Syrischer Brennpunkt Idlib Zynisches Spiel mit der Hoffnung

Drei Tage hielt die Waffenruhe im Nordwesten Syriens - eine allzu kurze Atempause für die Zivilbevölkerung. Die Rebellenhochburg Idlib wird zum Tauschgut im politischen Geschacher zwischen Russland, der Türkei und den USA.

Muhammed Said/ Anadolu Agency/ Getty Images

Eine Analyse von


Ahmed Nadschm und seine drei Brüder trauten der jähen Waffenruhe nicht. Als am Montagmorgen wieder die ersten Jets über ihrer Heimatstadt Chan Schaichun in Syriens nordwestlicher Provinz Idlib auftauchten, fuhren die vier Bauern zu einer kleinen Hütte inmitten ihrer Felder, vier Kilometer nördlich der Stadt. Dort, so glaubten sie, seien sie sicher.

Doch eine Suchoi-34 der russischen Luftwaffe griff um 12.30 Ortszeit genau diese Hütte an. Alle vier Männer starben. Schon in der Nacht zuvor waren in der südlich gelegenen Kleinstadt Morek vier Bewohner umgekommen, als ein Hubschrauber der syrischen Luftwaffe eine jener bis zu 1,5 Tonnen schweren Fassbomben abwarf. Die Waffenrufe für Idlib, von Moskau beschlossen und vom Regime in Damaskus am Donnerstagabend verkündet - sie hielt drei Tage.

Nach drei Monaten des russisch-syrischen Dauerbombardements, dem mehr als 400 Zivilisten zum Opfer fielen und fast eine halbe Million Menschen auf die Flucht schickte, nach zerstörten Krankenhäusern und Schulen und einem Blutbad auf dem großen Markt der Stadt Maaret al-Nouman war die Waffenruhe ein unerwarteter Moment der Hoffnung gewesen: "Jetzt trauen sich die Menschen wieder raus, es ist ein bisschen Verkehr auf den Straßen", freute sich ein Getränkeverkäufer. Andere hofften, dass es wenigstens bis zum Feiertag des Eid al-Adha-Festes am kommenden Wochenende ruhig bliebe.

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Aufräumen, Süßes kaufen, zurückkehren: Die kurze Waffenruhe in Idlib

Doch warum wurde diese Waffenruhe überhaupt verkündet? Und warum wurde sie so plötzlich wieder aufgehoben? Verhandelt worden war sie Ende Juli in Astana, seit Kurzem offiziell Nur-Sultan, der Hauptstadt Kasachstans, in der inzwischen 13. Runde jener Verhandlungen, bei denen Russland, die Türkei, Iran, Vertreter des syrischen Regimes und der Rebellen ohne Europa und die USA zusammenkommen.

Der offizielle Grund für die Wiederaufnahme der Bombardements, ein angeblicher Rebellenangriff auf die russische Luftwaffenbasis Hmeimim, wurde anfangs sogar auf dem Facebook-Account der Assad-treuen Nachbarstadt Jableh dementiert - bis die Seite jählings vom Netz genommen wurde.

Was also steckt hinter dem abrupten Kurswechsel?

Recherchen in Idlib und der Türkei sowie Gespräche mit zwei Teilnehmern der letzten Astana-Runde ergeben ein zynisches Bild. Eines, in dem weder die fortschreitende Zerstörung der Heimat von über drei Millionen Menschen, noch deren Rettung zu den Kernanliegen Moskaus gehören. Stattdessen benutzt die russische Führung die Rebellenhochburg Idlib als Verhandlungsmasse, ein Tauschgut, mit dem sie andere Ziele erreichen kann, die ihr weit wichtiger sind. Die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan folgt ganz ähnlichen Motiven, sie hat nur weniger Spielraum als Russland. Baschar al-Assads Regime ist ebenso wie die Vertreter der Opposition zu abhängigen Klienten der Patrone in Moskau und Ankara geworden.

