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11. März 2013, 12:31 Uhr

Top-Beraterin Rice

Die neue Macht im Weißen Haus

Von , Washington

Susan Rice steigt womöglich bald zu einer der mächtigsten Frauen der Welt auf. Laut "Washington Post" soll sie wichtigste außenpolitische Beraterin im Weißen Haus werden. Damit hätte sie mehr Einfluss als Außenminister Kerry - und könnte Obamas Syrien-Kurs maßgeblich beeinflussen.

John Kerry, frisch bestallter US-Außenminister, hat seinen Mitarbeitern klare Terminvorgaben erteilt. Einmal pro Woche, so Kerrys Anweisung, wolle er einen persönlichen Gedankenaustausch mit Susan Rice, Amerikas Uno-Botschafterin, pflegen. Dass Kerry dieser Termin so wichtig ist, ist keine Höflichkeit gegenüber Rice, die eigentlich für Kerrys Posten vorgesehen war - bis sie auf das Amt verzichtete, weil Republikaner von ihr Aufklärung über missverständliche Aussagen zum Tod von US-Diplomaten in Libyen forderten.

Vielmehr ist Kerry klug beraten, sich mit Rice abzustimmen. Schließlich dürfte die 48 Jahre alte Politologin bald mehr zu sagen haben als der Minister selbst. Laut einem Bericht der "Washington Post" ist Rice als Nationale Sicherheitsberaterin auserkoren, dem wohl wichtigsten außenpolitischen Posten im Weißen Haus. In einer Regierung, welche die wesentlichen Entscheidungen in einem kleinen Kreis von Eingeweihten nahe dem Oval Office trifft, dürfte sie den globalen Kurs von Obamas zweiter Amtszeit maßgeblich prägen.

Rice gehört zu den engsten Vertrauten des Präsidenten, sie beriet ihn bereits im Wahlkampf 2008 und brach dafür sogar mit ihrer früheren Mentorin Hillary Clinton. Rices Benennung - die dem Bericht zufolge im Sommer den bisherigen Sicherheitsberater Thomas Donilon ablösen könnte - ist aber nicht nur als loyale Geste und kleine Rache an jenen Republikanern zu verstehen, die sie als Außenministerin blockierten.

Richtungswechsel in Amerikas Nahostpolitik

Obama unterstreicht so vielmehr auch einen Richtungswechsel in Amerikas Nahostpolitik, gerade mit Blick auf Syrien. Rice hat sich öffentlich mehrfach Vorwürfe gemacht, als Afrika-Beraterin unter Präsident Bill Clinton auf den Genozid in Ruanda 1994 nicht rasch genug reagiert zu haben. Seither gilt sie als Anhängerin des Gedankens einer "humanitären Intervention" - und könnte nun helfen, die amerikanische Reaktion auf das Blutbad in Syrien neu auszurichten. Dass die Einstellung dazu sich wandelt, ist seit geraumer Zeit abzulesen.

Schon seit rund drei Monaten beteiligen sich Amerikaner offenbar insgeheim an der Ausbildung syrischer Rebellen in Jordanien. Wie mehrere Teilnehmer und Organisatoren dieses Trainings dem SPIEGEL berichteten, hätten bereits 200 Männer eine Ausbildung erhalten. Die Kämpfer würden vor allem im Gebrauch moderner Panzerabwehrwaffen geschult, damit sie die Übermacht der syrischen Armeepanzer brechen können. Bereits zuvor hatte Außenminister Kerry offiziell der syrischen Opposition mehr Hilfe zugesagt, etwa 60 Millionen Dollar, zudem Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter.

Freilich sind die Rebellen nach wie vor enttäuscht über die zögerliche Rückendeckung aus den USA. Zunehmend werden daher in Washington Stimmen laut, die den Bürgerkrieg in Syrien auch als Bedrohung amerikanischer Interessen ansehen - etwa durch den Flüchtlingsstrom in Anrainerstaaten, die mögliche unkontrollierte Verbreitung syrischer Chemiewaffen und ein denkbares Zerbrechen des Landes, das dann als Rückzugsort für Terroristen dienen könnte. "Die Kosten der aktuellen US-Position übersteigen langsam den Nutzen", schreibt die Obama-nahe Denkfabrik "Center for American Progress" in einem Positionspapier - und fordert eine offenere Diskussion über Alternativen zu einem militärischen Eingreifen.

Diese Debatte könnte durch Rices Benennung ebenfalls Auftrieb erhalten: Als aussichtsreichste Nachfolgekandidatin für deren Botschafterposten bei den Vereinten Nationen gilt Harvard-Professorin Samantha Power - die in einem preisgekrönten Buch Amerikas Reaktion auf Genozide beschrieb und eigene Handlungsempfehlungen entwarf.

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