Aufklärung im Südsudan "Heute sprechen wir über den weiblichen Körper"

Viele Mädchen im Südsudan wissen nicht, was ihre Periode ist. Eine Schönheitskönigin kämpft gegen Tabus - und damit für bessere Schulnoten.

Katharina Wecker

Aus Juba berichtet Katharina Wecker


Etwa 70 sind gekommen, um ihr Idol zu sehen, die Schönheitskönigin. Es sind Mädchen im Alter von 13 bis 19 Jahren. Sie drängeln sich auf Schulbänken in Rock City, einem Vorort von Juba, Südsudan. An die Tafel tritt eine hochgewachsene Frau. Manuela Modong, 26, sagt: "Heute bin ich nicht hier als Model, auch nicht als Lehrerin, sondern als eure große Schwester. Heute wollen wir über den weiblichen Körper sprechen."

Sie vertrat 2013 den Südsudan beim Miss-World-Wettbewerb, vielleicht hätte sie reich und berühmt werden können. Aber sie hat sich für einen anderen Weg entschieden: Modong zieht von Schule zu Schule, klärt Mädchen auf, über ihren Körper. Denn der ist ein Tabu in dem afrikanischen Land: Heute verteilt sie wiederverwendbare rosa Stoffbinden.

Die meisten Mädchen in der Klasse von Rock City können sich keine Binden leisten und müssen sich stattdessen mit Tüchern oder Stofffetzen aushelfen. Aus Angst, dass Mitschüler ihre Monatsblutung bemerken und sie hänseln, bleiben viele lieber zu Hause.

So manche Ausbildung scheitert, weil sich Mädchen in der Menstruation nicht in die Schule trauen - die Periode als zusätzliches Entwicklungshindernis in einem Land, das ohnehin von Bürgerkrieg und bitterster Armut heimgesucht ist.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass in afrikanischen Ländern südlich der Subsahara eins von zehn Mädchen bis zu einer Woche pro Monat in der Schule fehlt. "Das wirkt sich auf ihre Leistungen aus", sagt Christine Ochieng von Unicef im Südsudan. "Sie fallen durch Prüfungen, glauben, dass sie nicht schlau genug sind und geben ganz auf."

Das habe Folgen, erklärt Ochieng. Die Mädchen machen keinen Schulabschluss, haben kein eigenes Einkommen und heiraten häufiger im Kindesalter. Der Südsudan hat weltweit eine der höchsten Raten an Kinderehen. Jedes zweite Mädchen wird vor seinem 18. Geburtstag verheiratet.

In einigen Teilen Südsudans gehen laut den Vereinten Nationen drei von vier Mädchen nicht zur Schule, so wenig wie in fast keinem anderen Land. Das liegt vor allem am Bürgerkrieg, der seit Ende 2013 beinahe pausenlos tobt. Die Menstruation ist für diejenigen, die zur Schule gehen, eine zusätzliche Hürde. Und eine unnötige, sagt Manuela Modong.

Damit die Mädchen sich in ihrem Kurs wohl fühlen, auch intime Fragen zu stellen, erzählt Manuela, wie es bei ihr war, als sie ihre erste Regel bekam. Im Südsudan wird Sexualkunde nicht unterrichtet, in Familien das Thema nicht selten vermieden.

"Ich dachte, ich könnte die nächste Mutter Maria sein"

"Ich wusste nicht, dass es am Anfang Monate dauern kann, bevor man regelmäßig seine Monatsblutung bekommt. Als ich dann acht Monate lang meine Periode nicht bekam, hatte ich Angst. Ich dachte, ich könnte die nächste Mutter Maria sein", sagt Manuela und fasst sich an die Stirn.

Die Mädchen kichern, tuscheln. Dann trauen sich doch einige, selbst zu erzählen. "Ich dachte, ich habe eine Wunde, als ich meine erste Periode bekam", sagt die 19-jährige Sony. Ihre Mitschülerin Samantha glaubte ebenfalls, sie sei verletzt und ging zu einem Arzt, der sie einige Tage im Krankenhaus mit Medikamenten behandelte.

