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Kampfjet-Abschuss in Syrien Moskaus grausame Rache

Ein russischer Kampfjet wird in Syrien abgeschossen, der Pilot überlebt zunächst. Doch als sich Dschihadisten nähern, sprengt er sich in die Luft. Moskau feiert den "Held der Föderation" - und schlägt brutal zurück.

"Das ist für euch, für die Jungs", sind die letzten Worte des russischen Kampfpiloten Roman Filipow. In dem Moment, als er sie ausspricht, zieht er den Sicherungsstift aus der Handgranate. Die Explosion tötet den Major. Kämpfer der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Scham (HTS) haben die Szene in einem Video festgehalten.

Die Dschihadisten schossen Filipows Kampfjet vom Typ Suchoi Su-25 am Samstag über der syrischen Provinz Idlib ab. Der Pilot konnte sich zunächst mit dem Schleudersitz retten, wurde dann aber von HTS-Kämpfern unter Beschuss genommen. Um der Gefangennahme durch die Terrormiliz zu entgehen, tötete sich Filipow schließlich selbst mit einer Handgranate, die er offenbar im Cockpit mit sich geführt hatte.

Alexander Koz, Kriegsreporter des Kreml-nahen russischen Massenblatts "Komsomolskaja Prawda" schreibt, das Video dokumentiere "das wahre Heldentum des russischen Kriegs in Syrien". Aus dem Verteidigungsministerium heißt es, Filipow habe bis zuletzt versucht, seinen Jet in der Luft zu halten, er schaffte es noch, dem Kommandostab zu melden, dass er von einer Rakete angegriffen wurde.

Rätsel um Herkunft der Boden-Luft-Rakete

In Russland soll der Pilot auf einer Basis in der Nähe von Wladiwostok im Fernen Osten stationiert gewesen sein. Der Kreml wird ihm postum den höchsten Ehrentitel verleihen, der in Russland vergeben wird: "Held der Russischen Föderation". Filipow wurde 33 Jahre alt, er hinterlässt eine junge Frau und eine vierjährige Tochter. Er galt als erfahrener Pilot, es war nicht sein erster Einsatz im Syrienkrieg. Filipows Vater soll als Kampfpilot im Tschetschenienkrieg gedient haben, berichtet "Komsomolskaja Prawda".

Zum zweiten Mal seit Beginn ihrer Militärintervention in Syrien im Spätsommer 2015 hat die russische Armee einen Kampfjet verloren. Im November 2015 hatte die Türkei eine Suchoi Su-24 abgeschossen, nun ist es zum ersten Mal einer Rebellengruppe gelungen, ein russisches Flugzeug zum Absturz zu bringen.

Bislang ist unklar, mit welcher Waffe die Islamisten die Suchoi Su-25 beschossen. Franz Klinzewitsch, stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Föderationsrat, beschuldigte die USA, der HTS schultergestützte Flugabwehrraketen, sogenannte Manpads, geliefert zu haben. "Amerika will zeigen, dass der Krieg noch nicht vorbei ist und die Russen noch nicht gewonnen haben", sagte Klinzewitsch.

USA bestreiten Verstrickung

Das Pentagon dementiert das kategorisch: "Die Vereinigten Staaten haben niemals Manpads an irgendeine Gruppe in Syrien geliefert, und wir sind sehr besorgt darüber, dass solche Waffen eingesetzt werden", sagte Heather Nauert, Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums.

Das russische Militär bemüht sich, sowohl Filipows Leiche als auch die Flugzeugtrümmer zu bergen. Dadurch erhofft sich Moskau Rückschlüsse auf die eingesetzte Flugabwehrrakete. Die russische Zeitung "Iswestija" berichtet, das Verteidigungsministerium habe als erste Maßnahme alle Kampfpiloten angewiesen, die Flughöhe von 5000 Metern nicht mehr zu unterschreiten.

Rettungsarbeiten nach Luftangriff in Idlib

Rettungsarbeiten nach Luftangriff in Idlib

Foto: OMAR HAJ KADOUR/ AFP

Doch die Intensität der russischen Luftangriffe nimmt seit dem Abschuss keinesfalls ab. Im Gegenteil: Seit Samstag verstärken die syrische und russische Luftwaffe das Bombardement auf die Provinz Idlib - offenbar als Vergeltung. Augenzeugen berichten seit Sonntag von heftigen Angriffen auf die Provinzhauptstadt Idlib, sowie auf die Städte Maarat al-Numan, Sarakeb, Kafrnabl und andere Orte. Dabei wurden laut Augenzeugen mindestens 20 Zivilisten getötet. Mehrere Angriffe richteten sich gezielt gegen Krankenhäuser - ein taktisches Muster, das russische und syrische Luftwaffe schon bei der Eroberung Aleppos verfolgt hatten.

Chlorgasangriffe sind in Syrien wieder Alltag

Der Großteil der bombardierten Ziele liegt Dutzende Kilometer hinter der Front - ein weiteres Indiz dafür, dass es nicht darum ging, das Vorrücken der Regierungstruppen zu unterstützen, sondern Zivilisten für den Abschuss des Kampfjets zu bestrafen und in die Flucht zu treiben. Allein in den vergangenen sechs Wochen sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 272.000 Menschen in Idlib vor den Luftangriffen und den vorrückenden Regierungstruppen in Richtung Norden geflüchtet. Für viele von ihnen ist es die zweite Flucht, sie hatten sich in den vergangenen Jahren aus anderen Landesteilen in die Provinz im Nordwesten geflüchtet.

Verletzte nach mutmaßlichem Chlorgasangriff in Sarakeb

Verletzte nach mutmaßlichem Chlorgasangriff in Sarakeb

Foto: OMAR HAJ KADOUR/ AFP

In Sarakeb soll am Sonntag ein syrischer Armeehubschrauber mehrere mit Chlorgas befüllte Granaten abgeworfen haben. Mindestens neun Menschen seien daraufhin mit Atemnot behandelt worden, berichtet die syrische Rettungsorganisation Weißhelme. Es ist die dritte Meldung über einen Chlorgasangriff in Syrien innerhalb von vier Tagen. Am Donnerstag meldeten Ärzte einen Chlorgasangriff in Duma, am Samstag eine Attacke in Irbin - zwei von Aufständischen gehaltene Vororte von Damaskus. Wie immer bestreitet das Regime von Baschar al-Assad, Chemiewaffen eingesetzt zu haben.

Im April 2017 ordnete Donald Trump wenige Tage nach dem Sarinangriff auf die ebenfalls in der Provinz Idlib liegende Stadt Chan Schaichun einen Vergeltungsschlag gegen einen Militärstützpunkt des Assad-Regimes an. Ausdrückliches Ziel des Angriffs war es, Assad von weiteren Giftgasangriffen abzuhalten. Offenkundig ist Trumps Strategie gescheitert. Chlorgasangriffe gehören längst wieder zum Alltag im Syrienkrieg.

Mitarbeit: Christina Hebel
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