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Syrien Assad startet Luftkrieg in Aleppo

In Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo toben erbitterte Straßenkämpfe. Um die Stadt zu halten, setzt Syriens Diktator Assad jetzt auch Kampfflugzeuge ein. Die meisten Opfer dürften Zivilisten sein.

Seit Tagen liefern sich Aufständische und regimetreue Soldaten in Teilen von Syriens größter Stadt Aleppo heftige Gefechte. In manchen Vierteln der Wirtschaftsmetropole haben derzeit bewaffnete Rebellengruppen das Sagen. Videoaufnahmen internationaler Journalisten zeigen, wie Aufständische eine Gruppe Männer zusammentreiben und bedrohen, die sie für regimetreu halten. Andere Aufnahmen zeigen eine jubelnde Miliz vor einem brennenden Regimepanzer. Nach Angaben von Aktivisten soll es den Rebellen gelungen sein, mehrere Panzer zu zerstören. Das Regime habe daraufhin sämtliche Sicherheitskräfte am Boden vorerst abgezogen - wohl um weitere Verluste auf ihrer Seite zu minimieren.

Ein Video, das syrische Aktivisten am Montag in den Straßen von Aleppo aufgenommen haben wollen, soll einen regimetreuen Soldaten dabei zeigen, wie er sich mit einem Sprung aus einem brennenden Panzer rettet. SPIEGEL ONLINE kann diese Aufnahmen nicht überprüfen.

Das Regime in Damaskus setzt nun offenbar verstärkt auf einen Krieg aus der Luft, um die Verluste in Grenzen zu halten. Tausende Soldaten desertierten bereits, knapp zwei Dutzend syrische Generäle haben sich in die Türkei abgesetzt.

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Die Machtverhältnisse haben sich sehr verändert

Erstmals konnten am Dienstag internationale Journalisten dokumentieren, dass Diktator Baschar al-Assad Kampfflugzeuge gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Syrer, die in den vergangenen Tagen aus Damaskus flohen, hatten bereits berichtet, dass auch dort im Stadtviertel Kafr Susa Flugzeuge zur Bombardierung eingesetzt würden.

Aufnahmen der BBC zeigen, wie ein Kampfjet über einen Stadtteil von Aleppo hinweg düst und zum Sturzflug ansetzt. In dem Moment, da Einschläge zu hören sind, ist der Jet jedoch außerhalb der Sichtweite der Kamera, so dass nicht zu erkennen ist, was passiert, bevor der Jet wieder aufsteigt. Der BBC-Reporter berichtete, dass mehrere Kampfjets Teile von Aleppo bombardiert haben.

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Syrien: Schlacht um Aleppo

Foto: LO/ AFP

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass Assad nun auch Kampfhubschrauber einsetzt, um den Aufstand im Land zu unterdrücken. Mit dem Einsatz der Jets zieht er nun einen seiner letzten militärischen Trümpfe. Danach bliebe ihm nur noch der Gebrauch chemischer Waffen. Experten halten das jedoch bisher für unwahrscheinlich, weil das Ausland sicherlich umgehend eingreifen würde.

Der Einsatz der Luftwaffe zeigt, wie sehr sich die Machtverhältnisse inzwischen verändert haben. Mit ihrem Guerillakrieg fügen die Rebellen dem Regime immer größere Verluste zu. Im vergangenen Jahr hatte Damaskus auf die Luftwaffe noch verzichtet - die Überlegenheit am Boden schien ausreichend groß.

Aleppo droht ein massiver Angriff aus der Luft

Die Luftwaffe galt bisher als treue Bastion des Diktators, weil Assads Vater Hafis seine Militärkarriere dort begann. Doch kürzlich desertierte der Pilot eines Kampfjets nach Jordanien. Er berichtete, viele seiner Kollegen würden ebenfalls fliehen, doch sie und ihre Familien stünden unter strenger Aufsicht des Regimes.

Aleppo droht nun ein Szenario, wie es bereits aus Homs, den Vororten von Damaskus und ländlichen Regionen bekannt ist: ein massiver Angriff aus der Luft, der vor allem die Zivilbevölkerung trifft - gefolgt vom Einrücken von Soldaten der Eliteeinheit oder regimetreuen Milizen. Bilder, die internationale Journalisten, darunter auch des SPIEGEL, in den vergangenen Wochen in Syrien aufgenommen haben, zeigen in weiten Teilen verheerende Verwüstungen. Teile von Homs sind zur Geisterstadt verkommen.

In den vergangenen Tagen schien das Regime sich auf die Rückeroberung von Stadtteilen in Damaskus zu konzentrieren, in denen sich bewaffnete Kämpfer aufhielten. Doch jetzt liegt der Fokus von Assads Militär offenbar auf Aleppo. Syrische Aktivisten befürchten, dass der Sturm der Unruhe-Viertel ein Massaker an politischen Gefangenen nach sich ziehen könnte. Im Hauptgefängnis der Wirtschaftsmetropole soll es am Montag nach Angaben der Lokalen Koordinationsräte (LCC), ein syrisches Netzwerk von Aktivisten, zu Sitzstreiks gegen das Regime gekommen sein. SPIEGEL ONLINE kann die Berichte der Organisation nicht überprüfen.

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