Südtirol vor der Europawahl "Salvini ist ein Mann der einfachen Botschaften. Er wird sich entzaubern"

Südtirol gehört seit 100 Jahren zu Italien, oft prägte Gewalt seine Geschichte. Hier erklärt Landeshauptmann Kompatscher die Bedeutung Europas für die Provinz - und warum er mit Matteo Salvini koaliert.

Arno Kompatscher
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Arno Kompatscher

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Kompatscher, seit 100 Jahren gehört Südtirol zu Italien. Wie begeht man so ein Jubiläum als Südtiroler? Feiern? Verdrängen?

Arno Kompatscher: Es ist mehr ein Gedenken. Als 1919 der Friedensvertrag von Saint-Germain geschlossen wurde, hat man die Grenze ohne Rücksicht auf ethnisch-sprachliche Gesichtspunkte gezogen: am Brenner. Man hat Tirol geteilt. Seitdem gehören die Tiroler Gebiete südlich des Brenners zu Italien. Aber wir wollen das Datum auch nicht den Nationalisten auf beiden Seiten überlassen. Diese haben ein Interesse, den Anlass für ihre Zwecke umzudeuten.


Südtirol ist kaum größer als die Lüneburger Heide, 500.000 Einwohner leben dort. Die Mehrheit sind Deutschsprachige, nur in der Hauptstadt Bozen ist es umgekehrt: Dort leben 80 Prozent Italiener. 35 Millionen Touristen übernachten jedes Jahr in der Provinz. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter drei Prozent. Aus dem einstigen Armenhaus ist eine der reichsten Regionen Europas geworden.


SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte der vergangenen 100 Jahre war in Südtirol oft von Gewalt geprägt. Der italienische Faschismus, der deutsche Faschismus. Später Anschläge und die Kämpfe um die Autonomie. Wie sieht der Alltag in Südtirol heute aus?

Kompatscher: Wir leben friedlich zusammen. Vielerorts gibt es ein Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen, im Sport oder in der Kultur zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Kompatscher: Es gibt auch Bereiche, wo die Dinge noch eher getrennt laufen. Im Dorf ist es eindeutig anders als in der Stadt. Der urbane Bereich ist eher italienisch geprägt, das Land eher tirolerisch. Und ja, leider gibt es auch immer noch Gruppierungen, die nationalistisch gesinnt sind und zündeln.

Zur Person
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    Arno Kompatscher, Jahrgang 1971, gehört der Südtiroler Volkspartei an. Seit 2014 steht er als Landeshauptmann der Landregierung vor. Im Januar 2019 wurde der siebenfache Vater im Amt bestätigt.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Kompatscher: Etwa wenn die deutschsprachigen Rechtspopulisten sagen, die Italiener seien nur Gäste in Südtirol, die sich gefälligst zu benehmen hätten. Von den italienischen Nationalisten gibt es das genauso. Die Rechten verstehen unter einem friedlichen Zusammenleben, dass die eine Volksgruppe zu akzeptieren habe, dass die andere Volksgruppe das Sagen hat. Aber die Mehrheit der Südtiroler will wirklich friedlich zusammenleben.

Kompatscher (li.) in Alpbach (Österreich)
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Kompatscher (li.) in Alpbach (Österreich)


Das 1972 besiegelte "Südtirol-Paket" garantierte Südtirol weitreichende Freiheiten von Rom, 90 Prozent der Steuereinnahmen fließen in die Region zurück. Während in Italien seit 1945 zig Regierungen vereidigt wurden, gab es in Südtirol genau drei Machtwechsel. Seit 2014 ist Arno Kompatscher Landeshauptmann.


SPIEGEL OLINE: In Südtirol werden öffentliche Stellen nach Sprachgruppen verteilt, Kinder gehen entweder auf eine deutsche oder italienische Schule. Ist das noch zeitgemäß?

Kompatscher: Es braucht weiterhin den Schutz der Minderheiten. Dieses Instrument mag manchmal rigide wirken, aber es ist die Basis, dass sich alle sicher und sich keiner benachteiligt fühlt. Es ist die Basis für das Aufeinanderzugehen. Dafür, die Vielfalt nicht als Bedrohung sondern als Mehrwert zu sehen. Und um Grenzen zu überschreiten.

