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17. April 2018, 14:25 Uhr

Nächste Schlacht im Syrienkrieg

Assad zielt ins Herz der Revolution

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Ost-Ghuta ist gefallen, nun dürfte Syriens Machthaber Baschar al-Assad die letzten Rebellenhochburgen angreifen: Idlib - und Daraa, wo der Aufstand 2011 begann. Jordanien und Israel sind alarmiert.

Die Schuljungen, die im Februar 2011 in Daraa das Graffiti "Das Volk will den Sturz des Regimes" auf eine Häuserwand sprühten, konnten nicht ahnen, was dieser Satz auslösen würde.

Erst verhaftete das Regime von Baschar al-Assad die Kinder und folterte sie, dann gingen die Menschen in der südsyrischen Stadt auf die Straße, um gegen den Diktator von Damaskus zu protestieren - und der erklärte schließlich: "Wer die Schlacht haben will, kann sie haben".

Syrien, wie es einmal war, existiert nicht mehr. Wie viele Menschen in dem Bürgerkrieg getötet wurden, weiß niemand ganz genau, auch die Vereinten Nationen nicht. Schätzungen zufolge kamen bislang 500.000 Menschen ums Leben, Millionen wurden innerhalb Syriens vertrieben oder sind geflüchtet.

Iran hofft auf Einnahme Idlibs

Zu ihnen gehören auch die - mehrheitlich islamistischen - Milizionäre aus Ost-Ghuta, der einstigen Rebellenhochburg vor den Toren der Hauptstadt. Viele von ihnen befinden sich nun in der Provinz Idlib, der syrischen Westprovinz an der Grenze zur Türkei.

Die von Iran und Russland unterstützte syrische Armee hat die zu Ost-Ghuta gehörende Satellitenstadt Duma unter ihre Kontrolle gebracht - auch als Resultat des mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatzes . Nun dürfte das Militär Idlib in den Fokus nehmen.

Ali Akbar Velajati, einer der wichtigsten Berater von Irans Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei, erklärte bereits in der vergangenen Woche, er hoffe, Idlib werde bald wieder von Syriens Machthaber Assad kontrolliert. Wie ein solch groß angelegter Feldzug aussehen könnte, sagte er nicht.

Fest steht: Leicht zu gewinnen wäre die Schlacht um die Provinz Idlib nicht, denn dort ist besonders die von der Türkei protegierte Freie Syrische Armee (FSA) stark. Vielmehr würde - wieder einmal - einer der etlichen Vielfrontenkonflikte in Syrien eskalieren.

Jordanien schaut alarmiert auf Daraa

Eine zweite Option für Assad wäre eine Offensive gegen die Rebellen in Daraa, die Stadt und die gleichnamige Südprovinz an der Grenze zu Jordanien. Etwa 70 Prozent des Gebietes, das offiziell eine sogenannte "Deeskalationszone" ist, sind in der Hand verschiedener Rebellengruppen.

Jordanien, das nach Angaben der Uno etwa eine halbe Million Syrer aufgenommen hat, versucht bislang, sich aus dem blutigen Bürgerkrieg herauszuhalten. In Amman ist man alarmiert, denn es scheint ausgeschlossen zu sein, dass die dezimierte syrische Armee allein gegen die Rebellen vorgehen könnte.

Wie zuvor dürfte Assad auch bei einer möglichen Bodenoffensive auf Daraa von proiranischen schiitischen Milizen unterstützt werden. Bereits am 12. März soll das syrische Regime nach Rebellenangaben Ziele in der Provinz aus der Luft angegriffen - und damit die fragile Waffenruhe gebrochen haben.

Der Süden Syriens grenzt aber auch an Israel - und die Regierung in Jerusalem hat klargemacht, dass sie Irans Vormarsch an seiner Nordgrenze verhindern werde. Wie angespannt die Lage ist, wurde erst in der vergangenen Woche deutlich, als bei einem Angriff auf die syrische Militärbasis T4 nahe der antiken Oasenstadt Palmyra iranische Soldaten getötet wurden. Teheran und Moskau machten dafür Israel verantwortlich.

Direkte Konfrontation zwischen Israel und Iran

Jerusalem äußerte sich zunächst nicht, ein ranghoher israelischer Militär bestätigte der "New York Times" aber den Angriff und erklärte, es sei das erste Mal gewesen, dass der jüdische Staat "lebende iranische Ziele" angegriffen habe.

Nach Medienberichten handelte es sich dabei um sieben iranische Militärberater. Sie sollen mitverantwortlich für den iranischen Drohnenflug nach Israel im Februar gewesen sein. Das Fluggerät konnte damals erst nach dem Eintritt in den israelischen Luftraum abgefangen werden und soll - wie Israel am vergangenen Freitag erstmals bekannt gab - mit Sprengstoff bestückt gewesen sein.

Diese jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und Iran ging in den Meldungen über den Militärschlag der USA, Frankreichs und Großbritanniens auf das Assad-Regime fast unter.

Die jordanischen Sicherheitsbehörden dürften die Entwicklung aber genau beobachten. Eine mögliche Offensive des syrischen Militärs und seiner schiitischen Verbündeten in der Provinz Daraa würde nicht nur die Spannungen zwischen Jerusalem und Teheran verstärken, sondern auch Amman destabilisieren. In Folge möglicher Kampfhandlungen könnten noch mehr Syrer versuchen nach Jordanien zu flüchten, doch das Land ist bereits jetzt überfordert.

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