tyrant-the-truth-about-amin-432262.html Seit dieser Zeit sind die Unabhängigkeitsbestrebungen im Südsudan niemals unabhängig gewesen. Was im dort passiert ist alles mögliche, aber sicher kein Ethnienkrieg. Das sind Auseinandersetzungen in Afrika sehr selten.
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