Ruinendörfer wechselten immer wieder den Besitzer

Seit April hatte die russische Militärführung in Syrien zugeschaut, wie die Versuche der ausgedünnten Bodentruppen Assads, Idlib zurückzuerobern, ein ums andere Mal fehlschlugen: Ruinendörfer wechselten immer wieder den Besitzer. Aufseiten der Rebellen wie der Regimetruppen starben jeweils rund 500 Kämpfer. Erst scheiterte Brigadegeneral Suhail al-Hassan, mit seiner "Tiger-Miliz" gewissermaßen Russlands bester Mann in Syrien. Dann durfte Maher al-Assad, Bruder des Diktators und Befehlshaber der 4. Division, anrücken und gleichermaßen kapitulieren. All das trotz Unterstützung durch russische Luftangriffe, die aber im wesentlichen Zivilisten und Städte im Hinterland terrorisierten.

Ohne all die irakischen, afghanischen, pakistanischen und libanesischen Milizen unter Führung der iranischen Revolutionswächter, die in Aleppo und andernorts gesiegt hatten, war der Bodenkampf nicht zu gewinnen. Doch die Milizen halten sich aus Idlib fern. Zum einen, weil Irans Führung nach dem amerikanischen Bruch des Nuklearabkommens und den verschärften Sanktionen schlicht das Geld ausgeht, zum anderen, weil Moskau die iranische Konkurrenz um die Macht in Syrien auf Distanz halten will. Teheran wiederum will sich angesichts der eigenen Notlage die Kontakte nach Ankara nicht verbauen.

Die türkische Führung wiederum, die sich im September letzten Jahres verpflichtet hatte, im Zuge des damals ausgehandelten Waffenstillstands die Dschihadisten der ehemaligen Nusra-Front, heute HTS, zu entwaffnen und aufzulösen, tat nichts von alledem. Die türkische Armee unterhält zwölf schwer befestigte Militärbasen in Idlib. Aber selbst wenn sie, wie im Juli 2017, syrische Kämpfer zusammengezogen hatte, um HTS Einhalt zu gebieten, geschah am Ende nichts. Stattdessen brachten die Dschihadisten nach und nach weite Teile von Idlib unter ihre Herrschaft.

Erdogans Besessenheit

Beim Treffen im luxuriösen Rixos-Hotel in Astana ging es in den ersten Augusttagen nur vordergründig um das Schicksal von Idlib. Im Hintergrund wurden andere Dinge verhandelt: "Die Russen setzen alles daran, die Türkei aus der Nato zu ziehen", sagt ein teilnehmender Rebellenkommandeur. Ein entscheidender Schritt dorthin war der türkische Erwerb des hochmodernen russischen Radar- und Abwehrsystems S-400, das Ankara zurzeit trotz massivem Widerstands aus Washington installiert.

Ein weiteres potenzielles Nato-Spaltmittel ist Erdogans Besessenheit, die Kurdenpartei der YPG zu bekämpfen, dem syrischen Ableger der PKK - und engsten Verbündeten der USA im Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS). Um ihre Herkunft zu verschleiern, hatte die Truppe sich 2015 in "Syrian Democratic Forces", SDF, umbenannt, was aber an den Kommandostrukturen nichts änderte. Für den Kampf gegen sie braucht Erdogan auch die Dschihadisten und Ruhe in Idlib, um die von der Türkei längst abhängig gewordenen Rebellen in den Kampf gegen die Kurden schicken zu können.

Es war kaum Zufall, dass Erdogan ungefähr zeitgleich zum Ausrufen der Waffenruhe vollmundig drohte, nun ins kurdisch kontrollierte Nordostsyrien einzumarschieren, um die "nationale Bedrohung" durch die dortigen "Terroristen" zu beenden. Nur stehen dort eben auch amerikanische und französische Truppen, deren Offiziere nicht müde werden zu betonen, welche großartigen Verbündete die Kurden im Kampf gegen den IS-Terror seien.

