Syrien-Konflikt Assad bereitet Entscheidungsschlacht um Aleppo vor

Präsident Assad zieht mehr als 20.000 Soldaten für die Schlacht um die Metropole Aleppo zusammen. "Die Truppen sind bereit für den entscheidenden Angriff, warten aber auf die Befehle", hieß es aus der Armee. Zugleich wird die Entführung von Iranern zum Problem für den syrischen Machthaber.

REUTERS

Damaskus - In Syrien steht offenbar die entscheidende Schlacht um die Stadt Aleppo bevor. Nach Armeeangaben erhielten die 20.000 Soldaten, die um die Wirtschaftsmetropole postiert sind, weitere Verstärkung. "Die Truppen sind jetzt bereit für den entscheidenden Angriff, warten aber auf die Befehle", sagte ein Vertreter der Sicherheitskräfte der Nachrichtenagentur AFP.

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad rechnet aber offenbar nicht mit einem schnellen Sieg über die Aufständischen. "Der Krieg kann sich in die Länge ziehen, denn zur Vertreibung der Terroristen wird es Straßenkämpfe geben", sagte der Armeevertreter.

Aleppo liegt etwa 350 Kilometer nördlich von Damaskus und ist das wirtschaftliche Zentrum Syriens. Um die Stadt toben heftige Gefechte, seitdem die Aufständischen vor gut zwei Wochen mit Tausenden Kämpfern in die Millionenstadt eingedrungen sind. Aleppo ist für beide Seiten von strategischer Bedeutung: Sollten die Aufständischen die Stadt komplett unter ihre Kontrolle bringen, hätten sie im Nordwesten des Landes eine sichere Basis mit Verbindung zur Türkei. Für die staatlichen Truppen ist Aleppo für den Nachschub enorm wichtig.

Auch am Sonntag gab es in der Stadt heftige Gefechte. Sie konzentrieren sich vor allem auf den Stadtteil Salahaddin, der als Einfallstor ins Stadtzentrum gilt. Laut Menschenrechtsbeobachtern beschossen Regierungstruppen das südwestliche Stadtviertel mit ihrer Artillerie. Außerdem habe es in drei weiteren Bezirken im Westen der Stadt Kämpfe gegeben.

Armee meldet vollständige Kontrolle über Damaskus

Der Regierungszeitung "al-Watan" zufolge befinden sich "6000 bis 8000 Terroristen" in Aleppo. Hunderte von ihnen seien getötet oder verletzt worden. Laut der Zeitung kämpften Einwohner, die loyal zur Regierung stehen, an der Seite der Armee.

Zur Entlastung Aleppos greifen die Rebellen fast jede Nacht den nahegelegenen Militärflughafen Mannagh an, wo die Armee Hubschrauber stationiert hat. Die Luftwaffe schickt jedoch Kampfflugzeuge aus Idlib und anderen Regionen nach Aleppo. Der regierungsfeindliche Syrische Nationalrat beschuldigte die Armee, durch ihren Beschuss viele historische Bauten zu gefährden. Die Altstadt von Aleppo, eine der ältesten Städte der Welt, gehört zum Weltkulturerbe.

Auch in der Hauptstadt Damaskus wurde am Wochenende gekämpft. Nach der Einnahme des Viertels Tadamun befand sich die Stadt am Sonntag nach Armeeangaben wieder vollständig unter Kontrolle der Streitkräfte.

Nach Oppositionsangaben kamen seit Beginn des landesweiten Aufstands gegen Assad mehr als 21.000 Menschen um. Allein im Juli seien mindestens 4239 Menschen getötet worden. Von unabhängiger Seite konnten die Angaben nicht bestätigt werden.

Assads Regime geht das Geld aus

Neben der Gegenwehr der Rebellen sind es vor allem die Sanktionen der EU und andere wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges, die Assads Regime zu schaffen machten. So schickte der Machthaber bereits eine Delegation nach Russland, um dort um Kredite und Treibstoff zu bitten. Obwohl Syrien selbst Öl fördert, kann die Regierung wegen veralteter Raffinerieanlagen den eigenen Treibstoffbedarf nicht decken. Für den Import von Diesel und Benzin reicht das Geld nicht mehr. Zugleich verbrauchen die Panzer, Helikopter und Lastwagen der Armee im Krieg gegen die Aufständischen große Mengen an Treibstoff.

In Damaskus bilden sich vor den Tankstellen und Kochgas-Lagern häufig lange Schlangen. Wegen der Kämpfe fallen Verkehrs- und Transportwege aus. Für den staatlich subventionierten Strom müssen Firmenkunden seit Mai fast den doppelten Preis zahlen. Im Juli verfügte die Regierung, dass es im öffentlichen Dienst in diesem Jahr keine Gehaltserhöhungen geben wird.

Entführte Iraner im Fernsehen vorgeführt

Auch die Entführung von 48 Iranern könnte für das Regime zum Problem werden. Assad und die Regierung in Teheran sind Verbündete. Syrische Rebellen haben die Iraner verschleppt und werfen ihnen vor, Agenten der iranischen Revolutionswächter zu sein. Laut Teheran handelt es sich bei den Entführten um Pilger. Die Kidnapper führten die Gruppe in einem Video vor.

