Einmarsch der Türkei 70.000 Menschen in Nordsyrien auf der Flucht

Beim Einmarsch in Nordsyrien sollen Zivilisten geschützt werden, versichert die Türkei. Doch schon jetzt fliehen Zehntausende. Russlands Präsident Putin warnt vor einer anderen Konsequenz der Offensive.

Türkische Operation an der syrisch-türkischen Grenze: Zehntausende auf der Flucht
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Türkische Operation an der syrisch-türkischen Grenze: Zehntausende auf der Flucht


Seit Beginn der türkischen Militäroffensive im Nordosten Syriens sind nach Uno-Angaben innerhalb von 48 Stunden mehr als 70.000 Menschen vertrieben worden. Die meisten Menschen seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abjad geflüchtet, berichtete das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) in Genf.

Die Organisationen sind wegen der Eskalation der Gewalt tief besorgt. Die türkische Regierung habe versichert, alles zu tun, Zivilisten zu schützen und Schaden von ihnen abzuhalten, sagte der Uno-Nothilfe-Koordinator Mark Lowcock in Ankara.

Das Uno-Menschenrechtsbüro berichtete dagegen über "verstörende Berichte" von Bodenangriffen türkischer Truppen oder von Gruppen, die dem türkischen Militär nahestünden. Es seien unter anderem die Wasserversorgung, Dämme, Kraftwerke und Ölfelder getroffen worden, sagte ein Sprecher. Nach einem türkischen Luftangriff sei nach Berichten die Wasserversorgung in der Region Aluk zusammengebrochen.

Berichte über hohe Kriminalität und Gewalt

Aus Regionen in Nordostsyrien, die schon länger von türkischen Kräften oder mit ihnen verbündeten Gruppen kontrolliert werden - etwa Afrin oder al-Bab - kämen Berichte über hohe Kriminalität und Gewalt. Menschen, denen Unterstützung für kurdische Gruppen vorgeworfen werde, würden misshandelt und entführt, Häuser würden geplündert. Das Schicksal vieler Zivilisten sei unbekannt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach von Tausenden Gefangenen im Nordosten Syriens.

In Al-Rakka hätten die lokalen Behörden vier Zentren für Vertriebene eingerichtet, berichtete das WFP. Das WFP versorge bereits 650.000 Menschen in der Region seit Monaten mit Nahrungsmitteln, darunter 580.000 in den von Kurden kontrollierten Gebieten.

"Die Militäroperationen in Nordostsyrien dürften die bereits sehr angespannte humanitäre Situation noch verschärfen", warnte Najat Rochdi, im Büro des Uno-Syrien-Beauftragten zuständig für humanitäre Fragen. Alle appellierten an die Akteure vor Ort und Regierungen, die Einfluss auf sie haben, Zivilisten zu schützen.

Putin warnt: IS-Kämpfer könnten bei der Offensive fliehen

Wladimir Putin befürchtet angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien ein Erstarken der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Noch würden Kämpfer von den Kurden bewacht, sagte Russlands Präsident. Wenn die Armee der Türkei nun einmarschiere, "werden die Kurden diese Lager verlassen". Dann könnten sich die Terroristen "zerstreuen", meinte Putin der Agentur Interfax zufolge. "Ich bin mir nicht sicher, ob die türkische Armee schnell die Kontrolle darüber übernehmen kann."

Die türkische Regierung will im syrischen Grenzgebiet eine sogenannte Sicherheitszone unter ihrer alleinigen Kontrolle einrichten, aus der sich alle Kurdenmilizen zurückziehen sollen. Sie will dort auch Millionen syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben. Die Zone soll nach türkischen Vorstellungen einen Streifen entlang der Grenze umfassen, der sich rund 30 Kilometer tief auf syrisches Gebiet erstreckt und vom Euphrat-Fluss nach Osten bis hin zur irakischen Grenze reicht.

Moskau unterstützt im syrischen Bürgerkrieg den Präsidenten Baschar al-Assad, Ankara dagegen die Rebellen. Das Außenministerium in Moskau hatte zuletzt die Militäroffensive der Türkei als berechtigten Schritt Ankaras zum Schutz der eigenen Grenzen bezeichnet.

Frankreich droht Türkei mit Sanktionen

Wegen der Offensive hat Frankreich der Türkei mit EU-Sanktionen gedroht. Bei dem EU-Gipfel kommende Woche solle über Strafmaßnahmen gegen Ankara beraten werden, sagte die Europa-Staatssekretärin Amélie de Montchalin.

Die Offensive der Türkei stößt besonders in Europa auf breite Kritik. Nach dem EU-Mitglied Finnland setzte auch der Nato-Staat Norwegen alle Waffenexporte in die Türkei aus. Strafmaßnahmen lägen natürlich "auf dem Tisch", sagte nun die französische Staatssekretärin de Montchalin. Sie erwarte, dass die EU-Staaten auf ihrem nächsten Gipfel darüber beraten.

Die fünf EU-Mitglieder im UN-Sicherheitsrat hatten Ankara zuvor zum Stopp der Offensive aufgerufen. Sie glaubten nicht, dass der Einsatz "die Sicherheitsbedenken der Türkei lösen wird", erklärten Frankreich, Deutschland, Belgien, Großbritannien und Polen. Allerdings gelang es ihnen bei einer Sondersitzung des Sicherheitsrats nicht, die Zustimmung aller Mitglieder zu gewinnen.

asa/dpa/AFP

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