Syrer in der Türkei Flucht vor Assads Mörderbanden

Baschar al-Assad kennt keine Gnade: Mit Panzern und Geländewagen haben Soldaten des syrischen Diktators ein weiteres Dorf an der türkischen Grenze gestürmt. Schon Tausende Menschen sind in die Türkei geflüchtet - auch Deserteure wie Oberstleutnant M.

REUTERS

Von der türkisch-syrischen Grenze berichtet


Der Mann wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er ist erschöpft, hat mehrere Tage Fußmarsch hinter sich. Sein blaues Hemd hat schon Löcher, die olivgrüne Hose überall Schmutzflecken. Er ist Soldat der syrischen Armee, besser: ehemaliger Soldat. Der Mann ist desertiert, geflohen, heimlich über die Grenze in die Türkei.

"Oberstleutnant M." nennt er sich. Mehr will er über sich nicht preisgeben, er sagt, würde er zurück nach Syrien gehen müssen und würden ihn seine früheren Kameraden erkennen, würden sie ihn auf der Stelle erschießen. "So wie viele hundert andere Soldaten, die sich wie ich geweigert haben, auf das eigene Volk zu schießen, und stattdessen geflohen sind", sagt er. Viele von ihnen seien erwischt und getötet worden.

Im syrischen Staatsfernsehen behaupten sie dagegen, das seien alles Lügen. Soldaten hätten keineswegs auf Soldaten geschossen. Für die Morde seien vielmehr Aufständische verantwortlich. Auch habe es keine Säuberungen gegeben, die Armee habe "Banditen", "islamistische Extremisten" und "Verbrecher" bekämpft.

Assads Soldaten stürmen weiteres syrisches Dorf

Die Flüchtlinge, die es in die Türkei geschafft haben, manche von ihnen mit Schussverletzungen, erzählen eine andere Geschichte. Wie es wirklich war, lässt sich nicht überprüfen, Syrien verweigert ausländischen Journalisten die Einreise. Syrische Menschenrechtsgruppen berichten, dass bislang rund 1500 Zivilisten und rund 300 Sicherheitskräfte getötet worden seien. Seit drei Monaten fordern in Syrien Zehntausende demokratische Reformen und den Rücktritt von Präsident Baschar al-Assad, dessen Familie seit vier Jahrzehnten autokratisch herrscht.

Am Samstagmorgen stürmten Assads Truppen laut den Nachrichtenagenturren AFP und Reuters mit Panzern und Geländewagen das Dorf Bdama nahe der türkischen Grenze. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte rückten mindestens sechs Panzer und 15 Truppentransporter sowie Geländewagen in das Dorf ein. Heftiges Gewehrfeuer sei zu hören gewesen. Die Soldaten hätten 70 Menschen festgenommen und Häuser niedergebrannt, sagte der Anwalt Saria Hammuda. Bdama liegt in der Nähe der Protesthochburg Dschisr al-Schughur und nur etwa zwei Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Laut Menschenrechtsaktivisten hatten die Bewohner des Dorfes in den vergangenen Tagen Flüchtlinge aus Dschisr al-Schughur mit Nahrung versorgt. In der vergangenen Woche hatte die syrische Armee Dschisr al-Schughur nach tagelanger Belagerung eingenommen. Zahlreiche Bewohner flüchteten.

Knapp 10.000 Syrer sollen inzwischen in der Türkei angekommen sein

Güvecci ist ein Dorf im äußersten Südosten der Türkei, es liegt auf einer Anhöhe. Etwa 300 Menschen wohnen hier, sie leben von Landwirtschaft, die Häuser sind brüchig, die Dächer haben Löcher. Im Tal verläuft der Grenzzaun, der Hügel auf der anderen Seite ist schon Syrien. Dort stehen blaue Zelte, Tausende Syrer warten dort darauf, dass die türkischen Grenzsoldaten die Pforten öffnen.

