Bürgerkrieg in Syrien Wo sind die Assads?

Kämpfe in der Hauptstadt, mehrere Regimegrößen getötet: Das syrische Regime wankt. Baschar al-Assad hat sich noch nicht zu Wort gemeldet. Ist er wirklich in die Küstenstadt Latakia geflohen - und seine Frau nach Russland?
Ehepaar Assad (Archivfoto): Baschar soll nach Latakia, Asma nach Russland geflohen sein

Ehepaar Assad (Archivfoto): Baschar soll nach Latakia, Asma nach Russland geflohen sein

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Das syrische Regime gerät immer stärker in die Defensive. Die Aufständischen haben den finalen Kampf um die Macht ausgerufen. In mehreren Stadtteilen von Damaskus toben Gefechte. Am Mittwoch hat Diktator Baschar al-Assad bei einem schweren Bombenanschlag vier seiner engsten Vertrauten verloren. Möglicherweise wurden noch weitere Regimegrößen schwer verletzt oder gar getötet. Hartnäckig hält sich das Gerücht, auch Assads Bruder Mahir, die wichtigste Person des Regimes neben dem Präsidenten, sei bei dem Treffen dabei gewesen und habe Verletzungen erlitten.

War Baschar al-Assad selbst auch dort? Dies gilt als unwahrscheinlich. Der Präsident, der sich vor dem Krieg oft mitten in der Stadt mit seiner Familie zeigte, hat es seit Beginn der Aufstände zunehmend vermieden, den Schutz seiner Paläste und Kasernen zu verlassen. Aus Sicherheitsgründen wurde bereits sein angekündigter Auftritt bei der Einschwörung des neuen syrischen Parlaments im Mai 2012 kurzfristig abgesagt. Offenbar glaubte man, trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen, einschließlich der kompletten Absperrung der Damaszener Innenstadt rund um das Parlament, die Sicherheit des Präsidenten nicht mehr garantieren zu können.

Assad hat Damaskus möglicherweise verlassen

Doch während die Regierung bereits eine halbe Stunde nach dem Anschlag einen neuen Verteidigungsminister ernannte, hatte sich Baschar al-Assad am Mittwoch selbst nicht im Staatsfernsehen gezeigt. Wohin ist der Diktator verschwunden?

Zu riskant könnte es für ihn inzwischen in der Hauptstadt sein. Seine eigentliche Residenz ist nicht der Präsidentenpalast, sondern sein Haus auf dem Stadtberg Kasjun, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Deutschen Botschaft entfernt, mitten in einem Wohngebiet - und nicht weit von dem Gebäude, in dem am Mittwoch seine Sicherheitsberater in die Luft gejagt worden sein sollen. Kein Ort, um sich auf Dauer zu verschanzen.

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Kampf gegen Assad: Der Bürgerkrieg eskaliert

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Auch droht Regime-Anhängern, in der Hauptstadt eingekesselt zu werden. Bereits in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und Aufständischen auf der Straße auf dem Weg zum Flughafen. Am Montag war der Flughafen zeitweise sogar komplett gesperrt. Eine Fahrt über Land wäre für Assad noch gefährlicher. Die wichtigste Verkehrsachse - die Nord-Süd-Autobahn Richtung Homs, von der auch die Straße Richtung Assads Heimatregion an der Mittelmeerküste abgeht - wird bereits seit Monaten von Kräften des Regimes gemieden. Zu groß ist die Gefahr eines Rebellenangriffs.

In Latakia findet der Diktator den größten Rückhalt

Aktivisten vermuteten daher, Assad habe sich noch am Mittwochabend per Flugzeug in die Küstenstadt Latakia abgesetzt. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie die Maschine des Präsidenten vom Flughafen in Damaskus abhob. Später soll der Flughafen von Aufständischen unter Beschuss genommen worden sein. Allerdings würde Assad wohl eher den Militärflughafen von Mezze benutzen und nicht den regulären.

In der Küstenregion hat Assad noch die meisten Unterstützer. Hier leben überproportional viele alawitische Syrer, die derselben Konfession angehören wie Assad. Während der kurzen französischen Herrschaft über Syrien im Rahmen eines Mandats des Völkerbundes wurde die Küstenregion des ehemaligen Osmanischen Reiches von Paris sogar explizit nach religiösen Linien aufgeteilt: in einen von Christen dominierten Libanon und in einen sogenannten alawitischen Staat, der jedoch nach dem Protest sunnitischer und christlicher Syrer schnell nach der gleichnamigen Küstenstadt Latakia umbenannt wurde.

Viele der Christen und Alawiten rund um Latakia haben Angst vor einem Syrien nach Assad - und einer möglichen Machtübernahme konservativer Islamisten. In der Stadt Latakia leben viele Menschen, die von ihren engen Beziehungen zum Regime profitiert haben und Mitglieder des Assad-Clans sowie seines alawitischen Kalabija-Stamms sind.

Ähnlich wie Muammar al-Gaddafi in seinem Geburtsort Sirt kann daher auch Assad in Latakia auf seine treusten Unterstützer zählen - sein Geburtsort Kardaha liegt nur rund 30 Kilometer entfernt. Er könnte von hier aus möglicherweise noch monatelang seine Getreuen kommandieren und Angriffe gegen Damaskus befehligen.

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Asma al-Assad soll sich nach Russland abgesetzt haben

Der Vorteil von Latakia gegenüber seinem Geburtsort Kardaha ist: Latakia ist eine Stadt und kein Dorf. Sie liegt an der Küste und hat einen noch funktionierenden Flughafen. Assad könnte sich dort für längere Zeit zurückziehen und seine Versorgung sicherstellen. Er würde nicht in der Falle sitzen, sondern sich Optionen offenlassen. Rund hundert Kilometer südlich von Latakia, in der Hafenstadt Tartus, unterhält die russische Marine einen Versorgungsstützpunkt.

Fraglich ist jedoch, ob Assads Frau Asma ihren Mann mit den drei Kindern nach Latakia begleiten würde. Nimmt sich Assad an Gaddafis Flucht ein Vorbild, die im August 2011 begann und im Oktober 2011 in einem Kanalisationsrohr von Sirt endete, schickt auch er seine Frau rechtzeitig ins Ausland - Gaddafis Witwe lebt mit der erwachsenen Tochter Aischa in Libyens Nachbarland Algerien. Sohn Saadi, der Ex-Fußballspieler, lebt unter Hausarrest im Niger, nachdem sein Versuch scheiterte, unter falschem Namen nach Mexiko zu reisen.

Viele Reiseziele bleiben Asma al-Assad nicht. Im benachbarten Libanon würde sie viele Assad-Gegner treffen. In Sicherheit wäre sie dort nicht. Zwar war sie lange mit der Tochter des Scheichs von Katar befreundet, und auch zu den Erdogans in der Türkei besteht ein enges Verhältnis. Doch haben beide Länder Syrien längst die Freundschaft aufgekündigt.

Ob die gebürtige Britin, die erst im Jahr 2000 von London nach Damaskus übersiedelte, in das verbündete Land Iran umziehen will, darf als fraglich gelten. Syrische Aktivisten glauben, Asma sei am Mittwoch nach Russland geflohen. In ihre Heimatstadt London kann sie jedenfalls nicht so leicht - die EU hat im März ein Einreiseverbot gegen sie verhängt. Moskau hat sich bisher zum Fall Asma al-Assad nicht geäußert.

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