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23. Juni 2012, 22:24 Uhr

Vermisster türkischer Jet

Syrien spricht von Abschuss aus Versehen

Syrien versucht, den Streit über das abgeschossene türkische Militärflugzeug zu entschärfen. Es habe sich um ein Versehen gehandelt, erklärt das Regime in Damaskus. Die Türkei berät weiter über Konsequenzen, von den Piloten fehlt noch jede Spur.

Ankara - Im Fall des über syrischem Gebiet abgeschossenen türkischen Militärflugzeugs setzt das Regime in Damaskus auf Deeskalation. Der Abschuss sei kein feindlicher Akt gegen das Nachbarland gewesen, sagte der syrische Außenministeriumssprecher Dschihad Makdisi am Samstag. Syrien habe seine Souveränitätsrechte gegen ein unbekanntes Flugzeug verteidigt, das in seinen Luftraum eingedrungen sei. Makdisi wurde mit den Worten zitiert, es gebe keine Feindseligkeit gegenüber der Türkei. Syrien habe nicht erkannt, dass es sich um ein türkisches Flugzeug handele.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hatte nach dem Abschuss der Maschine Konsequenzen gefordert. Ins Detail wollte Gül am Samstag noch nicht gehen. Zunächst müssten die genauen Umstände geklärt werden. Der F-4 Kampfjet, genannt Phantom, der türkischen Luftwaffe war nach bisherigen Kenntnissen am Freitagvormittag vom größten anatolischen Luftwaffenstützpunkt in Malatya gestartet und nach Angaben des Generalstabs um 15 Uhr türkischer Zeit von den Radarschirmen verschwunden.

Das syrische Fernsehen und die staatliche Nachrichtenagentur Sana zeigten am Samstag die angebliche Flugroute des türkischen Jets. Darauf ist zu sehen, auf welchem Kurs das Flugzeug über dem Mittelmeer nahe der syrischen Küste fliegt.

Arbeitsminister Faruk Celik sagte, die Türkei werde "entweder auf dem diplomatischen Feld reagieren oder andere Arten einer Antwort geben". Darüber wurde am Samstag in einer Sitzung mit Militärvertretern beraten. Der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc sagte, der Kampfjet sei auf einem Aufklärungsflug gewesen.

Eines der ältesten Modelle der türkischen Luftwaffe

Experten hatten zuvor über eine mögliche Spähmission über syrischem Gebiet spekuliert. Hasan Köni, Außenpolitik-Experte und der Regierung gegenüber eher kritisch eingestellt, sagte dazu in einer Sendung auf NTV: "Die F-4, die jetzt abgeschossen wurde, gehört zu den ältesten Modellen der türkischen Luftwaffe. Sie war als Aufklärer mit Kameras ausgerüstet. Vielleicht sollte sie testen, wie gut die syrische Flugabwehr ist." Köni wies auch darauf hin, dass sich der Zwischenfall acht Seemeilen von der syrischen Küstenstadt Latakia nicht allzu weit vom russischen Marinestützpunkt Tartus abgespielt habe. Vielleicht sei die F-4 auch auf dem Weg nach Tartus gewesen.

Der Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs droht den Syrien-Konflikt zu verschärfen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte während eines Besuchs in Bangladesch, er sei "in großer Sorge". Er begrüße die besonnene Reaktion der Türkei.

"Unsere Ermittlungen werden sich darauf konzentrieren, ob das Flugzeug innerhalb unserer Grenzen abgeschossen wurde oder nicht", sagte Staatschef Gül. "Weil das ernste Konsequenzen haben könnte, wird es von uns keine Stellungnahme geben, bevor die Details untersucht worden sind." Bei Hochgeschwindigkeitsflügen sei es allerdings Routine, dass der Luftraum von Nachbarstaaten für kurze Zeit verletzt werden könne, sagte Gül. "Diese Zwischenfälle geschehen nicht in böser Absicht, sie passieren wegen der Geschwindigkeit."

Keine genauen Angaben gibt es zum Schicksal der zwei Besatzungsmitglieder. Arinc sagte, die syrische Küstenwache beteilige sich an der Suche nach den Piloten und dem Wrack. Einige Wrackteile seien bereits gefunden worden, sagte Gül.

Vor Beginn des Aufstands in Syrien im März 2011 galten Ankara und Damaskus als Verbündete, seitdem wurde die Türkei zu einem der schärfsten Kritiker des Regimes von Baschar al-Assad. Angesichts der anhaltenden Gewalt in Syrien hat auch die Türkei den Rücktritt Assads gefordert. In Syrien stößt die Errichtung von Flüchtlingslagern auf türkischer Seite der Grenze auf Missfallen. Die Regierung in Damaskus wirft der Türkei vor, die syrische Opposition zu unterstützen und Aufständische von ihrem Gebiet aus aktiv werden zu lassen. Die Türkei hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

kha/dapd/dpa

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