Oberstleutnant M. hat die Grenze illegal überschritten, er wollte nicht mehr warten. "Aus Angst, dass Soldaten kommen, ihn erkennen und mitnehmen", sagt er. Jetzt sitzt er auf der staubigen Dorfstraße, ein Bewohner hat eine Wassermelone gebracht für ihn und ein paar weitere Flüchtlinge. M. will sich nicht lange ausruhen, er will weiter Richtung Norden. "In ein Flüchtlingslager komme ich vermutlich nicht rein, weil ich illegal über die Grenze gekommen bin. Aber ich kenne jemanden in Iskenderun, vielleicht darf ich da bleiben." Iskenderun liegt etwa 80 Kilometer entfernt, eine Stadt am Mittelmeer. Wie er dorthin kommen will, weiß er noch nicht.

Knapp 10.000 Syrer sollen inzwischen in der Türkei angekommen sein, weit weniger, als die Regierung in Ankara erwartet hatte. Aber nach Ansicht der Menschen in der Provinz Hatay zu viele, um sie dauerhaft aufzunehmen. Die zwei Camps in den Orten Yayladaghi und Altinözü sind immer noch abgeriegelt, die Flüchtlinge dürfen sie nicht verlassen und sollen auch nicht mit Reportern reden. Seit dem Freitagsgebet sind in Yayladaghi mehrere Flüchtlinge im Hungerstreik, sie protestieren damit gegen die Abschottung durch die türkischen Behörden. "Das geschieht doch nur zu ihrer eigenen Sicherheit", sagt ein Polizist. "Vielleicht hetzen sie gegen Präsident Baschar al-Sadat, und dann bekommen sie Schwierigkeiten, wenn sie zurück nach Syrien müssen."

Das Verhältnis zu Syrien ist gespalten - auch wenn es sich gebessert hat

Das ist die halbe Wahrheit, denn tatsächlich will die Regierung auch verhindern, dass diese Menschen in der Türkei untertauchen. Auch macht die Verwaltung der Provinz deutlich, dass die Syrer hier nicht dauerhaft bleiben könnten. "Wir bemühen uns um eine gute Betreuung, die Menschen bekommen drei Mahlzeiten am Tag, es gibt genügend Zelte, sanitäre Einrichtungen, Möglichkeiten, Wäsche zu waschen", sagt ein Beamter in Yayladaghi. "Wir haben mehrere Fernseher zur Verfügung gestellt und Arabisch sprechende Leute zur Kinderbetreuung." Mehr könne man nicht tun.

Die Beziehungen zu den Syrern sind in diesem Teil der Türkei gespannt. Die Provinz Hatay gehörte bis Ende der dreißiger Jahre noch zu Syrien, als das Land unter französischer Kolonialherrschaft stand. In einer - bis heute umstrittenen - Volksbefragung entschieden sich die Einwohner für eine Zugehörigkeit zur Türkei. Wer lieber in Syrien leben wollte, musste gehen. "Deshalb gibt es bis heute noch viele verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Türken in dieser Gegend und Syrien", sagt Lütfü Savas, Bürgermeister der türkischen Stadt Antakya. Die meisten Menschen sprechen außer Türkisch auch Arabisch.

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Syrien hat sich in den vergangenen fünf Jahren gebessert, auch wenn "Ausländer" - gemeint sind Syrer - in Hatay nach wie vor kein Grundstück kaufen dürfen. Aber seit über einem Jahr dürfen die Menschen ohne Visum in das jeweils andere Land reisen. Er könne verstehen, dass die Syrer die Türkei als Vorbild sähen. "Sie kommen hierher und sehen, welche Freiheiten und welche Möglichkeiten es hier gibt", sagt Savas. "Wir sind bereit, den Syrern, aber auch anderen Menschen in der arabischen Welt bei ihrem Wunsch nach Demokratie zu helfen."

Ankara will eine internationale Militärintervention unbedingt verhindern

Ob Syrien oder Ägypten - die Einwohner dieser Länder sehen die Türkei als Vorbild, als gelungene Mischung aus islamischem Erbe und Modernisierung. Sie haben die Unterdrückung satt und die Herrscher, die mit ihren Familien Besitz ergriffen haben von ihren Ländern und sich seit Jahrzehnten bereichern, während die Bevölkerung unter ihren Verhältnissen lebt.

