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Gewalt gegen Zivilisten Amnesty dokumentiert syrische Kriegsverbrechen

Amnesty International zeichnet ein dramatisches Bild der Lage in Syrien. Die Menschenrechtsorganisation hat neue Beweise vorgelegt, die schwerste Verbrechen an Zivilisten durch die Assad-Milizen belegen. Der Gruppe liegen die Namen von mehr als 10.000 getöteten Syrern vor.

Damaskus - Es ist Terror mit System: Reihenweise werden Häuser zerstört, die Bewohner gefoltert und getötet - ganz egal, ob sie die Rebellen unterstützen oder nicht. Amnesty International hat neue Beweise für die dramatische Eskalation der Gewalt in Syrien vorgelegt. Der Bericht zeige, dass die syrischen Regierungstruppen und regimetreue Milizen für schwere Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich seien. Dies teilte die Organisation am Donnerstag in London mit.

"Wo ich auch hinging, habe ich verzweifelte Menschen getroffen, die gefragt haben, warum die Welt zuschaut und nicht reagiert", sagte Donatella Rovera, die für Amnesty International in Syrien war, um Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen.

Die Liste der Verbrechen reicht von Entführungen, Folter oder dem Beschuss von Demonstranten bis hin zu Massenfestnahmen, Hinrichtungen und der Verweigerung von medizinischer Hilfe.

Längst beschränkten sich die staatlichen Truppen nicht mehr nur auf den Kampf gegen die Rebelleneinheiten. Immer öfter richteten sich die Attacken auch gegen unbeteiligte Zivilisten. Orte würden eingekreist, meist in den frühen Morgenstunden. Laut zahlreicher Augenzeugen rücken die Regierungstruppen dann mit Panzern, Transportern und Unterstützung durch Kampfhubschrauber in die Dörfer und Städte ein.

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Krieg in Syrien: Mit Panzern gegen Zivilisten

Foto: AFP/YouTube

Was folgt, beschreibt der Bericht als gezielte Tötung von Zivilpersonen, darunter auch immer wieder Frauen und Kinder. Der große Teil der brutalen Attacken richtet sich aber noch immer gegen Männer oder männliche Jugendliche. Damit wollen die Regierungstruppen der Widerstandsarmee den Personalnachschub abschneiden.

Besonders drastisch reagieren die Assad-Truppen, wenn sie tatsächlich auf Widerstand durch aufständische Soldaten stoßen. Ist dieser gebrochen, durchsuchen die staatlichen Kämpfer systematisch die Häuser in dem umkämpften Ort und töten die männlichen Bewohner. Können sie keine Rebellen festnehmen, kommt es zu Vergeltungsaktionen an der Zivilbevölkerung.

Es sei längst nicht mehr "nur" von "Kollateralschäden" oder den Verbrechen von Einzeltätern auszugehen, so Amnesty International. Stattdessen lege das Ausmaß und die Organisation der Attacken nahe, dass ein klarer Schießbefehl auch gegen Zivilisten von höchster Stelle ergangen sei. Immer wieder werden Mitglieder der gefürchteten regimetreuen Schabiha-Miliz als Täter identifiziert.

Amnesty liegt Liste mit 10.000 Toten vor

Für den 56 Seiten starken Bericht haben Amnesty-Mitarbeiter von Mitte April bis Mitte Mai 23 Städte und Dörfer im Nordwesten Syriens besucht und dabei mehr als 200 Interviews mit Angehörigen geführt. Familien hätten Amnesty International beschrieben, wie Verwandte verschleppt und von Soldaten erschossen worden seien. In manchen Fällen seien die Toten angezündet worden.

"Sie haben meine Söhne getötet und ihre Leichen verbrannt. Wie soll eine Mutter so etwas ertragen", zitiert Amnesty International in dem Bericht eine Frau, deren drei Kinder am 23. März 2012 in dem Ort Sarmin getötet wurden.

Zudem hätten Soldaten und Schabiha-Milizen in vielen Orten Häuser in Brand gesteckt, heißt es im Bericht weiter. Amnesty International hat nach eigenen Angaben die Namen von mehr als 10.000 Menschen erhalten, die während des Konflikts umgekommen sind.

Die meisten Todesopfer seien junge Männer, es sei jedoch vor allem in den letzten Monaten eine alarmierende Anzahl von Frauen und Kindern dazugekommen. Massaker wie in Hula, wo Dutzende Zivilisten gezielt getötet wurden, seien nur die extremsten Beispiele der Gewalt gegen die Bevölkerung. Dabei komme es täglich zu ähnlichen, bisher nicht dokumentierten Übergriffen.

Am Dienstag hatten die Vereinten Nationen erstmals Syrien auf ihre Liste der Schande gesetzt. Das Dokument klagt Länder an, in denen Kinder besonders stark in Kriegen und bewaffneten Konflikten leiden müssen. Der Bericht der Uno belegt unter anderem, dass Kinder von der syrischen Armee als menschliche Schutzschilde eingesetzt werden.

Appell an die Uno, Russland und China

Nun fordert Amnesty International ein Ende der Geduld der westlichen Staaten. In Richtung der Vereinten Nationen schickte Rovera eine deutliche Aufforderung: "Der Uno-Sicherheitsrat hat mehr als ein Jahr lang gezögert, während sich in Syrien eine Menschenrechtskrise entwickelt hat. Jetzt muss er handeln, um die Gewalt zu stoppen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen."

Nach dem Ende des bewaffneten Konflikts müssten viele der dokumentierten Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung vom Internationalen Strafgerichtshof untersucht werden, so eine weitere Forderung.

Zwei Länder erwähnt die Organisation in ihrem Papier besonders: Russland und China müssten ihre Waffenlieferungen an das Regime in Damaskus sofort stoppen. Nur durch die Unterstützung mächtiger ausländischer Regierungen könne Präsident Baschar al-Assad seine Schreckensherrschaft auch 15 Monate nach Beginn des Aufstandes weiter fortsetzen.

jok
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