Assad will Idlib zurückerobern Die große Schlacht

Baschar al-Assad stimmt Syrien auf die nächste Offensive ein: Er will die Rebellenhochburg Idlib endgültig zurückerobern. Der Russland-Türkei-Gipfel könnte ihm dabei geholfen haben.

Baschar al-Assad in Idlib: Der Diktator will die Rebellenhochburg erobern
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Baschar al-Assad in Idlib: Der Diktator will die Rebellenhochburg erobern

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Im Hintergrund ist immer wieder Artillerie zu hören, während der syrische Präsident Baschar al-Assad eine Ansprache hält. "Die Offensive in Idlib ist die Voraussetzung, um das Chaos und das Terrorismusproblem in Syrien abschließend zu lösen", sagt er vor einer Gruppe Militärs im südlichen Teil der Provinz Idlib. Ausgestrahlt hat das Staatsfernsehen diese - immer wieder mit dramatischer Musik unterlegte - Rede am Dienstag.

Während die Welt auf Syriens Nordosten schaut, wo die Türkei vergangene Woche eine Offensive gegen die Kurden gestartet hatte, lenkt Assad die Aufmerksamkeit nun verstärkt auf den Nordwesten des Bürgerkriegslandes. Dort, in der Provinz Idlib, durfte er bisher nicht mit aller Brutalität einmarschieren - die Folge wäre wohl eine der größten humanitären Katastrophen Syriens. Und das heißt viel in diesem Land.

Bisher verhinderte eine russisch-türkische Einigung vom September 2018 eine echte syrische Bodenoffensive in Idlib. Doch gilt diese alte Sotschi-Einigung noch? Oder haben Russlands Machthaber Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sie am Dienstag in Sotschi durch eine andere ersetzt?

Über diesen Punkt dürfte bald schon gerungen werden. Denn in der Zusammenfassung der am Dienstag veröffentlichten neuen Einigung heißt es:

  • Die Türkei erkennt die territoriale Unversehrtheit Syriens an - mit Einschränkung des Adana-Protokolls von 1998.
  • Dieses Vertragswerk erlaubt der Türkei begrenzte Razzien in Syrien, um die kurdische Arbeiterpartei PKK zu bekämpfen.

Dies widerspricht einer vorangegangenen Einigung aus dem Jahr 2017 zwischen Iran, der Türkei und Russland, in deren Folge seither zwölf türkische Beobachterposten in Idlib aufgebaut wurden.

Wer ist ein Terrorist - und für wen?

Auch ein weiterer Punkt der neuen Sotschi-Einigung dürfte von Ankara, Damaskus und Moskau wohl unterschiedlich ausgelegt werden. So vereinbarten Erdogan und Putin die Bekämpfung von "Terrorismus" und "separatistischen Bestrebungen" in Syrien. Dabei streiten sich die Türkei und Russland schon seit Jahren darüber, wen sie in Syrien als Terroristen einstufen:

  • Russland hält die türkischen Verbündeten in Idlib für Terroristen.
  • Ankara dagegen glaubt, mit diesen islamistischen Milizen zusammenarbeiten zu können - gegen noch radikalere Gruppen, die ebenfalls in der Rebellenhochburg kämpfen.
  • Assads Position dazu ist klar: Für ihn sind alle Oppositionellen Terroristen, egal ob bewaffnet oder nicht, Islamisten oder Säkulare.

Nach acht Jahren Krieg ist fast nur noch die Provinz Idlib als Rückzugsort für Oppositionelle übrig. Unter ihnen sind auch auch friedliche Aktivisten, die aus bereits zurückeroberten Gebieten nach Idlib deportiert wurden.

Idlib hat für Assad Priorität, für Erdogan nicht

Für den Nordosten Syriens scheint Assad sich dagegen vorerst kaum zu interessieren. Dieser ist ihm seit dem Abzug der Amerikaner zumindest auf dem Papier wieder in den Schoß gefallen - mit der Ausnahme eines 120 Kilometer langen Korridors zwischen Tall Abjad und Ras al-Ain. Dieses Gebiet ist umkämpft zwischen den syrischen Verbündeten Ankaras und der syrisch-kurdischen Miliz YPG.

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Assad nützt es, wenn sich dort die syrischen Verbündeten der Türkei und die YPG weiter bekämpfen und schwächen. Mit Letzteren verbindet ihn nur ein Zweckbündnis, so lange, bis die dezimierte syrische Armee wieder schlagkräftiger ist. Für Erdogan dagegen verhält es sich umgekehrt:

  • Für ihn ist die Grenzregion im Nordosten Syriens wichtiger, ebenso wie die nordwestliche Provinz Afrin. Dort liegen kurdische Hochburgen.
  • Doch auf die Provinz Idlib, in der die PKK kaum Rückhalt hat, könnte Erdogan verzichten.

Es ist nicht auszuschließen, dass sich Putin und Erdogan in Sotschi auf einen solchen Tauschhandel geeinigt haben: Idlib für den von Russland protegierten Diktator aus Damaskus - gegen freie Hand für die Türkei im Nordosten Syriens.

Nicht immer werden alle Teile einer Vereinbarung veröffentlicht, schon gar nicht zwischen zwei Autokraten. Dass Putin seinem türkischen Amtskollegen Erdogan ohne Gegenleistung Zugriff auf den Nordosten gewährt haben könnte, erscheint eher unwahrscheinlich. Er sitzt in Syrien derzeit am längsten Hebel.

insgesamt 30 Beiträge
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Sleeper_in_Metropolis 23.10.2019
1. Karte
Liebes SPON-Team, es gibt doch soviel mehr Farben als nur hellgrau, hellblau und Zwischenstufen davon. Mit etwas mehr Kontrastfarben könnte man die Verhältnisse auf der gezeigten Landkarte schneller und besser überblicken.
tayyipcik 23.10.2019
2. Solange Assads Schutzpatron
Erdogan gewähren lässt kommt Syrien nicht zur Ruhe. Die von Assad besiegten islamistischen Terroristen werden von Erdogan woanders in Syrien wieder eingeschleust.
ComproMiss 23.10.2019
3. wae heisst hier "mit aller Brutalität einmarschieren" ?
Soll er vielleicht in die mit IS Kämpfern gefüllte Stadt "zärtlich" einmarschieren ?
derhey 23.10.2019
4. Hat jemand
etwas anderes erwartet? Eine logische Folgerung . Wer will denn Assad dies streitig machen solange Rußland das große Rad dreht? AKK mit ihrer Idee einer Schutzzone - ein Veto im Sicherheitsrat dürfte doch unausweichlich sein oder wie blauäugig ist eigentlich die EU/Nato , sprich Westen gerade wenn DT sich als Friedensfürst hervorhebt? Ein guter Rat: Versucht die Rebellen zu überzeugen, sich unter dem Schutz vom Roten Kreuz/Roten Halbmond zu ergeben unter der Einbindung von Rußland. Das erspart unglaubliches Leid und ist andernfalls unvermeidlich.
Beauregard 23.10.2019
5. Verbrecher...
ich bin überzeugt davon daß die ganze Welt es noch bitter bereuen wird den Verbrechern Assad, Putin, Erdogan und dem iran hier so das Feld überlassen zu haben. Das wird noch ein böses Erwachen geben!
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