Chemiewaffenzerstörung in Syrien Heikle Mission zwischen den Fronten

Im Eiltempo sollen Uno-Inspektoren die Giftgasbestände des Assad-Regimes zerstören. Deutschland will dabei eine wichtige Rolle spielen, doch die Mission in Syrien ist heikel. Den erfahrenen Experten stünde eine gefährliche Premiere im Kriegsgebiet bevor.

Uno-Inspektoren beim Probensammeln in Syrien: Gefährliche Mission
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Uno-Inspektoren beim Probensammeln in Syrien: Gefährliche Mission

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Berlin - Lange hat die Weltgemeinschaft dem Morden in Syrien zugesehen, zweieinhalb Jahre lang führte Machthaber Baschar al-Assad einen Feldzug gegen sein eigenes Volk, weitgehend ungehindert von außen. Doch nun geht plötzlich alles ganz schnell. Das Chemiewaffenarsenal, dessen Existenz das Regime in Damaskus bisher leugnete, soll unter internationaler Kontrolle zerstört werden.

Schon am Freitag wird der zuständige Rat der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) tagen und einen groben Plan für die Vernichtung der Giftgasbestände entwerfen. Geht es nach Åke Sellström, dem Chef der Uno-Inspektoren, könnte sein Team schon kommende Woche wieder nach Syrien reisen. Sellström kennt sich aus. Er hat bereits die Aufklärung des Giftgasangriffs vom 21. August geleitet und für die Uno einen Bericht erstellt.

Doch wie soll das nun gehen, die Zerstörung der Gasbestände? Was sich einfach anhört, wird eine komplizierte Mission. Selbst wenn Syrien wirklich kooperiert, so Experten, würde es Jahre dauern, die Waffen zunächst zu katalogisieren und dann zu zerstören. Nach Geheimdiensterkenntnissen verfügt Assad über rund 1000 Tonnen Giftgas. Das meiste davon ist mit rund 700 Tonnen das hochgiftige Sarin, das laut Uno-Untersuchung auch bei der Attacke auf die Vororte von Damaskus im August eingesetzt wurde.

Technisch gesehen ist die Zerstörung der Substanzen aufwendig: Entweder müssen die Waffen in extra aufgebauten Anlagen bei hohen Temperaturen verbrannt oder durch chemische Prozesse delaboriert, also in ungefährliche Bestandteile aufgespalten, werden. Experten halten deswegen den Plan, Assads Arsenal bis Sommer 2014 zu eliminieren, für fragwürdig. Zu groß könnte der technische, logistische und finanzielle Aufwand sein. Außerdem müssten die Anlagen ja auch gesichert werden, sagt Konfliktforscherin Una Becker-Jakob. Das Vorhaben werde mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Westerwelle kündigt finanzielle Unterstützung an

Deutschland will sich an der Mission maßgeblich beteiligen. Außenminister Guido Westerwelle kündigte schon vor Tagen Unterstützung für die Inspektoren-Mission an. Am Donnerstag legte er mit ersten Zahlen nach. Zwei Millionen Euro zahlt Berlin demnach in den Topf der OVCW ein, auch technische Hilfe stellte Westerwelle in Aussicht. Expertise hat Deutschland reichlich auf dem Gebiet, schon bei der Untersuchung von Bodenproben aus Syrien nach dem Giftgasangriff bei Damaskus halfen deutsche Labore mit.

Ob sich Deutschland an der Operation auch mit Personal in Syrien beteiligt, lässt Berlin wohl auch deshalb offen. In der Bundeswehrführung ist man sich zwar sicher, dass entsprechende Anfragen nach gut ausgebildeten Fachleuten kommen werden. Eine Entsendung der deutschen ABC-Experten in Uniform wäre aber wohl politisch hochumstritten. Folglich lassen die Generäle gerade Listen von Inventar wie Dekontaminierungs-Lkw und anderer Technik erstellen, die man anbieten könnte, ohne zu viel zu riskieren.

Die finanzielle Zusage aus Berlin dürfte nur der Auftakt sein für einen internationalen Kraftakt, denn die Syrien-Mission wird teuer, wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt haben. So unterstützte Deutschland die Russen in den vorigen zehn Jahren bei der Vernichtung ihrer gigantischen Arsenale von 20.000 Tonnen Gas mit 360 Millionen Euro. An vier von sieben russischen Anlagen zur Giftgasvernichtung kam die deutsche Hilfe inklusive Hightech zum Einsatz. Trotzdem ist bis heute nur rund die Hälfte der Bestände zerstört.

Der Westen kommt an Assad nicht mehr vorbei

Auch für Libyen und den Irak waren die Deutschen tätig, beide Länder erhielten Unterstützung zur Eliminierung ihrer Arsenale. In den Irak lieferte Berlin für rund eine Million Euro Geräte zum Aufspüren und zur Analyse. Damit sollen Giftgasbestände in einem unzugänglichen Bunker erfasst werden. Für die Libyen-Mission wurde Personal in Deutschland geschult. Obwohl das inzwischen gestürzte Gaddafi-Regime bereits 2004 seinen Willen zum Rückbau des Arsenals bekundet hat, lagern dort noch 12,9 Tonnen Giftgas sowie 207 mit Chemiewaffen gefüllte Artilleriegeschosse.