SPIEGEL ONLINE: Die österreichische Regierung hat vor Kurzem das Thema der österreichisch-italienischen Staatsbürgerschaft für Südtiroler wiederbelebt. Wieso verfängt diese Idee immer noch?

Kompatscher: Aus rechtlicher Sicht braucht es eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht. Zumindest nicht, um die deutschsprachige Minderheit in Italien besser zu schützen. Aber ja, für viele Leute entspricht so ein Doppelpass am ehesten ihrer Identität. Sie sind italienische Staatsbürger - wofür sie einen Ausweis haben - und fühlen aber etwas anderes: nämlich das Tirolerische. Dafür gibt es keinen Pass. Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre eine europäische Staatsbürgerschaft.

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht gerade die Debatte über den Doppelpass zutiefst anti-europäisch?

Kompatscher: Das Ziel ist klar eine Europäische Staatsbürgerschaft. Ich bin überzeugt, Europa hat nur eine Chance, wenn wir das nationale Denken überwinden und die Staaten Souveränität abtreten. Die Antwort heißt: mehr Europa. Insofern ist der Doppelpass eine legitime Forderung, wenn man ihn als Vorstufe zu einer europäischen Staatsbürgerschaft sieht. Und unter der Bedingung, dass man damit nicht neue Grenzen oder Bürger der Klasse A und B verbindet.

SPIEGEL ONLINE: In ein paar Wochen finden die Europawahlen statt. Welche Bedeutung hat Europa für die Region Südtirol?

Kompatscher: Mein Vorgänger, der legendäre Landeshauptmann Luis Durnwalder, sagte mir, der größte Moment in seinem politischen Leben war, als er im April 1998 gemeinsam mit Vertretern Österreichs und Italiens den Grenzbalken am Brenner wegtragen durfte. Das war Südtirols Moment. Damals sah man, dass es im Jahr 1969 die richtige Entscheidung war, den Spatz in der Hand zu wählen, nämlich eine Autonomie Südtirols innerhalb Italiens.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte sagen, es war ein Glücksfall. Südtirol ist heute eine der reichsten Regionen Europas - und die reichste Provinz Italiens...

Kompatscher: Aus dem Spatz ist ein Schwan geworden. Der Schutz durch die Autonomie und durch Europa hat den Südtirolern die Angst genommen, dass man vielleicht doch eines Tages assimiliert würde im Staat Italien. Europa hat uns die Bewegungsfreiheit gebracht, die Möglichkeit, im Ausland zu studieren, zu arbeiten. Wenn wir Südtiroler nicht überzeugte Europäer sind, wer dann?

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie damit um, dass der italienische Vize-Ministerpräsident in Rom, Lega-Chef Matteo Salvini, keine Gelegenheit auslässt, gegen Europa zu wettern?

Kompatscher: Das kritisiere ich öffentlich und direkt. Ich habe dazu Gelegenheit, man kennt sich ja.


Keine Partei in Europa regiert länger als die konservative Südtiroler Volkspartei SVP, bis 2013 sogar mit absoluter Mehrheit. Umso bemerkenswerter war das Ergebnis der letzten Provinzwahl: Nur 41,9 Prozent holte die SVP im Herbst. Anfang 2019 ging die SVP eine Koalition mit der Lega ein.


SPIEGEL ONLINE: Salvini vertritt das Motto "Prima gli Italiani", "Italia first". Muss das die Südtiroler Minderheit in Italien nicht als Kampfansage verstehen?

Kompatscher: Auch unter deutschsprachigen Südtirolern haben einige die Lega gewählt. Salvini inszeniert sich als der, der für Recht und Ordnung sorgt, der die Ausländer außer Landes schickt, die Migrationsfrage löst. Die Botschaft funktioniert in ganz Europa. Und im Moment hat Salvini Erfolg damit. Aber er ist ein Mann der einfachen Botschaften. Er wird sich entzaubern.

