Terrorangst in Sydney Der rätselhafte Geiselnehmer

Die australische Polizei kennt die Identität des Geiselnehmers von Sydney. Auch ein Mitglied der muslimischen Gemeinde hat ihn identifiziert. Doch das Verhalten des auffallend alten Mannes gibt Rätsel auf.

DPA/ Seven News

Berlin - Die Journalisten des australischen Fernsehsenders "7 News" können den Geiselnehmer von ihrem Fenster aus sehen. Ihr Büro liegt direkt gegenüber dem Lindt-Café im Zentrum von Sydney, wo mehr als ein Dutzend Geiseln festgehalten werden. Wenn der Geiselnehmer vortritt und sich der Fensterscheibe nähert, sehen die Reporter sein weißes Longsleeve unter seiner schwarzen Weste aufleuchten. Sogar seine Gesichtszüge können sie grob ausmachen.

Der Geiselnehmer ist ein sehr großer Mann südländischen Aussehens, zwischen 40 und 50 Jahre alt - für einen Dschihadisten auffällig alt. Sein Gesicht ist stoppelig-unrasiert, doch einen dichten Bart wie Salafisten trägt er nicht. Um die Stirn hat er ein Stoffband, auf dem auf Arabisch das Wort "Mohammed" zu erkennen ist. Einen großen Rucksack behält er die ganze Zeit auf. Seine Schusswaffe, nach australischen Berichten eine Mehrladerflinte, behält er stets zur Hand.

Die australische Polizei kennt die Identität des Geiselnehmers. Doch sie will sie vorerst nicht preisgeben, solange die Verhandlungen um die Freilassung der 12 bis 29 Geiseln andauern. Auch Jamal Rifi, ein führendes Mitglied der muslimischen Gemeinde von Sydney, erklärte australischen Medien, er kenne den Mann, wolle seinen Namen allerdings noch nicht öffentlich machen. Über 40 muslimische Organisationen in Australien haben die Tat bereits verurteilt.

Mehrere Details über den Geiselnehmer sind inzwischen bekannt. Doch sie werfen neue Rätsel auf.

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Geiselnahme in Australien: Terroralarm in Sydney

  • Stümper? Der Geiselnehmer möchte sich eindeutig als Dschihadist identifiziert wissen. Er zwingt die Geiseln, eine islamistische Fahne an die Fensterscheibe zu halten, die der Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) ähnelt. Inzwischen forderte er, man solle ihm eine IS-Flagge bringen. Kannte er selbst vorher nicht den Unterschied - oder warum brachte er nicht gleich die richtige Flagge mit? Zudem konnten gleich zwei Mal Geiseln aus dem Café entkommen - insgesamt fünf Menschen. Nach Einschätzung der Journalisten von "7 News", die die Szenen beobachten konnten, flohen sie gegen den Willen des Geiselnehmers. Der tobte drinnen.

  • Dschihad-Trittbrettfahrer? Er lässt sich als "der Bruder" ansprechen, wie sich strenggläubige Muslime ansprechen. Offenbar will er klarmachen, dass er sich zu ihnen zählt. Doch neben seinem Flaggen-Irrtum ist auffällig, dass der Geiselnehmer keinen typischen Bart trägt, dafür aber ein Islamistenstirnband. Dieses ist für andere islamistische Terrorgruppen üblich, allerdings weniger für den IS - ein zweiter überraschender Irrtum. Der Geiselnehmer bekennt sich zwar zum IS, doch er scheint keine besonders enge Verbindungen zu der Miliz zu haben.

  • Gewaltbereitschaft? Ein wenig Hoffnung macht, dass der Geiselnehmer seine Wut bisher unter Kontrolle zu haben scheint. Als zweimal Geiseln entkamen, ließ er seinen Ärger nicht an den Verbliebenen aus. Zudem erlaubte er, dass die Geiseln abends mit Essen versorgt werden durften. Bisher sind nach Erkenntnissen der Polizei alle unverletzt. Australische Medien berichteten, der Geiselnehmer habe sich mit menschlichem Schutzschild der Fensterscheibe genähert, doch später wurde dieser Bericht korrigiert: Es scheint sich dabei nicht um eine der Geiseln gehandelt zu haben, sondern um eine Schaufensterpuppe.

Für die Geiseln ist dies nur ein kleiner Trost. Sie sind in einer schrecklichen Situation mit ungewissem Ausgang. Die Polizei verhandelt weiter mit dem Täter. Sie hofft, die Geiselnahme friedlich zu lösen, stellt sich jedoch auf langwierige Verhandlungen ein.

ras



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