Syrien Assads Armee macht Jagd auf das eigene Volk

Die syrische Regierung geht immer härter gegen Regimegegner vor. Im Norden hat das Militär einen regelrechten Feldzug gegen die Bevölkerung gestartet, Hubschrauber jagen Demonstranten, Soldaten sollen von Dächern auf Unbewaffnete geschossen haben. Augenzeugen berichten von Dutzenden Toten.

YouTube

Istanbul - Die syrische Armee hat eine neue Offensive gestartet - im eigenen Land, gegen das eigene Volk. Mit einem Großaufgebot von 30.000 Soldaten bedrohte das Militär die Stadt Dschisir al-Schughur in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes. Der Geschützdonner war noch weit entfernt zu hören - selbst jenseits der Grenze in der Türkei.

Das staatliche Fernsehen berichtet, dass die Armee ihre Gegner festnehme. Augenzeugen berichten jedoch von einem weitaus härteren Vorgehen. Auf den Internetseiten der Opposition ist von Schüssen und von Panzern die Rede, die in die Kleinstadt eindrangen. Ein durch drei Kugeln gelähmter Flüchtling erzählt, Angehörige des syrischen Militärgeheimdienstes hätten in Dschisir al-Schughur von Dächern herab das Feuer auf ihn und andere unbewaffnete Demonstranten eröffnet. Ein anderer sagte, die Sicherheitskräfte hätten auch auf Sanitäter geschossen. In der Stadt Maarat al-Numaan berichten Zeugen, Soldaten hätten von Armeehubschraubern mit Maschinengewehren auf Demonstranten geschossen.

Inzwischen heißt es, der Ort gleiche einer Geisterstadt, Telefonverbindungen seien gekappt. Ein Großteil der Bevölkerung sei geflüchtet. Einige Familien seien von der Armee vertrieben worden. "Die Menschen werden nicht dableiben und sich wie Lämmer abschlachten lassen", sagte ein Flüchtling.

Anfang der Woche waren in Dschisir al-Schughur nahe der Grenze zur Türkei nach offiziellen Angaben aus Damaskus 120 Soldaten und Polizisten getötet worden. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad macht Extremisten dafür verantwortlich. Regimegegner aus dem Bezirk hatten dagegen berichtet, die Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie sich Befehlen widersetzt hätten.

Proteste nach Freitagsgebeten

In mehreren Städten Syriens gingen nach dem Freitagsgebet Demonstranten auf die Straße, die zum Sturz des Regimes aufriefen. "Lang lebe Syrien - nieder mit Assad", riefen sie. Nach Informationen arabischer TV-Sender wurden mindestens 28 Demonstranten erschossen, darunter auch ein Kind. In Damaskus starben mindestens zwei Kundgebungsteilnehmer. In der Ortschaft Busra al-Harir in der südlichen Hauran-Ebene töteten Einwohnern zufolge Regierungstruppen zwei Demonstranten. In der Stadt Deraa feuerten Sicherheitskräfte auf Tausende Menschen, die sich trotz eines Kundgebungsverbots versammelt hatten. Menschenrechtler berichteten zudem von einem getöteten Demonstranten in der Hafenstadt Latakia. Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht zu überprüfen. Syrien unterbindet die Berichterstattung ausländischer Journalisten.

Der türkische Präsident Abdullah Gül warnte das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vor weiterer Gewalt. Die Türkei betrachte die Syrer als Nachbarn und Brüder, mit denen es auch familiäre Verbindungen gebe, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Gül am Freitag in Istanbul. "Wir verfolgen die Lage in Syrien täglich nachrichtendienstlich genau, und zwar äußerst genau", sagte Gül. Sein Land sei zivil und militärisch auch auf die schlimmsten Szenarien vorbereitet. "Natürlich wollen wir nicht, dass diese schlimmsten Szenarien wahr werden. Aber die Dinge entwickeln sich nicht in die richtige Richtung", sagte er.

Inzwischen nimmt offenbar auch der Protest innerhalb der syrischen Regierung zu. Der Nachrichtensender al-Dschasira meldete, neun Mitglieder der regierenden Baath-Partei aus Idlib seien aus Protest gegen die Militäroperation aus der Partei ausgetreten. Die staatlichen syrischen Medien sprachen von einem Einsatz gegen "bewaffnete Banden" in Idlib und behaupteten, diese hätten Felder, Heuschober und Wälder angezündet.