Matteo Salvini (r.) und Arno Kompatscher
Oreste Fiorenza/ ROPI

Matteo Salvini (r.) und Arno Kompatscher

SPIEGEL ONLINE: Bei der letzten Provinzwahl im Herbst rutschte Ihre Partei ab. Sie haben sich danach mit der Lega entschiedene Europagegner in die Regierung geholt.

Kompatscher: Italiener in Südtirol haben ihre Stimme mehrheitlich der Lega gegeben. Das muss ich zur Kenntnis nehmen. Unsere Landesverfassung sieht eine Vertretung aller Sprachgruppen in der Regierung vor, sodass wir die Koalition mit der Lega eingehen mussten. Aber ich habe dafür gesorgt, dass nicht nur ein klares Bekenntnis für Europa in der Regierungsvereinbarung drinsteht.



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bartsuisse 12.05.2019
1. Südtirol
ist auch nicht die reichste Provinz Italiens. Das ist Aosta. Südtirol mit dem italienisch sprachigen Trient kommen auf Platz 2. Beises sind autonome Regionen, das heisst das Steuergeld bleibt in der Region. Nationale Infrastrukturen werden aber national bezahlt. Die autonomen Regionen sind also rechnerisch Nettoempfänger. Die grossen nicht autonomen Regionen Lombardei und Emilia-Romagna sind die reichsten Regionen ohne autonomie Statut und die wirklichen Geberländer. Hier wird suggeriert Südtirol würde wesentlich zum ital. Haushalt beitragen. Das tut es nicht und ist mit seiner Grösse auch ökonomisch unwichtig. Es ist aber eine wunderschöne Region mit netten Menschen, die aber von dieser speziellen Situation auch enorm profitieren, dies auch wissen in der Regel
WinfriedFelderer 12.05.2019
2. Wir Südtiroler...
sind ein kleines Völklein, nicht Italiener, nicht Österreicher, nicht Deutsche. Für die Deutschen sind wir Österreicher, für die Österreicher sind wir Walsche - sprich Italiener, für die Italiener sind wir Tedeschi - Deutsche. Was will man mehr vom Leben....
schwarzeliste 12.05.2019
3. Mehrheitlich
Wenn ich mich recht entsinne, hat die relative Mehrheit der italienischsprachigen Südtiroler, nämlich weit über 30 Prozent Salvini gewählt, und damit hat Salvini noch besser angeschnitten als in Gesamtitalien. Meine Vorhersage ist, dass Salvini bei der Europawahl bei den italienischsprachigen Südtirolern nochmals besser abschneidet. Letzte Woche wurde in Bozen ein 15-jähriges Mädchen auf dem Schulweg von zwei dunkelhäutige Männern überfallen und von einem von ihnen vergewaltigt. Dieser Vorfall dürfte Salvini in die Hände spielen
götzvonberlichingen_2 12.05.2019
4. Einfache Botschaft
Ja, mag sein das er sich entzaubert. Aber wenn man genauer hinschaut, hat er das eh längst getan. Das Problem ist allerdings, das seine einfachen Botschaften bei den einfach gestrickten Leuten trotzdem verfangen. Wer einfache Antworten haben will, wird sie von ihm bekommen.
kuac 12.05.2019
5.
Zitat von schwarzelisteWenn ich mich recht entsinne, hat die relative Mehrheit der italienischsprachigen Südtiroler, nämlich weit über 30 Prozent Salvini gewählt, und damit hat Salvini noch besser angeschnitten als in Gesamtitalien. Meine Vorhersage ist, dass Salvini bei der Europawahl bei den italienischsprachigen Südtirolern nochmals besser abschneidet. Letzte Woche wurde in Bozen ein 15-jähriges Mädchen auf dem Schulweg von zwei dunkelhäutige Männern überfallen und von einem von ihnen vergewaltigt. Dieser Vorfall dürfte Salvini in die Hände spielen
Salvini sollte sich viel mehr um die Vergewaltigungen in der Katholischen Kirche befassen. Diese finden seit Jahrhunderten statt, ohne dass die Politik etwas dagegen unternimmt.
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