Eine heillose Lage für Washington - die US-Präsident Donald Trump mit einem seiner berüchtigten Tweets noch verkompliziert hat: Mitte Januar twitterte er als Verhandlungsergebnis, sich mit der türkischen Seite auf eine "entmilitarisierte Zone" von 20 Meilen (ca. 32 Kilometer) Breite entlang der türkisch-syrischen Grenze geeinigt zu haben. Vermutlich, ohne vorher einen Blick auf die Landkarte geworfen zu haben, denn in diesem schmalen Streifen Land liegen die meisten der großen kurdischen Städte, darunter die Metropole Qamischli mit mehr als einer Million Einwohnern. Und Kobane, das die US-Luftwaffe im Herbst 2014 mit großem Aplomb vor dem anstürmenden IS rettete.

Jetzt pocht Ankara auf dieses Twitter-Zugeständnis - während US-Analysten wie Aaron Stein vom Foreign Policy Research Institute erklären, "die USA können einer 32-Kilometer-Zone unter türkischer Kontrolle niemals zustimmen".

Dass Erdogan nach Monaten relativer Ruhe die immer mal wieder angekündigte Offensive im Nordosten nun wieder hervorholt, dürfte vor allem auch innenpolitische Gründe haben: Nach dem schmachvollen Verlust der erst annullierten, dann mit noch größerem Abstand verlorenen Kommunalwahl in Istanbul braucht er einen Sieg.

Moskaus Enttäuschung äußert sich in Bombardements

Moskau sah diesem Spiel bisher gerne zu und signalisierte Erdogan offenbar schon vor dem Treffen in Astana Entgegenkommen. Denn in den Gebieten Nordsyriens unter türkischer Kontrolle hatte der Geheimdienst MIT bislang syrischen Rebellen regelmäßig Passierscheine ausgestellt, zu Verwandten, zur Erholung, zum Einkaufen in die Türkei zu reisen. Seit zweieinhalb Wochen gilt absolute Einreisesperre. Alle Kämpfer sollten sich bereithalten, die YPG zu attackieren. Und wäre Ruhe in Idlib, könnten auch viele der Rebellen von dort abgezogen werden.

Um die Türkei und die USA in einen massiven Konflikt zu treiben, hätten die Russen sich in Kasachstan auf einmal überraschend friedlich gezeigt, so der Konferenzteilnehmer. Selbst offizielle Kernforderungen des Kreml, darunter der Abzug aller Rebellen bis 20 Kilometer hinter die Demarkationslinie, hätten die russischen Emissäre großzügig aufs nächste Treffen verschoben.

Dass alles nun nach nur drei Tagen wieder zerbröselte und die Russen bereits am Montag wieder Kampfjets über Idlib aufsteigen ließen, liege vermutlich an der Moskauer Enttäuschung über den ausbleibenden Clash der Nato-Verbündeten: Washington und Ankara bemühten sich in den vergangenen drei Tagen händeringend um einen Kompromiss, der sich am Dienstagmorgen bereits abzeichnete und am Nachmittag verkündet wurde: Ein gemeinsames Operationszentrum in der Türkei soll die geplante Sicherheitszone entlang der Grenze vorbereiten. Geklärt ist weder deren Ausdehnung, noch, wer sie kontrollieren wird. Aber zumindest eine direkte Kollision der beiden Atlantik-Bündnispartner scheint vorläufig abgewendet.

Mit Idlib, mit einer Zukunft für Syrien, haben diese Winkelzüge nichts zu tun. Sie erinnern eher an das "Great Game", das ewige Ringen zwischen Großbritannien und Russland im 19. Jahrhundert um Macht und Einfluss in Zentralasien. Damals wurden abgelegene Fürstentümer zusammenkartätscht oder militärisch gepäppelt, um der anderen Großmacht jeweils einen Spielzug voraus zu sein.

