Veit Medick

Putins Syrien-Strategie Unser Mann fürs Grobe

Putin bombt in Syrien, und die Welt schaut zu. Das schmerzt, ist aber eine logische Konsequenz des westlichen Versagens in der Nahostpolitik.
Russlands Präsident Putin: Putin: Wem gelten die Angriffe?

Russlands Präsident Putin: Putin: Wem gelten die Angriffe?

Foto: Alexei Nikolsky/ AP/dpa

Natürlich will man sich jetzt reflexhaft empören, dieser Wladimir Putin ist in seiner Selbstherrlichkeit ja auch schwer zu ertragen. Erst rüstet der russische Präsident in Syrien seinen Militärstützpunkt auf und spricht dies international nicht ab. Dann tritt er breitbeinig vor die Uno und gibt sich als großer Anti-Terror-Stratege. Und jetzt fliegen seine Kampfjets schon Angriffe auf - ja auf was eigentlich?

Ob die russischen Bomben dem "Islamischen Staat" (IS) gelten oder doch eher den anderen Gegnern von Machthaber Assad, ist nicht wirklich klar. Wussten wir es doch! Diesem Putin ist einfach nicht zu trauen.

Alles richtig. Doch Empörung hilft nicht weiter. Die unangenehme Wahrheit ist: Wir können uns über Russlands Einmischung in Syrien kaum beschweren. Moskau springt auf einen Schauplatz, den wir scheuen. Der Westen, wenn man denn diesen verkürzenden Terminus noch verwenden möchte, kann und will gerade keine Kriege führen. Von Washington bis Berlin ist niemand bereit, sich wirklich die Hände schmutzig zu machen. Ein paar Luftangriffe, hier und da eine Ausbildungsmission - das war's.

Es gibt gute Gründe, sich in Syrien militärisch nicht oder zumindest nicht allzu sehr zu engagieren. Angesichts der zersplitterten Opposition ist höchst unklar, wer unterstützenswert ist. Mit Blick auf die Stärke und Brutalität des IS ist fraglich, wie langwierig ein Krieg gegen die Terroristen wäre. Aber es sind wohl weniger die strategischen Überlegungen, die ein entschlosseneres Eingreifen verhindern. Es sind die eigenen Erfahrungen der jüngsten Geschichte.

Ein Blick auf die militärischen Abenteuer, in die sich der Westen in den vergangenen knapp 15 Jahren in der Region stürzte, genügt. Ob Irak, Afghanistan oder Libyen - die Kosten dieser Kriege waren außerirdisch, nur ist das Kalkül nirgendwo aufgegangen. In den Irak sind die USA marschiert, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Aus Afghanistan ziehen wir Deutschen ab, ohne uns über die Folgen im Klaren zu sein. Und über Libyen spricht lieber niemand mehr.

Die Zurückhaltung in Syrien und übrigens auch im Jemen zeigt, wie sehr die Desaster seit 2002 die Interventionspolitik diskreditiert haben, und zwar auch solche, die humanitäre Gründe haben. Der Westen, um es einfach auszudrücken, hat sich für weitere Einsätze nicht empfehlen können und seien sie auch noch so gut gemeint. Die Gesellschaften sind kriegsmüde. Unter den Mächtigen ist die Angst zu groß, erneut in unkontrollierbare Missionen gezogen zu werden.

Jetzt müssen wir ausgerechnet Putin dabei zusehen, wie er das Vakuum füllt, sich zum Kämpfer gegen das Böse stilisiert und doch nur seine ganz eigene Agenda verfolgt. Es ist eine späte, aber äußerst unangenehme Strafe für die missglückten Kriege in der Region.

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