Syrien Ärzte ohne Grenzen bestätigen Hunderte Tote mit Giftgas-Symptomen

Als erster ausländischer Beobachter hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen bestätigt, dass nahe Damaskus Hunderte Syrer mit Giftgassymptomen starben. US-Präsident Obama hat sich von seinen Beratern verschiedene Handlungsoptionen aufzeigen lassen.
Eine Überlebende des mutmaßlichen Giftgasangriffs: Hilfsorganisation spricht von Nervengift

Eine Überlebende des mutmaßlichen Giftgasangriffs: Hilfsorganisation spricht von Nervengift

Foto: STRINGER/ REUTERS

Damaskus - US-Präsident Barack Obama und Großbritanniens Premier David Cameron telefonierten am Samstag, um sich über die Lage in Syrien auszutauschen. Sie seien "zutiefst besorgt" über die jüngsten Berichte über den Einsatz von Giftgas. Nach wie vor ist offen, ob das Assad-Regime oder die Rebellen dafür verantwortlich sind, dass am Mittwoch nördlich von Damaskus Hunderte Menschen starben und Tausende verletzt wurden. Obama habe sich, so hieß aus dem Weißen Haus, alle möglichen Optionen für ein Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg von seinen Sicherheitsberatern aufzeigen lassen.

Einen schärferen Ton traf David Cameron nach der Unterredung mit Obama: Assads Unwillen, mit den Uno-Beobachtern zu kooperieren, "vermittelt den Eindruck, dass das Regime etwas zu verstecken hat", ließ der britische Premier über einen Sprecher erklären. Die beiden sähen "wachsende Anzeichen", dass Syrien "einen massiven Angriff mit Chemiewaffen" gegen Zivilisten ausgeführt habe. Wenn das der Fall sei, so müsse eine "ernsthafte Reaktion" der internationalen Gemeinschaft folgen.

Während der internationale Druck auf das Regime von Baschar al-Assad steigt, die Beobachter, die seit Tagen im Land sind, nicht weiter an ihrer Arbeit zu hindern, werden weitere Details des Angriffs bekannt. Binnen weniger als drei Stunden seien am Mittwochmorgen etwa 3600 Syrer in drei Krankenhäuser im Großraum von Damaskus gekommen, berichtet die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Alle Betroffenen hätten an Vergiftungssymptomen gelitten: an vermehrtem Speichelfluss, extrem verengten Pupillen, Zuckungen oder schweren Atemproblemen. Die Patienten seien mit Atropin behandelt worden, einem Medikament gegen neurotoxische Symptome. 355 der Betroffenen seien gestorben.

Die Ursache für die Vergiftungserscheinungen könne zwar nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden, teilte die Organisation mit. Alles deute aber darauf hin, dass die Menschen einem Nervengift ausgesetzt worden seien.

Bis zu 1300 Menschen getötet

Die Angaben von Ärzte ohne Grenzen basieren auf Informationen aus drei Kliniken, mit denen die Organisation nach eigenen Angaben seit 2012 eng zusammenarbeitet.

Die Rebellen beschuldigen das Assad-Regime, am Mittwoch östlich der Hauptstadt der Region Ghuta Chemiewaffen eingesetzt zu haben, bis zu 1300 Menschen sollen dabei getötet worden sein. Dies weist die Regierung zurück. Ärzte ohne Grenzen wies am Samstag darauf hin, keine Aussage darüber treffen zu können, wer für den Einsatz des Gifts verantwortlich sei.

Die Forderungen nach einem Eingreifen des Westens werden lauter. Das Pentagon trifft Vorbereitungen für den Ernstfall: Mit dem Zerstörer "USS Mahan" wurde bereits ein viertes Kriegsschiff in das östliche Mittelmeer beordert. Die Schiffe seien mit Marschflugkörpern bewaffnet. Das Pentagon habe die Pflicht, dem Präsidenten Optionen für alle Eventualitäten anzubieten, sagte Verteidigungsminister Chuck Hagel.

Diskussion über Angriffsszenarien mit Marschflugkörpern

In US-Medien werden bereits Angriffsszenarien mit Marschflugkörpern diskutiert. Laut einem Bericht der "New York Times" betrachten Obamas Sicherheitsberater auch den Luftkrieg im Kosovo 1999 als eine mögliche Blaupause für einen Schlag gegen das Assad-Regime.

Die Hohe Repräsentantin der Vereinten Nationen für Abrüstung, Angela Kane, traf am Samstag in Damaskus ein. Sie soll einen Zugang der Uno-Chemiewaffeninspekteure zu den angeblich bombardierten Dörfern aushandeln. Bisher wurde den Experten, die sich bereits seit dem vergangenen Sonntag in Syrien aufhalten, mit Hinweis auf die andauernden Kämpfe nicht erlaubt, die betroffenen Bezirke zu besuchen.

Außenminister Guido Westerwelle betonte in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow, die Aufklärung der Giftgasvorwürfe durch die Inspekteure sei dringend notwendig.

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Möglicher Giftgasangriff: Uno-Inspekteure in Syrien

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heb/afp/dpa
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