Terror in der Türkei Die Schuld der anderen

In der Türkei gehört der Terror zum Alltag, die Gesellschaft nimmt das Morden hin. Sie entschuldigt die Taten sogar, wenn die Täter dem eigenen Lager nahestehen. Dieser Irrsinn spaltet das Land.

Anschlag in Suruc: Keine Staatstrauer, dafür Bilderverbot
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Anschlag in Suruc: Keine Staatstrauer, dafür Bilderverbot

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Am Montag starben 32 Menschen in Suruc, einem türkischen Grenzort nahe dem syrischen Kobane, als sich ein 20-jähriger Selbstmordattentäter in die Luft sprengte.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war er ein Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Der Anschlag wäre Grund genug gewesen, Staatstrauer auszurufen und die Flaggen im ganzen Land auf Halbmast wehen zu lassen. Aber nichts dergleichen geschah. Die regierungsnahen Zeitungen, bekannt für ihre hysterische Berichterstattung und vorschnellen Schuldzuweisungen, versteckten den Hinweis, es handele sich vermutlich um eine Tat des IS, in den hinteren Zeilen. Weglassen konnten sie ihn nicht, immerhin hatte Premierminister Ahmet Davutoglu selbst erklärt, er gehe von der Täterschaft der Extremisten aus. Es waren selten kritische Töne aus Ankara. Trotzdem, so jedenfalls lassen die verfügbaren Erkenntnismöglichkeiten und das weitgehende Gewährenlassen seiner Unterstützer vermuten, hat die türkische Regierung den IS zwar schon vereinzelt als Terrororganisation bezeichnet, aber bislang nicht offiziell zur einer solchen erklärt. Die Miliz ist in der Türkei wohl immer noch nicht förmlich verboten.

Eine Blamage für die Regierung

Tausende Regierungsgegner wollten nach dem Anschlag von Suruc im ganzen Land auf die Straße gehen, wurden aber daran gehindert. Überall trieb die Polizei die Demonstranten auseinander, mit Tränengas und Wasserwerfern. Angeblich war man nur um ihre Sicherheit besorgt. Nicht, dass sie auch zum Ziel eines Anschlags würden, hieß es zur Begründung. Ein Gericht verbot sogar die Verbreitung von Fotos und Videos von der Bluttat, als könnte man den Terror durch Ignorieren unwirklich werden lassen - und damit auch die Blamage für die Regierung, den IS jahrelang heimlich gefördert zu haben und nun selbst Opfer dieser Barbaren geworden zu sein. Weil es sich bei den Toten und Verletzten um regierungskritische, prokurdische Aktivisten handelt, reden manche Politiker nun so, als handele es sich um Opfer zweiter Klasse.

Am Mittwoch wurden in Ceylanpinar, knapp 200 Kilometer östlich vom Anschlagsort, zwei Polizisten tot aufgefunden, niedergestreckt mit Kopfschüssen. Wenige Stunden später bekannte sich der militärische Arm der Untergrundorganisation Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu der Tat. Es habe sich um eine "Strafaktion" gehandelt, als "Vergeltung für das Massaker in Suruc", ausgeführt "um 6 Uhr morgens". Es war eine kaltblütige Exekution, ein terroristischer Akt der Selbstjustiz, weil die PKK offensichtlich davon ausging, dass die Polizisten Sympathie für den IS gehegt hatten.

Verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit

Prompt begannen Anhänger der kurdischen Sache, die PKK gegen Kritik zu verteidigen. Man könne verstehen, dass die Kurden sich wehren, lautete der Tenor in den sozialen Medien. Es war der billige Versuch, blutigen Terror zur heldenhaften Selbstverteidigung umzudeuten. Nicht nur manche Kurden vertraten diese Haltung, sondern auch ein paar regierungskritische Türken - nach dem Motto: Es hat ja die Richtigen getroffen. Dass die PKK den Bemühungen, ein friedliches Zusammenleben zwischen Kurden und Türken auf politischem Wege zu erreichen, einen Rückschlag verpasst hat, davon redete niemand.

Es mag eine menschliche Regung sein, die Schuld immer bei den anderen zu suchen und Nachsicht mit Tätern zu üben, die man zum eigenen Lager rechnet. Doch diese verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit auf allen Seiten vertieft die Gräben in der türkischen Gesellschaft. Sie gefährdet den Frieden, weil sie pauschal verurteilt, anstatt differenziert zu betrachten und nach einer konstruktiven Lösung zu suchen.

Und sie täuscht darüber hinweg: Terror ist Terror, Mord ist Mord, egal wer ihn begeht.

Korrektur: In der ursprünglichen Fassung des Beitrags war als feststehende Tatsache formuliert, dass die türkische Regierung den IS bislang nicht offiziell zur Terrororganisation erklärt habe und die Miliz in der Türkei nicht verboten sei.

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
matthias.ma 23.07.2015
1. Wie bei uns
Für uns gehört (außerhalb Deutschlands) der Terror ebenfalls zum Alltag. Siehe gestern im SPON: Die USA haben völkerrechtswidrig einen Mann in Syrien und vermutlich 20 umstehende Personen exekutiert. Da die USA uns nahestehen und die Al Quaida eher nicht, wird das von uns toleriert und mit einem 14 Jahre alten Anschlag erklärt. Nur wirklich gespalten ist unsere Bevölkerung nicht. Ein paar versprengte Vollspacken gehen zwar zum IS kämpfen (böse, da uns fern stehend) oder zu den Kurden (gut, weil uns nahe stehend), aber ein Riss durch die Bevölkerung ist natürlich nicht zu sehen... Die Medien halten das Volk mit gemeinsamer BErichterstattung ganz gut zusammen.
ringring09 23.07.2015
2.
Es eckt an, wie in diesem Artikel hergezogen wird: "In der Türkei gehört der Terror zum Alltag, die Gesellschaft nimmt das Morden hin. Sie entschuldigt die Taten sogar, wenn die Täter dem eigenen Lager nahestehen" - sowas ist reiner Populismus. Weder gehört der Terror zum türkischen Alltag, noch werden Morde akzeptiert. Und das Gericht hat wohl nicht aus eigenen Stücken twitter etc sperren lassen, sondern auf Klage/Antrag (anders als die Regierung damals, bitte also sorgfältig unterscheiden). Es ist aber nachvollziehbar, dass solche butigen Bilder von derart verletzten Personen nichts im Internet verloren haben (und auch nicht für jedermann betimmt ist, zB Minderjährige etc) und auch die Würde der Angehörigen und der Verletzten selbst zu wahren ist. Ich denke nämlich, dass eher hier der Grund für die Sperre lag! Ich finde es sehr besorgniserregend, wie die Türkei immer wieder dargestellt wird. Der Autor sitzt doch in Istanbul, ist also hautnah dabei. Warum also diese unsauberen Recherchen?
exminer 23.07.2015
3. Mord ist Mord !
Eine klare Aussage, nur in diesem Fall? Und wie werden die anderen fast gleichgelagerten Ereignisse bezeichnet und vor allem die Auftraggeber dieser Delikte, die Paten? Ich sehe das alte Wort immer wieder bestätigt, das von den Splittern und Balken im Auge handelt.
CobCom 23.07.2015
4.
Es ist erschreckend, wie ein Land, dass in meiner Wahrnehmung dicht vor großen Schritten voran stand, sich in der Wahrnehmung zunehmend auf einen primitiv-religiösen Polizeistaat reduziert. Gefühlt sind sie wieder unter dem Stand von Atatürk.
mattin666 23.07.2015
5. Auf den Punkt gebracht
Dem ist nichts hinzuzufügen. Weiter so!
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