Dazu passt das Bild, von dem ein anderer Konferenzteilnehmer von Astana berichtet: Zur Verlesung der finalen Statements, so Mohammed Sermini, ehemals Sprecher des syrischen Nationalrats, "saßen sich für 15 Minuten auch wir, die Oppositionsvertreter, und die Abgesandten des Regimes im großen Saal gegenüber".

Zu sagen hatten sie nichts.

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Leser1000 07.08.2019
1. Gute Analyse
Nur sie wird niemanden überraschen. In Syrien geht es halt um strategischen Einfluss sonst nichts. Die Menschen dürften den Akteuren und deren Stellvertretern - leider- eher egal sein. Dort dürfte fast jeder "Dreck" am Stecken haben, der syrische Präsident sowieso. Ich bedaure eigentlich die Kurden. Sie werden so oder so instrumentalisiert und können sich nicht wirklich dagegen wehren. Sie stecken in der Mauerfalle.
Stereo_MCs 07.08.2019
2. gekränkte Regionalmacht on fire
Zitat: Nach drei Monaten des russisch-syrischen Dauerbombardements, dem mehr als 400 Zivilisten zum Opfer fielen und fast eine halbe Million Menschen auf die Flucht schickte, nach zerstörten Krankenhäusern und Schulen und einem Blutbad auf dem großen Markt... u.a. eine Rechtfertigung des Kreml: ein angeblicher Rebellenangriff auf die russische Luftwaffenbasis Hmeimim, [b]wurde anfangs sogar auf dem Facebook-Account der Assad-treuen Nachbarstadt Jableh dementiert{/b] Der ist dann bestimmt genauso war wie der "Beweis" des russ. VM der aus einem Handy Game kopiert wurde: https://www.vice.com/de/article/9kqvk3/russland-beweist-mit-screenshot-aus-videospiel-dass-is-und-usa-kooperieren-und-das-ist-erst-der-anfang Es gäbe so viel zu sagen zu diesem Artikel, aber es fehlen einem langsam die Worte zu dieser Tragödie. Denn es ist in der Causa Syrien Massaker schon alles gesagt zum kleinen Mann im Kreml und seinem Treiben.
michael.strech 07.08.2019
3. al-Nusra-Front lehnt Abzug aus entmilitarisierter Zone ab
Die syrische Regierung forderte als Bedingung für die Waffenruhe den Abzug der al Nusra-Front aus der entmilitarisierten Zone um Idlib. Abu Mohammed Al-Dscholani, der Anführer des al Kaida-Ablegers der al Nusra-Front in Idlib, für dessen Ergreifung die USA 10 Millionen ausgeben, hat dies abgelehnt. Diese Leute wollen den Kampf und nehmen Zivilisten als menschliche Schutzschilde.
vorsicht 07.08.2019
4.
Zitat von michael.strechDie syrische Regierung forderte als Bedingung für die Waffenruhe den Abzug der al Nusra-Front aus der entmilitarisierten Zone um Idlib. Abu Mohammed Al-Dscholani, der Anführer des al Kaida-Ablegers der al Nusra-Front in Idlib, für dessen Ergreifung die USA 10 Millionen ausgeben, hat dies abgelehnt. Diese Leute wollen den Kampf und nehmen Zivilisten als menschliche Schutzschilde.
Der Autor weiß das sicher auch, das Idlib die Hochburg des IS ist. Es geht bei dieser Geschichte bestimmt nicht um die Zivilisten sondern die Bürger reif zu schießen, um einen Krieg gegen Russland rechtfertigen zu können. Es ist eine bewußte Entscheidung sich dafür herzugeben.
mansky 07.08.2019
5. Guter Artikel!
Endlich mal ein differenzierter Artikel zum Thema Idlib auf SPON. Bisher gab es nur einseitige Schuldzuweisungen mit dem Narrativ 'Schlächter Assad' & gute Rebellen'. Bei Rania Salloum und Christoph Sydow hat man oft den Eindruck, dass sie eine persönliche Rechnung mit Assad offen haben.
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