Hilfe für Syrien "Die Helfer leisten Großartiges"

Tausende Menschen riskieren in Syrien jeden Tag ihr Leben, um andere zu retten. Der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen schildert, wie die Helfer selbst zum Angriffsziel werden - und erklärt, was die Deutschen tun können.

AFP

Ein Interview von


Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unterstützt mehr als 150 Krankenhäuser in Syrien. Dort haben Ärzte seit Kriegsbeginn Hunderttausende Verwundete behandelt - unter schwersten Bedingungen. Nahezu täglich werden die Hospitäler aus der Luft angegriffen, Dutzende Ärzte und Patienten wurden dabei getötet. Wie viele es genau waren, ist nicht bekannt: Ärzte ohne Grenzen hat den Versuch aufgegeben, die Toten und Verletzten in ihren Krankenhäusern zu zählen.

Pablo Marco leitet den Einsatz der Hilfsorganisation in Syrien. Im Interview schildert er die aktuelle Lage in dem Bürgerkriegsland. Er beschreibt, wie schwer es auch ihm fällt, nicht die Hoffnung zu verlieren. Und er erklärt, wie Sie trotzdem den Menschen in Syrien helfen können - wenigstens ein bisschen.

  • Pablo Marco
    Pablo Marco ist Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die humanitäre Situation in Syrien im Moment beschreiben?

Pablo Marco: Ich kann nur über die Gebiete sprechen, die von der Opposition kontrolliert werden, denn die syrische Regierung hat Ärzte ohne Grenzen noch immer nicht erlaubt, in den Gebieten zu arbeiten, die unter ihrer Kontrolle stehen. Im Süden Syriens, rund um Daraa, hat sich die Lage in den vergangenen drei, vier Monaten etwas verbessert, weil die Kämpfe abgeflaut sind. In Ghuta und anderen Orten rund um Damaskus, die vom Regime belagert werden, ist die Lage weiterhin schlimm. Im vergangenen Monat hat sich die Situation ein bisschen verbessert, weil das Regime humanitäre Hilfe ermöglicht hat, aber noch immer leiden die Menschen, weil es ihnen an Nahrungsmitteln und Medikamenten mangelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es rund um Aleppo aus?

Marco: Im Norden, in den Provinzen Aleppo und Idlib, hat sich die Lage zuletzt noch einmal verschlechtert. Es gab massive Luftangriffe auf zivile Ziele wie Schulen, Märkte und medizinische Einrichtungen. Im Ostteil Aleppos, der von der Opposition kontrolliert wird, unterstützen wir acht Krankenhäuser mit Ausrüstung und Medikamenten. Jedes dieser Krankenhäuser ist seit April durch Bombenangriffe beschädigt worden - drei von ihnen allein seit Anfang August.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das für die Menschen in Aleppo?

Marco: Im Osten der Stadt gibt es nur noch 35 Ärzte für 250.000 Menschen. Die Hospitäler werden von den Leuten überrannt, und es fehlt an Personal. Dabei kommen ohnehin nur noch Menschen im äußersten Notfall in die Krankenhäuser. Alle anderen haben zu große Angst wegen der ständigen Luftangriffe auf die Hospitäler.

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SPIEGEL ONLINE: Wen machen Sie für die Luftangriffe auf die Krankenhäuser verantwortlich?

Marco: Wir sind Ärzte, keine Militärfachleute. Wenn wir Leute in den Krankenhäusern behandeln, können wir nicht darauf achten, welche Flugzeuge über uns kreisen. Deshalb können wir nicht mit Sicherheit sagen, welches Land verantwortlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Syrien und Russland behaupten jetzt, sie hätten humanitäre Korridore geöffnet, durch die Menschen Aleppo verlassen können.

Marco: Keiner unserer Mitarbeiter vor Ort kann bestätigen, dass eine nennenswerte Zahl an Zivilisten Ost-Aleppo verlassen hat. Unserer Meinung nach müssen humanitäre Korridore zwei Minimalvoraussetzungen erfüllen: Erstens: Sie sollten die Menschen an einen Ort bringen, in dem sie sich sicher fühlen und wo sie Hilfe bekommen. Jetzt wird von den Menschen verlangt, dass sie Gebiete betreten, die unter der Kontrolle der Regierung stehen. Aber viele Menschen haben Angst vor der syrischen Regierung. Der andere Grund ist, dass die Nutzung der Korridore freiwillig passieren muss. Auch die Menschen, die in Aleppo bleiben wollen, haben das Recht auf Schutz und humanitäre Hilfe.

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DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Lage in Aleppo durch die jüngste Offensive der Rebellen in Aleppo verändert?

Marco: Es hat sich kaum etwas verändert. Ost-Aleppo wird nach wie vor belagert. Es gibt keine medizinische Versorgung, und die Luftangriffe auf Krankenhäuser und andere zivile Ziele gehen unvermindert weiter. Die Bombardements müssen aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Was können Menschen in Deutschland tun, um den Menschen in Syrien zu helfen?

Marco: Sie sollten auf ihre Regierung einwirken, damit sie Druck auf die Kriegsparteien ausübt: Sie müssen endlich das humanitäre Völkerrecht achten. Das Leiden der Syrer wird so lange weitergehen, wie die Bombenangriffe auf zivile Ziele anhalten. Und die Deutschen können helfen, indem sie Hilfsorganisationen unterstützen. Es gibt viele Helfer, die unter schwierigsten Bedingungen Großartiges leisten, aber das Leid ist trotzdem gewaltig.

SPIEGEL ONLINE: Nach fünf Jahren Krieg in Syrien: Wie schwer fällt es Ihnen, nicht gänzlich die Hoffnung zu verlieren?

Marco: Ich kann mich nicht selbst belügen. Die Lage in den von der Opposition kontrollierten Gebieten Syriens wird nicht besser. Im Gegenteil: Wegen der anhaltenden Gewalt verschlechtert sich die Situation immer weiter.

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