Krieg in Syrien Assad schickt Kampfhubschrauber auf Rebellenjagd

Das syrische Regime verliert im Kampf gegen die Rebellen zusehends an Boden - und reagiert mit massiver Gewalt. Erstmals setzt Machthaber Assad jetzt im großen Stil Kampfhubschrauber gegen das eigene Volk ein. Die Rebellen suchen verzweifelt nach einem Gegenmittel.

AFP / Shaam News

Von , Beirut


Nachdem der Konflikt in Syrien monatelang festgefahren schien, verschärft sich die Lage derzeit täglich. Am Dienstag sprach der Chef der Uno-Blauhelmeinsätze, Hervé Ladsous, erstmals offen von einem Bürgerkrieg. Das Regime steht nach Einschätzung Ladsous' zunehmend unter Druck. Die Führung habe große Teile des Landes und mehrere Städte an die Regierungsgegner verloren.

Bei seinen Versuchen, abtrünnige Gebiete zurückzuerobern, geht Damaskus mit größter Brutalität vor.

Am Montag wurden Uno-Beobachter erstmals Zeugen, wie Kampfhubschrauber in der Rebellenhochburg Homs Zivilbevölkerung und Rebellen unter Beschuss nahmen. Auch in Haffa, einer Ortschaft an der Grenze zur Türkei, sollen nach Aussagen von Bewohnern und Rebellen Helikopter eingesetzt worden sein. Beobachter befürchten, dass in Haffa - einer sunnitischen Enklave in einer hauptsächlich von regimenahen Alawiten bewohnten Gegend - ein Massaker bereits verübt worden sein könnte oder unmittelbar bevorsteht. Haffa gilt wegen seiner Nähe zu Kardaha, der Geburtsstadt von Präsident Baschar al-Assad, als strategisch wichtig. Das Dorf ist seit Tagen von Regierungstruppen umstellt.

Als sich Uno-Beobachter am Dienstag ein Bild der Lage in Haffa machen wollten, wurden sie von einem regimetreuen Mob aufgehalten. Wie Ladsous in New York berichtete, umringte eine aufgebrachte Menge mit syrischen Fahren den Konvoi der Uno-Beobachter und hinderte die Blauhelme an der Weiterfahrt. Dann fielen Schüsse: Das Fahrzeug mit den Uno-Beobachtern sei von mindestens 20 Kugeln getroffen worden, ein Uno-Beobachter nur knapp einer Kugel entkommen. Der Konvoi sei umgekehrt, nachdem er mit Steinen und Metallstangen beworfen worden sei. Derweil sollen in der Ortschaft nach Angaben der syrischen Opposition 40 Menschen dem Beschuss durch Bodentruppen und Kampfhubschrauber zum Opfer gefallen sein.

"Wir brauchen dringend Boden-Luft-Raketen"

Dass die syrische Regierung den Kampf gegen die Aufständischen auch am Himmel führt, ist an sich nicht neu. So ist seit Monaten bekannt, dass das Regime Drohnen einsetzt, um die Stellungen der "Freien Syrischen Armee" (FSA) auszuspähen und rebellische Städte aus der Luft zu überwachen. Auch gab es in der Vergangenheit immer wieder Berichte und Videoaufnahmen von Attacken durch Kampfhubschrauber. Allerdings handelte es sich dabei um vereinzelte Angriffe.

Mit dieser Zurückhaltung beim Einsatz der Luftwaffe ist es nun offenbar vorbei: Die Ereignisse der vergangenen Tage lassen darauf schließen, dass Assad Befehl gegeben hat, zumindest seine rund 120 Stück starke Hubschrauber-Flotte voll zum Einsatz zu bringen. Egal ob die Welt dabei Zeuge wird.

