Syrien Assads Schläger machen Jagd auf Demonstranten

Die Stadt Homs wird zum Zentrum des Aufstands in Syrien. Zehntausende haben dort gegen Präsident Assad demonstriert. Die Sicherheitskräfte jagten die Menschen durch die Straßen - das Regime wird offenbar immer nervöser und brutaler.

AFP/ YouTube

Damaskus - In der syrischen Stadt Homs herrscht Angst. Niemand traue sich mehr hinaus, so Bewohner zu der Nachrichtenagentur AP.

Augenzeugen berichten detailliert von dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten am frühen Dienstagmorgen in Homs. Zehntausende hatten am Montag den Sa'a-Dschadida-Platz (Uhrenplatz) in der drittgrößten Stadt des Landes besetzt. Als sie sich weigerten, ihre Sitzblockade aufzulösen, hätten die Sicherheitskräfte das Feuer eröffnet. "Sie schossen auf alles, überall war Rauch", sagte ein Gegner des Regimes AP. "Ich sah Menschen am Boden liegen, manche in die Beine getroffen, manche in den Bauch." Andere Demonstranten bekräftigten seine Angaben. "Die Sitzblockade wurde gewaltsam aufgelöst", sagte ein Menschenrechtsaktivist in Damaskus der Nachrichtenagentur AFP am Telefon.

Stundenlang hätten die Sicherheitskräfte Jagd auf Demonstranten gemacht, seien in Häuser eingedrungen, es habe zahlreiche Festnahmen gegeben. "Wir hörten die ganze Nacht über Sirenen von Krankenwagen", so ein Aktivist zu der Nachrichtenagentur. Andere berichten auch von "Schabiha" genannten regierungstreuen Schlägertrupps, die in Wohnvierteln Angst und Schrecken verbreiteten. Eine Frau, die nahe des Platzes lebt, den die Demonstranten besetzten, berichtete der "New York Times": "Schüsse hallen durch die ganze Stadt. Die Moscheen rufen um Hilfe. Wir fürchten, dass viele auf dem Platz getötet wurden, dass es ein Massaker gibt."

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Unruhen in Syrien: Die Protestwelle wächst
Die Berichte aus Homs können von unabhängiger Seite nicht nachgeprüft werden, in Syrien ist die Arbeit der Medien eingeschränkt, zahlreiche ausländische Journalisten wurden ausgewiesen. Im Exil lebende Syrer bestätigten den Einsatz von Gewalt in Homs, sagten jedoch, wegen offenbar zusammengebrochener Telefonverbindungen sei es schwierig, Kontakt zu den Demonstranten vor Ort aufzunehmen.

In den vergangenen Tagen war Homs, die drittgrößte Stadt des Landes, immer mehr zum Zentrum des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad geworden. Für Katherine Marsh, Reporterin des britischen "Guardian" in Damaskus, zeigen die Ereignisse in Homs, dass der Aufstand insgesamt an Kraft gewinne. Weil es in Damaskus und Aleppo keine Proteste gebe, sei es für die Regierungsgegner von zentraler Bedeutung, in Homs Fuß zu fassen. Die Demonstranten nehmen sich mit der Besetzung des Dschadida-Platzes ihrer Einschätzung nach Ägypten zum Vorbild, wo der Tahrir-Platz zum Zentrum des Aufstandes wurde, an dessen Ende Präsident Husni Mubarak gehen musste. Der Platz in Homs sei bereits von Assad-Gegnern in Tahrir-Platz umbenannt worden, sagte ein Aktivist der Nachrichtenagentur AFP. Der Reporterin Marsh zufolge gebe es außer in Homs nur noch in den Orten Deraa und Douma kleinere Demonstrationen.

