Gefechte mit schweren Waffen Südsudan taumelt in den Bürgerkrieg

Die Lage im Südsudan eskaliert: In der Hauptstadt Juba kamen bei Gefechten seit Freitag offenbar Hunderte Menschen ums Leben, die Rede ist von Krieg. Der Krisenstab der Bundesregierung berät über die Lage in dem Land.

Registrierungsstelle des Roten Kreuzes in Wau (Anfang Juli)
AFP

Registrierungsstelle des Roten Kreuzes in Wau (Anfang Juli)


Der Konflikt im afrikanischen Krisenstaat Südsudan droht fünf Jahre nach der Unabhängigkeit in einen Bürgerkrieg zu münden. Angehörige einer früheren Rebellentruppe und Armeesoldaten lieferten sich Feuergefechte. Die Uno-Mission Unmiss meldet den Einsatz von Mörsergranaten und schweren Geschützen in der Umgebung eines ihrer Lager in der Hauptstadt Juba. Ein Sprecher des Vizepräsidenten und früheren Rebellenführers Riek Machar machte die Regierungsarmee für die Situation verantwortlich.

Der Sprecher sagte, schwer bewaffnete Anhänger von Staatspräsident Salva Kiir hätten Machars Amtssitz in Juba attackiert - die beiden Politiker waren einst Kontrahenten um das höchste Staatsamt und hatten sich bis zu einem Friedensschluss vor knapp einem Jahr zweieinhalb Jahre lang erbittert bekämpft. Das Land sei nun "zurück im Krieg", sagte der Sprecher der britischen BBC.

"Machars Amtssitz wurde heute zweimal unter Einsatz von Militärhubschraubern und Panzern angegriffen", sagte der Sprecher des Vizepräsidenten. Hunderte Soldaten seien allein am Sonntag getötet worden, in Regierungskreisen war von insgesamt 272 Opfern die Rede. Unter den Toten seien 33 Zivilisten, hieß es aus dem Umfeld des Gesundheitsministeriums. Rund 10.000 Menschen flohen nach Angaben humanitärer Helfer vor den Kämpfen - Augenzeugen zufolge unter anderem in die 20 Kilometer westlich gelegene Stadt Gurei.

Ein Schwerpunkt der aktuellen Gefechte ist das Stadtviertel Jebel, eine Hochburg Machars. Sein Sprecher sagte, seine Leute hätten das Viertel unter Kontrolle, drei Panzer erbeutet und einen Hubschrauberangriff abgewehrt. Artilleriegranaten schlugen auch in einen Stützpunkt der Vereinten Nationen ein, in den zahlreiche Zivilisten geflohen seien. Die Uno-Mission in dem Land spricht von erbarmungslosen Kämpfen, für die alle Beteiligten verantwortlich seien.

Auch unabhängige Reporter berichten von schweren Zusammenstößen. "Es wird viel geschossen in der Stadt, wir hören leichte Waffen und Artillerie", sagte der deutsche Fotograf Gregor Fischer aus dem Krisengebiet. Es gebe eine Art Ausgangssperre, man komme nirgendwo durch. Auch am Flughafen Jubas gab es heftige Kämpfe, der Flugbetrieb wurde eingestellt. Die US-Botschaft sprach von Gefechten "in ganz Juba".

Das Land begeht an diesem Wochenende eigentlich seinen fünften Unabhängigkeitstag, hatte die geplanten Feiern jedoch wegen Geldmangels abgesagt. Die jetzt eskalierten Kämpfe hatten am Samstag begonnen, Kiir und Machar wollten auf einer Pressekonferenz am Samstag ursprünglich das Ende der Gefechte erklären.

In der Nähe des Präsidentenpalasts in Juba fielen bereits am Freitagabend Schüsse, wie örtliche Medien und die Vertretung der Vereinten Nationen in Juba berichteten. Es seien auch Einschläge von Granaten oder Mörsern zu hören gewesen.