Die Geiselnahme könnte den lukrativen Wallfahrer-Tourismus aus Iran zum Erliegen bringen. Hunderttausende Schiiten pilgern jährlich nach Damaskus, um dort eine den Schiiten heilige Stätte zu besuchen - das Grab von Sainab, der Tochter des Imams Ali. Bleiben die Pilger aus, stünden Tausende Hoteliers, Souveniranbieter und Kleinunternehmer vor dem Ruin.

Die iranische Regierung forderte die Türkei und Katar auf, sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Beide Länder unterstützen die syrischen Rebellen. US-Außenministerin Hillary Clinton will nach einer Afrika-Reise einen Stopp in Istanbul einlegen, um mit türkischen Regierungsvertretern über die eskalierende Gewalt in Syrien zu sprechen.

mmq/AFP/dpa

insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
unmoderiert 05.08.2012
1.
Assad mag die Schlacht um Aleppo vielleicht gewinnen. Den Krieg gegen die Übernahme der Islamisten hat er aber längst verloren. Es werden harte Zeiten für Andersgläubige, Christen, Aleviten und Frauen anbrechen. Das war aber schon seit Monaten absehbar. Werden eigentlich Saudi-Arabien, Katar und die Türkei für die Einmischung in diesen Konflikt auf Seiten der "Rebellen" irgendwelche Konsequenzen zu befürchten haben ? Tschuldigung - rhetorische Frage.
teredonavalis 05.08.2012
2. Mal Butter bei die Fische...
Aus dem Artikel: ---Zitat--- Um die Stadt toben heftige Gefechte, seitdem die Aufständischen vor gut zwei Wochen mit Tausenden Kämpfern in die Millionenstadt eingedrungen sind. ---Zitatende--- Anhand dieser Nachricht, gehe ich davon aus, dass Aleppo zu einem Schlachtfeld geworden ist. Beide Seiten sind Soldaten, inkl. die sogenannten Aufständischen. Demzufolge dürfen beide Seiten sich beliebig beschießen, mit allen Kriegsgeräten, die ihnen zur Verfügung stehen. Es gehört zum Soldaten-Beruf dazu und stellt keine Menschenrechtsverletzung dar. Die Aufständischen haben den Krieg in eine friedliche Stadt gebracht. Meines Erachtens tragen sie allein die Schuld für die Zivilopfer.
irobot 05.08.2012
3. HIer könnte Ihre Werbung stehen!
Zitat von unmoderiertAssad mag die Schlacht um Aleppo vielleicht gewinnen. Den Krieg gegen die Übernahme der Islamisten hat er aber längst verloren. Es werden harte Zeiten für Andersgläubige, Christen, Aleviten und Frauen anbrechen. Das war aber schon seit Monaten absehbar. Werden eigentlich Saudi-Arabien, Katar und die Türkei für die Einmischung in diesen Konflikt auf Seiten der "Rebellen" irgendwelche Konsequenzen zu befürchten haben ? Tschuldigung - rhetorische Frage.
Etwas ähnliches hatte man bei Tunesien, Ägypten und Libyen auch vermutet. Doch da sieht sieht es im Moment ganz gut aus. Auch wenn die religiöse Zusammensetzung dort deutlich homogener ist.
bayrischcreme 05.08.2012
4.
---Zitat--- Der regierungsfeindliche Syrische Nationalrat beschuldigte die Armee, durch ihren Beschuss viele historische Bauten zu gefährden. Die Altstadt von Aleppo, eine der ältesten Städte der Welt, gehört zum Weltkulturerbe. ---Zitatende--- Wenn sich der Syrische Nationalrat tatsächlich um historische Bausubstanz sorgt, dann kann er ja einfach seine Kämpfer aus der Altstadt abziehen und sich nicht ausgerechnet dort verschanzen. Nur mal so als Vorschlag. ---Zitat--- Die Geiselnahme könnte den lukrativen Wallfahrer-Tourismus aus Iran zum Erliegen bringen. ---Zitatende--- Zunächst mal ist das Entführen von Pilgern ein schwer krimineller Akt und sollte nicht als "schlauer taktischer Zug" oder "toller Erfolg" der Rebellen gefeiert bzw verharmlost werden.
unmoderiert 05.08.2012
5. Glauben fängt da an, wo Wissen aufhört
Zitat von irobotEtwas ähnliches hatte man bei Tunesien, Ägypten und Libyen auch vermutet. Doch da sieht sieht es im Moment ganz gut aus. Auch wenn die religiöse Zusammensetzung dort deutlich homogener ist.
In all diesen Ländern sind die Rechte der Frauen bereits eklatant reduziert worden. Und für Ägypten sieht es sehr duster aus: "The Koran is our constitution, the Prophet is our leader, jihad is our path and death in the name of Allah is our goal," Morsi said in his election speech before Cairo University students on Saturday night. Today Egypt is close as never before to the triumph of Islam at all the state levels, he said. "Today we can establish Sharia law because our nation will acquire well-being only with Islam and Sharia. The Muslim Brothers and the Freedom and Justice Party will be the conductors of these goals," he said."
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