US-Botschafterin attackiert Russland "Schämen Sie sich gar nicht?"

US-Botschafterin Samantha Power hat Russland, Iran und das Assad-Regime scharf angegriffen. Die drei Länder stünden hinter "der Eroberung und dem Blutbad in Aleppo". Dort warten die Menschen weiter auf Hilfe.

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Die Truppen des syrischen Regimes haben nach einem erbitterten Kampf die Kontrolle über Aleppo übernommen. Die Gefechte im Osten der Großstadt seien beendet, sagte Russlands Uno-Botschafter Witali Tschurkin. Zuvor hatten sich die Rebellen mit dem Regime auf eine Waffenruhe und einen Abzug der Kämpfer geeinigt: Die Rebellen wollten in andere Gebiete außerhalb Aleppos abrücken, die noch unter ihrer Kontrolle sind - weite Teile Syriens sind nach wie vor in ihrer Hand.

Die USA machen Syrien und seine Verbündeten Russland und Iran für einen "kompletten Kollaps der Menschlichkeit" in Aleppo verantwortlich. Die drei Länder stünden hinter "der Eroberung und dem Blutbad in Aleppo" und seien für die in der Stadt verübten Gräueltaten verantwortlich, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, im Uno-Sicherheitsrat.

In einem emotionalen Appell fragte Power: "Schämen Sie sich gar nicht? Sind Sie unfähig, so etwas zu empfinden? Geht Ihnen die Hinrichtung eines Kindes nicht unter die Haut? Gibt es nichts, über das Sie nicht lügen würden?"

Der russische Vertreter im Sicherheitsrat, Tschurkin, sagte daraufhin spöttisch, Power agiere, als sei sie Mutter Teresa. Sie solle sich klarmachen, welches Land sie vertrete und noch mal überlegen, ob sie wirklich aus einer moralischen Überlegenheit sprechen könne. "Am Ende wird Gott darüber richten, wer wirklich die Schuld trägt", so Tschurkin.

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Evakuierung könnte sich bis Donnerstag verzögern

Über die genauen Bedingungen des Abzugs gibt es verschiedene Angaben. So ist bisher unklar, wie viel Zeit Rebellen und Zivilisten haben, um Ost-Aleppo zu verlassen. Ebenfalls unklar ist, ob wirklich alle Regimegegner die Stadt verlassen können. Ein in die Verhandlungen eingebundener türkischer Offizieller sagte, die Einigung umfasse Zivilisten und "moderate Rebellen".

Am frühen Mittwochmorgen standen 33 Busse auf der Hauptverkehrsstraße aus Aleppo bereit, um Menschen zu evakuieren. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat aber noch niemand Ost-Aleppo verlassen. Die erste Gruppe hätte die Stadt um 5 Uhr Ortszeit verlassen sollen, eine Stunde später sei noch immer niemand evakuiert worden.

Hintergrund seien Differenzen zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Rebellen, hieß es von der Organisation. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden, weil Russland die Einigung ohne Abstimmung mit ihr verkündet hat.

Auch eine AFP-Journalistin vor Ort bestätigte die Verzögerung. Ihren Angaben zufolge warteten etwa 20 Busse in einem geteilten Viertel, Zivilisten oder Rebellen seien aber nicht zu sehen gewesen. Ein Rebellensprecher sagte, Assad-treue Milizen würden den Abzug blockieren. Laut dem Sender Orient TV, der auf Seiten der Assad-Gegner steht, könnte sich die Evakuierung bis Donnerstag verzögern.

Ost-Aleppo: Abzug von Bewohnern und Rebellen verzögert sich

Die humanitäre Situation in der Stadt ist laut dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Syrien (IKRK) katastrophal. Den Menschen fehlt es akut an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Hilfsorganisationen schätzten die Zahl der in Ost-Aleppo eingeschlossenen Menschen zuletzt auf 100.000. Aktivisten befürchteten zudem Vergeltungsakte, sollten die Bewohner in die Hände von regierungstreuen Truppen fallen.

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Der russische Außenminister Sergej Lawrow beriet mit seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier in einem Telefonat über die Lage. Dabei sei es laut Moskau auch um humanitäre Hilfe für die Menschen in Aleppo gegangen. Unterdessen kündigte die Türkei an, eine Zeltstadt für bis zu 80.000 Flüchtlinge aus Aleppo aufbauen zu wollen. Nähere Einzelheiten wurden allerdings nicht bekannt.

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Schlacht um Aleppo: Ein weiterer Schritt Richtung Abgrund

Den Vereinten Nationen liegen Berichte vor, nach denen Assads Armee und verbündete Milizen zuletzt mindestens 82 Zivilisten während der Vorstöße ins Rebellengebiet getötet hätten. Darunter seien elf Frauen und 13 Kinder. Menschen seien in ihren Wohnungen oder auf der Flucht auf der Straße erschossen worden. Die syrische Armee wies die Berichte zurück.

Sicherheitsexperten kritisieren Westen

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte seiner Organisation zuvor Kapitalversagen bei der Lösung des Konflikts in Syrien attestiert. "Wir alle haben die Menschen in Syrien bislang kollektiv hängenlassen", sagte Ban: "Der Sicherheitsrat hat seine Hauptaufgabe in Hinblick auf den Erhalt von internationalem Frieden und Sicherheit nicht erfüllt."

Deutsche Sicherheitsexperten und Verteidigungspolitiker haben dem Westen vorgeworfen, zu spät und zu unentschlossen reagiert zu haben. "Man kann nicht die Absetzung eines Diktators fordern, dann die Hände in den Schoß legen und hoffen, dass er freiwillig abtritt", sagte Wolfgang Ischinger, Chef der Münchener Sicherheitskonferenz, der "Bild"-Zeitung. "Mit dem Verlust seiner Glaubwürdigkeit hat der Westen auch die Fähigkeit verspielt, der syrischen Bevölkerung zu Hilfe zu kommen."

Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, kritisierte, dass erst reagiert worden sei, als aus dem Konflikt eine Flüchtlingskrise wurde. "Diese Ignoranz hat ein Vakuum geschaffen, das Putin mit Bomben gefüllt hat." CDU-Politiker Norbert Röttgen sagte, die Reaktion des Westens sei nicht abgestimmt gewesen. "Es hätte so etwas geben müssen wie eine gemeinsame Politik des Westens, ein gemeinsames Angebot an Russland zur Kooperation in der Luft und am Boden."

max/cte/dpa/Reuters/AFP



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