Als Reaktion auf die Gewalt gaben mehrere Regierungen Reisewarnungen heraus. "Von Reisen nach Südsudan wird derzeit dringend abgeraten", heißt es auf der Website des Auswärtigen Amtes. "Es ist bedrückend zu sehen, dass Südsudan auch fünf Jahre nach der Unabhängigkeit immer noch Schauplatz brutaler Gewaltausbrüche ist und der Friedensprozess weiterhin gefährdet bleibt", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

"Was auch immer die Gründe für den jüngsten Ausbruch der Kämpfe sind: Es ist jetzt die dringende Aufgabe von Präsident Kiir und Vizepräsident Machar ihre Anhänger zur Ordnung zu rufen und dafür zu sorgen, dass die Kampfhandlungen umgehend eingestellt werden. Beide Seiten stehen jetzt in der Verantwortung zu einer nachhaltigen Deeskalation beizutragen und dies nicht nur durch Worte, sondern auch durch konkrete Taten zu belegen", so der SPD-Politiker.

Der Krisenstab der Bundesregierung berate heute über die Lage in dem Land, hieß es aus dem Ministerium. Das Auswärtige Amt rät zudem derzeit dringend von Reisen in das Land ab. Auch der Uno-Sicherheitsrat wollte Diplomaten zufolge noch am Sonntag über die Lage im Südsudan beraten.

Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon erklärte am Freitag, die jüngste Gewalt zeuge von mangelnder Bereitschaft, den Friedensprozess voranzutreiben. Er forderte die Rivalen auf, die Kämpfe einzustellen und die Militärführung zu disziplinieren.

Der Südsudan war am 9. Juli 2011 nach einem mehr als 20-jährigen Bürgerkrieg vom Sudan unabhängig geworden. Rund zwei Jahre danach war ein blutiger Machtkampf zwischen Kiir und Machar ausgebrochen. Seitdem wurden bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und den von Machar geführten Rebellen Zehntausende Menschen getötet. Fast drei Millionen Menschen wurden in die Flucht getrieben, fünf Millionen Menschen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Die verfeindeten Parteien unterzeichneten schließlich ein Friedensabkommen und bildeten im April eine Einheitsregierung. In jüngster Zeit kam es aber erneut zu Kämpfen.

mxw/sev/Reuters/AP/AFP

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
räbbi 10.07.2016
1.
Bitte mal Hand heben, wer davon jetzt aber mal total überrascht ist, danke.
Tharsonius 10.07.2016
2. Wenn
man nur endlich den Waffennachschub abstellen könnte...bzw den Waffenlieferanten ans Leder gehen würde....
worldalert11 10.07.2016
3. Überraschung
Das passiert eben, wenn nach einem erbarmungslosen Krieg, in dem zehntausende niedergemetzelt wurden und der auch in den letzte Monaten nicht beendet wurde, beide Hauptverantwortlichen ungeschoren davonkommen und sogar ihre Posten, ihre Macht, ihre Waffen und das ergaunerte Geld behalten dürfen. Die internationale Gemeinschaft, inklusive UN, ist einfach zu dumm, schwach und unfähig, Konflikte zu lösen und die Haupttäter aus dem Verkehrt zu ziehen. Die hören nicht auf, nur weil sie das auf irgendeinem Papier versprochen haben.
johannesraabe 10.07.2016
4.
Würde der Vize nicht mit den Chinesen anbandeln und der Präsident mit den USA ums Öl flirten, wäre das Land schon friedlich. Das ist kein Bürgerkrieg sondern der erste warme Krieg im Kalten Krieg zwischen China und den USA. Es geht um Afrikas Rohstoffe und der Südsudan ist strategisch immens wichtig. Als Öllieferant sowie als Barriere zwischen Kairo, Nairobi und Kapstadt.
touri 10.07.2016
5.
Seit wann war denn der Sudan aus dem Bürgerkrieg draußen? Mein letzter Stand war, dass die Regierung kaum einen größeren Einfluß als bis zur Stadtgrenze der Hauptstadt hatte und selbst hier nicht zu 100%
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