Assads Vormarsch in Syrien Heute Aleppo, morgen Idlib

Wladimir Putin gibt nach der Eroberung von Aleppo den Friedensstifter und plädiert für eine Waffenruhe in Syrien. Doch das ist nur Gerede. Diktator Assad nimmt schon die nächste Rebellenhochburg ins Visier.

AFP

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Russland hat die Evakuierung der Menschen aus Ost-Aleppo für beendet erklärt. Zwar haben nach Angaben des Kreml 9500 Rebellen und Zivilisten die Stadt verlassen. Doch Zehntausende warten nach Angaben der Uno bei Temperaturen um den Gefrierpunkt noch auf ihren Abtransport. Diesen wird es nun offenbar nicht mehr geben. Im Gegenteil: Das russische Verteidigungsministerium bezeichnet die Menschen, die noch in der Stadt ausharren, als radikale Kämpfer. Bald sollen die Angriffe auf Ost-Aleppo wieder fortgesetzt werden.

Die gescheiterte vollständige Evakuierung unterstreicht, wie schwierig es ist, im Syrienkrieg Vereinbarungen zu treffen und diese dann auch umzusetzen. Für den Erfolg eines Plans ist die Zustimmung aller Konfliktparteien notwendig; eine einzelne Partei, die sich widersetzt, kann jede Vereinbarung torpedieren.

Dieses Hickhack gibt einen Ausblick auf die neuen Syriengespräche, die Wladimir Putin nach dem Fall Aleppos ins Spiel gebracht hat. Russland als Schutzmacht von Diktator Baschar al-Assad und die Türkei als Unterstützer der Opposition wollten Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien in der kasachischen Hauptstadt Astana vermitteln, sagte Putin. Die Treffen sollten die Genfer Gespräche unter Vermittlung der Uno ergänzen. Diese indirekten Friedensverhandlungen in der Schweiz sind seit Monaten ausgesetzt.

Putin will mit Erdogan über Syrien verhandeln

Nachdem die russische Intervention Assad zum größten militärischen Erfolg seit Jahren verholfen hat, gibt Putin nun den Friedensstifter. Ziel sei es, so schnell wie möglich eine landesweite Waffenruhe für Syrien zu vereinbaren, sagte der Kreml-Chef. Gleiches fordert der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura.

Doch wie ernst ist es Putin mit seiner Friedensinitiative? Erst einmal ist sie ein Affront gegenüber den USA. Weil US-Außenminister John Kerry in einem Monat aus dem Amt scheidet und der zukünftige Präsident Donald Trump dem Syrienkrieg bislang keine große Beachtung schenkt, sieht Moskau nun in Ankara seinen Ansprechpartner.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre geben keinen Grund für Optimismus, was einen Erfolg der Gespräche angeht. Als sich die sogenannte Syrienkontaktgruppe im Februar in München auf eine Feuerpause verständigt hatte, verpflichtete sich Russland gemeinsam mit den USA, die Waffenruhe zu überwachen und zu schützen. Doch schon nach wenigen Wochen flogen syrische und russische Luftwaffe wieder Angriffe gegen Ziele in Rebellengebieten, kurz endete die Feuerpause komplett - und mit ihr die Friedensgespräche in Genf.

Die Menschen in Idlib dürfen keine Hilfe vom Westen erwarten

Damals waren Putin und Assad noch in einer Position der relativen Schwäche. Mit der Eroberung Aleppos haben sie ihre Ausgangslage deutlich verbessert. Deshalb dürften beide nun noch weniger Interesse an einer Verhandlungslösung zeigen. Assad hat ohnehin immer deutlich gemacht, dass er ganz Syrien zurückerobern wolle.

Hinzu kommt: Aleppo hat gezeigt, dass die Welt bereit ist zuzusehen, wenn das syrische Regime und seine Verbündeten eine Stadt in Schutt und Asche legen. Assad muss nicht befürchten, dass irgendjemand einschreitet, wenn er nach Aleppo nun Idlib erobern will. Diese Gefahr sieht auch de Mistura. Idlib drohe zum nächsten Aleppo zu werden, sagte der schwedische Diplomat am Mittwoch.

Frontverlauf in Syrien
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Frontverlauf in Syrien

Die Provinzstadt liegt rund 60 Kilometer südwestlich von Aleppo. Rund 200.000 Menschen leben dort, darunter viele Syrer, die aus anderen Landesteilen vor dem Regime geflüchtet sind. Idlib und die umliegende gleichnamige Provinz sind nun die letzte große Hochburg der Aufständischen. Mehr als zehntausend Kämpfer zählt das Rebellenbündnis dort, das von der islamistischen Dschabhat Fatah al-Scham dominiert wird. Sie werden nun durch mehrere Tausend Kämpfer verstärkt, die das Regime aus Ost-Aleppo hat abziehen lassen. In den Wochen zuvor wurden bereits Aufständische aus Vororten von Damaskus nach Idlib transferiert.

Assad kann einen Teil seiner Truppen nun aus Aleppo abziehen

Das Regime hat den Großteil seiner bewaffneten Gegner nun in einem rund 6000 Quadratkilometer Gebiet konzentriert. Damit müssen Armee und verbündete Milizen nicht mehr an verschiedenen Fronten gegen die Aufständischen kämpfen. Die Schlacht um Aleppo band rund 30.000 Soldaten und Milizionäre, sie werden nun frei für den Vormarsch auf Idlib.

Seit Monaten schon fliegen Russland und Syrien nahezu täglich Angriffe auf Idlib und Umgebung. Die Uno hat bestätigt, dass Assads Militär in der Provinz mindestens zweimal Giftgas einsetzte. Im August bombardierten russische Jets Idlib mit Brandbomben - ein Verstoß gegen Uno-Konventionen. Ende Oktober wurden beim Angriff auf eine Schule in der Kleinstadt Haas 22 Kinder und sechs Lehrer getötet.

Es ist nur ein Vorgeschmack auf das, was den Menschen in Idlib in den nächsten Monaten droht.



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