Die Platzbesetzung in Homs begann am Montag nach einem Trauermarsch von mehr als 10.000 Menschen für einige der Opfer von Zusammenstößen am Sonntag, bei denen mindestens zwölf Menschen getötet worden sein sollen. Mindestens 50 weitere Demonstranten waren verletzt worden, als Sicherheitskräfte das Feuer auf sie eröffneten. Menschenrechtsaktivisten zufolge sind seit Beginn der Proteste mehr als 200 Menschen getötet worden.

Die Regierung bezichtigt "bewaffnete Banden" fundamentalistischer Muslime, für die Unruhen verantwortlich zu sein, einen islamistischen Staat errichten und das Volk terrorisieren zu wollen. Die offizielle syrische Nachrichtenagentur Sana sowie staatliche Zeitungen berichteten am Dienstag, "kriminelle bewaffnete Gruppen" hätten in Homs einen General, dessen zwei Kinder und einen Neffen getötet und die Leichen verstümmelt. Zudem seien zwei weitere Offiziere als "Märtyrer" gefallen.

Das Innenministerium nannte am Montag ausdrücklich Salafisten als Urheber, Angehörige einer erzkonservativen Glaubensrichtung. Sie wollten "Emirate" errichten und die von Präsident Assad angekündigten Reformen missbrauchen.

Assad hatte am Samstag die Aufhebung des seit beinahe 50 Jahre geltenden Ausnahmezustands, eine Hauptforderung der Demonstranten, für diese Woche in Aussicht gestellt. Syrien ist ein autoritär gelenkter Staat, in dem seit 1963 der Ausnahmezustand gilt. Geheimdienste und andere Sicherheitsorgane können Bürger willkürlich verhaften. Folter und Misshandlung in der Haft werden nicht geahndet.

anr/AP/AFP



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bunterepublik 19.04.2011
1. Das Regime
Das Regime sollte schnellstmöglich beseitigt werden... Je schneller die Befreiung erfolgt, desto besser...
oldharold 19.04.2011
2. Höchste Zeit für die NATO...
...auch hier einzugreifen. Oder was sollte in Syrien wohl anders sein, als in Libyen?
freethink 19.04.2011
3. Stammtischgeschrei
Zitat von oldharold...auch hier einzugreifen. Oder was sollte in Syrien wohl anders sein, als in Libyen?
eben .. wie wäre es mal nachzuforschen, was da der Unterschied sein können und endlich mal dieses Stammtischgeschrei sein zu lassen.
PlanetSoap 19.04.2011
4. Reinste Polemik
ist es doch, ständig jede Situation mit einer anderen in der Welt gleichsetzten zu wollen. Syrien ist nicht Lybien, ist nicht Jemen ist nicht China oder Nordkorea.
cheknuf 19.04.2011
5. .
Zitat von oldharold...auch hier einzugreifen. Oder was sollte in Syrien wohl anders sein, als in Libyen?
In Syrien gibt es, im Gegensatz zu Libyen, kein Öl. Um den Anschein zu wahren dass es in Libyen nicht um Öl geht, hat die UNO die Bedingung "keine Bodentruppen" in die Resolution aufgenommen. Nun wird gerade damit angefangen diese Bedingung aufzuweichen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757831,00.html Meine Voraussage ist, dass diese "Überprüfung" mittelfristig den Einsatz von Bodentruppen vorsehen wird. Das läuft wie bei allen politisch unliebsamen Entscheidungen nach folgendem Schema: 1. Etwas das gar nicht zur Debatte steht, wird plötzlich "dementiert". 1.1 Damit ist das Thema wenigstens schonmal im Gespräch. 1.2 Beispiel: "Eine PKW-Maut ist völlig ausgeschlossen"... 2. Alte Aussage wird relativiert und umgekehrt. 2.1 "Die Rahmenbedingungen sind nun anders zu bewerten" (blabla) 2.2 Beispiel: ...schon ist die PKW-Maut da... Nach diesem Schema wird das auch mit Bodentruppen in Libyen laufen. In Syrien hofft man im Idealfall auf einen Umbruch, aber mangels Interesse(Öl) werden die Aufständischen dort allein gelassen...
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