Flucht in den Irak

Aus Furcht vor der angekündigten Militäroffensive sind seit Anfang dieser Woche nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu schon mehr als 3000 Menschen in die Türkei geflüchtet. Aktivisten warnten, dass sich unter die Flüchtenden auch einige Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes gemischt hätten.

Einige Regimegegner hatten in den vergangenen Tagen auch versucht, sich in den Irak zu retten. Dort sind sie jedoch nicht willkommen. Ein Angehöriger der irakischen Sicherheitskräfte sagte der Nachrichtenagentur dpa, am vergangenen Mittwoch seien zwei "illegale Grenzgänger" erschossen worden. Mehrere Syrer, "die von den Sicherheitsbehörden in ihrer Heimat gesucht wurden", seien festgenommen und abgeschoben worden.

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) forderte Syrien auf, der Organisation Zugang zu Verletzten und Verhafteten zu gewähren. Das Rote Kreuz habe keinen "sinnvollen Zugang" zu jenen Landesteilen erhalten, an denen es zu Zusammenstößen mit Truppen des Regimes komme, sagte IKRK-Präsident Jakob Kellenberger am Freitag.

Menschenrechtsorganisationen zufolge sind mehr als 1300 Menschen bei der Niederschlagung von regierungskritischen Demonstrationen getötet worden, die meisten Opfer waren unbewaffnet. Eine Sprecherin der syrischen Regierung sagte, dass 500 Sicherheitskräfte während der Revolte ihr Leben gelassen hätten.

ler/dpa/Reuters/dapd

insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HenriCross 10.06.2011
1. Bin ...
... mal gespannt, wie lange sich die NATO-Verbündeten sich das noch anschauen! Oder wird mit zweierlei Maß gemessen?
SpieFo, 10.06.2011
2. Muss jetzt die Nato nicht auch wieder eingreifen,
nachdem die UNO eine Resolution verabschiedet hat? Nee, die UNO wird keine Resolution verabschieden? China wird widersprechen? Achso, die sind ja mit Iran verbandelt, und Iran mit Syrien, und überhaupt, Syrien ist ja gegen Israel, und Syrien hat auch kein Öl. Achja, also hier wird gelten: Jagd frei auf das eigene Volk!
svenbaumer 10.06.2011
3. Eingreifen - ABER SCHNELL
den leuten sollte schnellstmöglich geholfen werden - humanitär als auch wenn es soweit kommen sollte militärisch. es kann nicht sein das unsere länder für freiheit und menschenwürde stehen aber wenn menschen für ihre freiheit kämpfen und fafür zu tausend sterben (und kinder) ihnen nicht geholfen wird. Die Weltgemeinschaft muss hier unbedingt eingreifen sonst endet es in einem bürgerkrieg der den ganzen nahen osten ergreifen wird. für was bitte haben wir denn eine armee? zur verteidigung unseres Landes? NEIN! bullshit! dafür brauht man keine armee. Wohl viel mehr zur verteidigung der Freiheit. und bitte beschimpft jetzt nicht wieder als Kriegstreiber :D als rational denkender mensch sollte man dies verstehen
mbockstette 10.06.2011
4. Was ...
Zitat von SpieFonachdem die UNO eine Resolution verabschiedet hat? Nee, die UNO wird keine Resolution verabschieden? China wird widersprechen? Achso, die sind ja mit Iran verbandelt, und Iran mit Syrien, und überhaupt, Syrien ist ja gegen Israel, und Syrien hat auch kein Öl. Achja, also hier wird gelten: Jagd frei auf das eigene Volk!
... meinen Sie wie viel das schon vor Ihnen behauptet haben? Entwicklung Erdöl-Export - Syrien 2001 3,586 Mrd. USD 2002 4,243 Mrd. USD 2003 3,584 Mrd. USD 2004 2,936 Mrd. USD 2005 3,864 Mrd. USD 2006 3,667 Mrd. USD 2007 3,986 Mrd. USD 2008 4,709 Mrd. USD
mitwisser, 10.06.2011
5. Demokratisches Wegschauen
...solange die Demokratien solche Demokraten (Aussenminister-Praktikanten) und Freiheitskämpfer (siehe Freiheitsmedaille in der Sauna ersessen) haben, wird das Schlachten in Syrien vermutlich leider weitergehen. Außerdem haben wir ja gerade gelernt, dass einigen Nato-Staaten nach wenigen Wochen der Luftangriffe gegen Libyen schon die Munition ausgeht. Vom demokratischen EU-Parlament hört man auch nichts.. Mir tut das syrische Volk leid. Es wird zusammengeschossen und eingekerkert - der Westen schaut verstolen weg.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.