Damit ist ein von den Rebellen gefürchtetes Szenario eingetreten. Denn während die Männer der FSA in den vergangenen Monaten am Boden einige Erfolge verzeichnen konnten, haben sie Angriffen aus der Luft kaum etwas entgegenzusetzen. Seine Truppen seien dem Raketenbeschuss durch Helikopter nahezu hilflos ausgeliefert, sagt Abu Mohammed, Kommandeur einer Einheit der Faruk-Brigade, die in Homs und Umgebung operiert, SPIEGEL ONLINE. "Wir haben uns nahe der Ortschaft Telbisi verschanzt, die Bodentruppen der Regierung schaffen es nicht, zu uns durchzudringen." Doch vor drei Tagen seien Kampfhubschrauber am Himmel aufgetaucht, die nun versuchten, den Bodentruppen einen Weg zum Nest der Aufständischen freizubomben. "Das ist ein großes Problem für uns."

Der 53-jährige Kommandeur ist für eine schnelle "Shopping-Tour" über die Grenze in den Libanon gekommen. "Wir brauchen dringend Boden-Luft-Raketen, um die angreifenden Helikopter vom Himmel zu holen", so Abu Mohammed. Doch der Kauf von Stinger-Raketen und anderen wärmegelenkten Waffen gestalte sich schwierig.

Die Rebellen haben ein Geldproblem

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist den syrischen Rebellen in den 15 Monaten des Aufstands das Geld ausgegangen. Zum anderen haben libanesische Waffenhändler Hightech nicht einfach so herumliegen. Sollten die Rebellen mit viel Geld in der Hand auftauchen und eine größere Lieferung Boden-Luft-Raketen plus Abschussrampen ordern, könne man sie besorgen, hatten mehrere libanesische Waffenhändler Anfang Mai SPIEGEL ONLINE gesagt. Auf Lager habe man diese jedoch nicht.

Solange das Regime die absolute Lufthoheit besitzt, ist es nahezu unbesiegbar. Abu Mohammed berichtet von einem Vorfall vergangene Woche in Kseir: Sechs Panzerbesatzungen hätten versucht, mitsamt ihren Fahrzeugen überzulaufen. Für die Rebellen wären diese Kettenfahrzeuge von großem Nutzen gewesen, doch ein Angriff von Helikoptern machte den Traum von der Panzereinheit in Rebellenhand zunichte. "Vier Panzer wurden zerstört, nur zwei konnten fliehen", sagt Abu Mohammed.

Die syrischen Rebellen suchen verzweifelt nach einem Gegenmittel gegen den Beschuss aus der Luft. Am Sonntag sollen rund 20 Soldaten der Luftwaffenbasis al-Ghanto nahe Rastan den in umliegenden Dörfern versteckten FSA-Männern ein Signal gegeben haben, dass sie überlaufen wollen. Mit Hilfe der Sympathisanten auf dem Gelände gelang es den Rebellen danach tatsächlich, die Basis einzunehmen. Auf von Oppositionellen ins Internet gestellten Videoclips war zu sehen, wie Kämpfer mit erbeuteten SA-2-Boden-Luft-Raketen aus sowjetischer Produktion posierten. Doch die Freude über die Waffen währte nur kurz. Die syrische Armee nahm die überrannte Basis bald darauf unter massiven Artillerie-Beschuss. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollen dabei etwa 60 Rebellen getötet worden sein.

Am Dienstag hatten die USA Russland vorgeworfen, neue Kampfhubschrauber an das Assad-Regime zu liefern. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte in Washington, die USA seien besorgt über jüngste Informationen, "dass Angriffshubschrauber auf dem Weg von Russland nach Syrien sind". Der Verkauf neuen Kriegsmaterials könne zu einer dramatischen Eskalation des Konflikts führen. Am Mittwoch wies Russland die Vorwürfe strikt zurück. Alle Waffen, die Russland nach Syrien geliefert habe, könnten nur zur Verteidigung und nicht gegen friedliche Demonstranten eingesetzt werden, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Mittwoch in Teheran.