Die Türkei, frustriert von der Ablehnung, die sie in den Gesprächen über eine EU-Mitgliedschaft von den Europäern erfährt, will diese Vorbildrolle erfüllen. "Null Probleme mit den Nachbarn" lautet das Motto der Regierung. Unter dem gerade wiedergewählten Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei sich zunehmend vom Westen abgewandt und zur Regionalmacht entwickelt. Es gibt Freihandelsabkommen mit Syrien, Libanon, Jordanien, Irak. Europäische Diplomaten machen die Türkei mitverantwortlich, durch ihre Politik Assad wieder hoffähig gemacht zu haben.

Für die Türkei ist das ein Dilemma: Sie muss mit dem Flüchtlingsstrom fertig werden, will aber auch nicht die Beziehungen zu Syrien belasten. Deshalb drängt Ankara Damaskus seit Wochen zu einem Ende der Gewalt - bislang ohne Erfolg. Eine internationale Militärintervention wie in Libyen soll unbedingt verhindert werden. Mehrere EU- und Nato-Staaten haben die Türkei gedrängt, wenigstens einer Verurteilung Syriens im Sicherheitsrat zuzustimmen. Ankara hält sich noch bedeckt. Vor allem Deutschland und Frankreich dringen auf eine Uno-Resolution, China und Russland lehnen das ab.

"Wichtigste Voraussetzung für Demokratie in Syrien ist ein Ende der Herrschaft der Familie Assad", sagt der desertierte Offizier M. in Güvecci. "Dazu ist notfalls Gewalt nötig. Aber das kann nur der Anfang sein. Dauerhaft wird man Demokratie nicht mit Gewalt durchsetzen können." Auch er findet, dass die Türkei ein Vorbild sei für die Staaten in der arabischen Welt. "Modern und islamisch, demokratisch und doch auch irgendwie traditionell", meint M. Er selbst könne sich vorstellen, in der Türkei zu bleiben, für immer.

insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
Eickert11 18.06.2011
1. Syrische Flüchtlinge auf der Flucht
Zitat von sysopBaschar al-Assad kennt keine Gnade: Mit Panzern und Geländewagen haben Soldaten des syrischen Diktators ein weiteres Dorf an der türkischen Grenze gestürmt. Schon Tausende Menschen sind in die Türkei geflüchtet - auch Deserteure wie Oberstleutnant M. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769142,00.html
Warum kann die Bundesregierung hier keinen diplomatischen Protest aussprechen ? In Berlin ist doch eine Botschaft!
CA.92675 18.06.2011
2. Erstaunlich
Es ist mir ein Rätsel wie die Regierungen dieser Welt sich das tatenlos mit ansehen .
zabadac 18.06.2011
3. mit öl wäre es einfacher
schade das in dem land nicht mehr ölquellen sind, sonst wäre der spuk schnell zu ende. peinlich ist die ungleichbehandlung von Libyen und Syrien auf jeden fall und zeugt wohl das in Libyen andere interessen als die menschenfreundlichkeit grnd für den krieg sind.
hanspeter.b, 18.06.2011
4. Vielleicht
Zitat von CA.92675Es ist mir ein Rätsel wie die Regierungen dieser Welt sich das tatenlos mit ansehen .
Vielleicht glauben sie nicht einfach alles, was hier an Schauergeschichten berichtet wird. Syrien hat mit seinen unterschiedlichen Volksgruppen und Religionen das Potential ein großer Libanon zu werden. Hier muss man sehr vorsichtig vorgehen.
Hagen65 18.06.2011
5. erst Libyen, dann Syrien
Zitat von CA.92675Es ist mir ein Rätsel wie die Regierungen dieser Welt sich das tatenlos mit ansehen .
Die vielen demokratischen Regierungen dieser Welt lösen auch bei mir durch permanentes Fehlverhalten unbehagen aus. Die Frage ist nur, ob die NATO Bomben, Lebensmittel oder Eurobündel abwerfen sollte. Auf jeden Fall aber sollten die Flüchtlinge direkt zur EU weitergeleitet werden, denn die sozialen Gepflogenheiten in der Türkei sind ja bekanntermaßen auch für die eigene Bevölkerung suboptimal. Frau Roth, übernehmen Sie!
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