Der wohl schwerwiegendste Risikofaktor beim Einsatz ist der Bürgerkrieg. Wie die Inspektoren geschützt werden sollen, ist offen, zumal die zersplitterten Rebellengruppen den eilig geschmiedeten Kompromiss einhellig ablehnen. Aus ihrer Sicht gleicht der Plan einer Lebensversicherung für Assad: Solange die Inspektoren im Land sind, könne sich der Despot militärisch und politisch stabilisieren. Als Verhandlungspartner für eine politische Lösung kommt der Westen am angeblich einsichtigen Assad zudem nicht mehr vorbei.

Schon jetzt ist die Diskussion um die Inspektoren-Mission politisch aufgeladen. Russische Diplomaten lassen unmissverständlich durchblicken, die USA und ihre Partner müssten nun ihre militärische Unterstützung für die Rebellen einstellen und die Kommandeure zur militärischen Zurückhaltung zwingen - nur so könne die Sicherheit der Waffenexperten garantiert werden. "Wenn die Inspektoren angegriffen werden, sind dafür Washington, Saudi-Arabien und Katar verantwortlich", warnte ein Moskauer Gesandter.

insgesamt 6 Beiträge
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querulant1892 19.09.2013
1. optional
Vielleicht ist die Idee naiv; Aber es wäre möglicherweise sinnvoll, der syrischen Bevölkerung Medikamente gegen eine Saringas-Vergiftung zu schicken. Hierzu könnte man z.B. Spritzen mit Atropin verschicken. Es würde zwar einen zukünftigen Giftgasangriff nicht verhindern, aber es würde die Folgen doch wenigstens abmildern.
warumeigentlich 19.09.2013
2. Zuerst verkauft
Deutschland die erforderlichen Mittel nach Syrien damit der Diktator sich Giftgas zusammen basteln kann. Auch wenn man jetzt so tut als man gedacht hätte, dass das für Zahnpasta wäre hihi. Wer so dumm war und uns regierte...da fragt man sich was jetzt aktuell für schwachsinnige politische Entscheidungen fallen? ZB zum € und später kommen dann so blöde Ausreden und keiner der Politiker wird zur Rechenschaft gezogen. Aber zurück zum Thema. Da hat sich die privat Industrie Goldene Nase verdient und jetzt soll der Steuerzahler die Vernichtung des Saringases in Syrien bezahlen. Das ist so typisch.
n01 19.09.2013
3. Diese Idee ist gut
Zitat von querulant1892Vielleicht ist die Idee naiv; Aber es wäre möglicherweise sinnvoll, der syrischen Bevölkerung Medikamente gegen eine Saringas-Vergiftung zu schicken. Hierzu könnte man z.B. Spritzen mit Atropin verschicken. Es würde zwar einen zukünftigen Giftgasangriff nicht verhindern, aber es würde die Folgen doch wenigstens abmildern.
Die Idee ist gut. Zumindestens könnte man damit im Falle eines Falles vorsorgen. Wichtig ist aber auch, das die bewaffneten Aktionen beendet werden. Dann wäre es möglich, das Giftgas ohne Gefahr für Leib und Leben der dazu nötigen Kräfte zu vernichten, oder auch erst außer Landes zu bringen. Dies würde die ganze Aktion wohl auch deutlich beschleunigen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt wäre, das es keine zivilen Kriegsopfer mehr geben würde.
ediart 19.09.2013
4. Kosten
der Entsorgung seien nach Medienberichten extrem hoch. Da sollten sich die Unternehmen beteiligen die die Zutaten zur Herstellung geliefert haben. Diese kamen aus Deutschland wie man weiß. Diese Unternehmen sind der Bundesregierung bekannt und müssen in die Pflicht genommen werden.
maburayu 19.09.2013
5.
Zitat von warumeigentlichDeutschland die erforderlichen Mittel nach Syrien damit der Diktator sich Giftgas zusammen basteln kann. Auch wenn man jetzt so tut als man gedacht hätte, dass das für Zahnpasta wäre hihi. Wer so dumm war und uns regierte...da fragt man sich was jetzt aktuell für schwachsinnige politische Entscheidungen fallen? ZB zum € und später kommen dann so blöde Ausreden und keiner der Politiker wird zur Rechenschaft gezogen. Aber zurück zum Thema. Da hat sich die privat Industrie Goldene Nase verdient und jetzt soll der Steuerzahler die Vernichtung des Saringases in Syrien bezahlen. Das ist so typisch.
Deutschland hat keine Mittel nach Syrien verkauft. Deutsche Firmen haben an syrischen Firmen chemische Stoffe geliefert, und dies wurde vom zuständigen Ministerium genehmigt. Man muss nicht immer davon ausgehen, dass nur weil Assad ein Despot ist, er nichts anderes in Sinn hat wie Massenvernichtungswaffen zu horten. Einige haben hier ein falschen Verständnis von Syrien, dort gab es natürlich einige Chemiefabriken, die auch sowas wie Zahnpaste, Waschmittel oder Pestizite hergestellt haben, einige dieser Fabriken sind sogar in deutscher Hand, eine große stand beispielsweise in Aleppo. Eine goldene Nase hat sich da bestimmt niemand verdient, das sind ganz normale Geschäfte.
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