Russland hat sich dem Waffenembargo gegen Syrien angeschlossen. Schon in den vergangenen Wochen gab es zwischen Russland und den USA immer wieder Streit wegen Waffenlieferungen. Anfang Juni meldete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass Russland auch nach Beginn der Unruhen Panzer an Syrien geliefert habe. Außerdem seien weitere Verträge vereinbart, über die Lieferung von Handfeuerwaffen und Munition im Wert von 250 bis 500 Millionen Dollar.

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Seite 1
wahlossi_80 13.06.2012
1.
Zitat von sysopAFP / Shaam News Das syrische Regime verliert im Kampf gegen die Rebellen zusehends an Boden - und reagiert mit massiver Gewalt. Erstmals setzt Machthaber Assad jetzt im großen Stil Kampfhubschrauber gegen das eigene Volk ein. Die Rebellen suchen verzweifelt nach einem Gegenmittel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838568,00.html
"Gegen das eigene Volk"! Langsam wirds mal Zeit, diese dümmlich-naive oder einfach propagandistisch-verzerrende Formulierung bleiben zu lassen. Assad kämpft nicht "gegen das eigene Volk", sondern gegen Terroristen und bewaffnete Aufständische. In jedem Land dieser Erde sind die Machthaber gefordert, genau so zu handeln!
freiheitsk 13.06.2012
2. Ohne Moos...
Zitat von sysopAFP / Shaam News Das syrische Regime verliert im Kampf gegen die Rebellen zusehends an Boden - und reagiert mit massiver Gewalt. Erstmals setzt Machthaber Assad jetzt im großen Stil Kampfhubschrauber gegen das eigene Volk ein. Die Rebellen suchen verzweifelt nach einem Gegenmittel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838568,00.html
Ja, wo ist sie denn, die viel beschworene Solidarität der arabischen Brüder? Anscheinend hört auch bei denen die Freundschaft beim Geld auf.
karlomari 13.06.2012
3. Was für eine Farce
Mein Gott es wird immer lächerlicher, was hier geboten wird. Was ist mit Kolumbien? Die USA liefern unter dem Vorwand Kampf gegen Drogen schwere Waffen und Spionagedaten, die dann dazu benutzt werden, in Kolumbien Oppositionelle abzuschlachten. Gerne auch mit F-16 Kampfbombern. Oder die Türkei, die setzt mit Vorliebe schwere Kampfbomber ein, um tatsächliche oder vermeintliche Oppositionelle Kurden abzuschlachten. Beim letzten großen derartigen Angriff traf es einfache Schmuggler. Wie viele waren tot? 70, 80? Was war in der europäischen Presse zu lesen? Fast nichts! Und schon gar nicht mit der entsprechenden Kommentierung "Krieg gegen das Volk", "Abschlachten". Türkei ist ja auch NATO-Mitglied. Da ist das dann eh was anderes. Oder Philippinen, Jemen usw.. Wo bleibt da der Aufschrei der "Demokraten"
distel60 13.06.2012
4. Löcher graben!
Möglichst enge Löcher graben, in die jeweils nur eine einzelne Person passt. Wenn der Luftangriff erfolgt, reinspringen. So wurde das in afrikanischen Bürgerkriegen gemacht und wahrscheinlich auch andernorts. Wenn das Loch nicht ganz genau getroffen wird, dann hat man darin ganz gute Chancen zu überleben. Jedenfalls sehr viel mehr Chancen, als sich hinter irgendwelchen vermeintlich sicheren Mauern, Bäumen oder sonstwas zu verstecken. Diese Dinge können durchschlagen werden.
c59 13.06.2012
5. Na los doch!
"Wir brauchen dringend Boden-Luft-Raketen" Die gleiche Anfrage wie von den seinerzeitigen "Rebellen" gegen die Russen in Afghanistan. Da sag einer die Geschichte wiederholt sich nicht. Vor allem, was anschließend kommt wird dann sehr spannend. Also gebt ihnen schon die Stingers. Sie werden es euch danken, wie in Afghanistan.
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