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Südsudan: Sexualkunde statt Laufsteg

Manuela unterrichtet an sechs Schulen in der Hauptstadt Juba. Als sie sich an diesem Morgen auf den Weg zu der Schule in Rock City gemacht hatte, dauert die Anfahrt lange. Mitten in der Hauptstadt hat Regen die Straßen in Matschwege verwandelt, tiefe Schlaglöcher rütteln das Auto durch. Als Miss World Südsudan reiste sie viel und vertrat ihr Land auch auf der Tourismusmesse ITB Berlin 2014. Sie erinnert sich an die guten Straßen in Deutschland, an die schicken Autos.

Sie war auch in Ägypten, Indonesien und anderen Ländern, wo alles ein bisschen besser funktioniert als im Südsudan. Aber von hier wegzugehen? Das kommt für sie nicht in Frage. "Hier ist meine Heimat, hier fühle ich mich wohl. Ich bin mir sicher, dass jeder Südsudanese nirgends lieber wohnen würde als hier, wenn der Krieg nicht wäre," sagt sie.

Die meisten Südsudanesen kennen nur wenige Jahre Frieden. Der Südsudan erreichte im Januar 2011 nach einem Jahrzehnte währenden Konflikt seine Unabhängigkeit vom Sudan. Hunderttausende Südsudanesen kehrten daraufhin aus dem Exil zurück, so wie Manuela, die ihre Schulzeit im Nachbarland Uganda verbrachte. Der jüngste Staat der Welt kommt aber nicht zur Ruhe. Der erbitterte Kampf um politische Macht und die Verteilung der Ressourcen des Landes gipfelte 2013 in einem erneuten Bürgerkrieg, der knapp 400.000 Menschen das Leben kostete.

Mit dem Verteilen von Hygieneprodukten ist es nicht getan

Bis heute flammen immer wieder Kämpfe auf. Die Wirtschaft ist am Boden, über die Hälfte der 13 Millionen Einwohner sind laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen von akuter Hungersnot betroffen.

Doch Manuela Modong sieht das Potenzial der jungen Nation. Weltweit gehen immer mehr Mädchen zur Schule. Diese Entwicklung sollte auch im Südsudan möglich sein, glaubt sie.

Mit dem Verteilen von Hygieneprodukten ist es allerdings nicht getan. Die Schule in Rock City, wo Manuela heute unterrichtet, hat Toiletten, getrennt nach Mädchen und Jungs. Aber das ist eher eine Ausnahme. Ein Großteil der Schulen besitzt nur Plumpsklos. Es gibt kein fließendes Wasser zum Händewaschen. Hilfsorganisationen verteilen deswegen nicht nur Hygienematerialien, sondern bauen auch Toiletten an Schulen.

Den Mädchen in Manuela Modongs Klasse ist völlig klar, dass Bildung der Schlüssel zu ihrer Zukunft ist. Sie haben große Pläne. "Ich möchte Ingenieurin werden, um Krankenhäuser und Schulen zu bauen", erzählt die 14-jährige Theresa. Die 16-jährige Pamela möchte für die Regierung arbeiten, vielleicht selbst Präsidentin werden, um sich für die Rechte von Mädchen und Frauen einzusetzen.

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insgesamt 2 Beiträge
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salomohn 23.06.2019
1. Super Sache
Die Aufklärung und Bildung könnten schneller gehen. Aber ein paar Leute weltweit sitzen auf dem größten Teil des Geldes. Die wollen das nicht.
hinifoto 24.06.2019
2.
Merkwürdig- der Südsudan ist doch auf initiative der USA zustande gekommen. Mit Hilfe aus den USA gelieferten Waffen, mit Geld und mit Beratern. Präsident Salva Kiir trägt noch heute aus Dankbarkeit mit den USA den Cowboyhut den er einst von George Bush geschenkt bekommen hat. Dann müsste das doch klappen mit Demokratie, Bildung, Frieden und Menschenrechten!
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