Deutsche Dschihadisten Trainingslager Syrien

Syrien ist zur neuen Front von al-Qaida geworden. In keinem Land verzeichnen die Radikalislamisten schnelleren Zuwachs, auch deutsche Dschihadisten kämpfen dort. Die Sicherheitsbehörden befürchten, dass sie in Deutschland anwenden könnten, was sie im Krieg gelernt haben.
Dschihadisten in Syrien: Das Land zieht Radikale aus Europa an

Dschihadisten in Syrien: Das Land zieht Radikale aus Europa an

Foto: BULENT KILIC/ AFP

Berlin - Die Spur des Pforzheimers Ibrahim R. verliert sich im März 2013. Der junge Mann, der dem Verfassungsschutz als Teilnehmer von Salafisten-Demos in Deutschland bekannt war, setzte sich in einen Bus Richtung Türkei und verschwand. Die Behörden gehen davon aus, dass er inzwischen in Syrien kämpft. Seinen ersten Versuch, mit dschihadistischen Glaubensgenossen nach Syrien zu kommen, hatte die Polizei noch verhindern können - nun aber wird er bei den Behörden unter der Kategorie "Syrien-Reisende" geführt.

Der Fall von Ibrahim R. ist eine von mehreren heiklen Reisebewegungen, die von den Sicherheitsbehörden aufmerksam verfolgt werden. Intern wird das Thema schon lange mit Priorität behandelt. Am Donnerstag nun bestätigte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erstmals offiziell in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE, dass sich deutsche Dschihadisten in Syrien aufhalten. Friedrich zeigte sich besorgt, vor allem was mögliche Rückreisen der aufgehetzten Kriegstouristen nach Deutschland und ihre Pläne hierzulande angeht.

Die deutschen Erkenntnisse passen ins Gesamtbild der internationalen Geheimdienste: An keiner Front verzeichnen Dschihadisten derzeit rasanteren Zulauf als in Syrien. Das Land ist zwei Jahre nach Beginn der Aufstände regelrecht zum Trainingslager für Qaida-Sympathisanten geworden. Hier lernen sie mit Waffen und Sprengstoff umzugehen - und sie knüpfen neue, gefährliche Kontakte zu internationalen Verbündeten.

Insgesamt, so die Behörden in der Bundesrepublik, kämpfen derzeit rund 20 Deutsche in Syrien. Manche sollen sich dort sogar mit ihren Ehefrauen unmittelbar an den Frontlinien aufhalten. Im Juli 2012 agierten nach Schätzungen des US-Außenministeriums von ein paar Dutzend bis zu 100 ausländische Dschihadisten in Syrien. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie sollen inzwischen bereits 2000 bis 5500 ins Land gekommen sein, mindestens 500 stammen laut Aussagen des obersten EU-Terrorfahnders aus Europa. Teils sind es Immigranten mit europäischen Pässen, aber es sollen auch einige Konvertiten unter den Reisenden sein.

Stars der deutschen Salafisten-Szene mobilisieren für Syrien

Seit Monaten engagieren sich Deutschlands Salafisten-Prediger für kein Land stärker als für Syrien. Regelmäßig finden große Benefizveranstaltungen statt, bei denen sie zu Spenden für humanitäre Hilfe aufrufen. Dabei lassen die Prediger jedoch keinen Zweifel daran, dass sie nichts gegen Gläubige haben, die mehr tun wollen. "Weltweit werden unsere Geschwister im Islam umgebracht, weil sie Muslime sind. Unsere Geschwister in Syrien brauchen unsere Unterstützung", sagte der bekannte Salafisten-Prediger Ibrahim Abou-Nagie im Dezember. Für ihn ist der syrische Bürgerkrieg Teil eines globalen Glaubenskampfs.

Ein weiterer Star der deutschen Salafisten-Szene könnte sich bereits nach Syrien abgesetzt haben: der Dschihad-Rapper Denis Cuspert, in seinen Kreisen besser bekannt als Deso Dogg. Immer wieder soll Cuspert, der aus Angst vor einer Verhaftung nach Ägypten geflohen war, versucht haben, mit Glaubensgenossen im Schlepptau nach Syrien zu reisen. Ob Cuspert dort wirklich an der Front kämpft, wissen die Behörden nicht. Vor einigen Monaten gab es Gerüchte, er sei bei einem Gefecht in Aleppo getötet worden, seitdem soll er sich jedoch wieder bei Vertrauten in Deutschland gemeldet haben.

Die Behörden fürchten Deso Dogg vor allem wegen seiner Propagandaarbeit. Dass er bereits in einem Video zum Marsch nach Syrien aufrief, so die Analyse, habe einige Zögernde aus der Szene motiviert, seinem Beispiel zu folgen. Verbreitet er bald Videos aus Syrien selbst, könnte sich der Effekt verstärken.

Die internationalen Dschihadisten waren recht spät auf die Proteste in Syrien aufgesprungen. Erst knapp ein Jahr nach Beginn der Aufstände im Februar 2012 meldete sich die Qaida-Führung zu Wort. "Ich rufe jeden Muslim dazu auf, seinen Brüdern in Syrien zu helfen so gut wie er kann", forderte Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri in einem Video. Im März 2013 gab es den ersten deutschsprachigen Aufruf aus dem Bürgerkriegsland: Hajan M., der jahrelang in Kassel lebte, rief in Videos seine deutschen Glaubensgenossen auf, zum Dschihad nach Syrien zu kommen.

Europäer reisen lieber nach Syrien als nach Waziristan

Für die Sicherheitsbehörden ist die Anziehungskraft Syriens für deutsche Dschihadisten seit Monaten ein ernstes Thema. Schon Ende 2012 warnte Gerhard Schindler, Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), in kleiner Runde vor Berliner Sicherheitspolitikern, die Rebellion gegen Assad und vor allem aber die radikalislamistischen Brigaden der Nusra-Front seien mittlerweile weitaus attraktiver für kampfwillige Extremisten als die kargen Bergregionen im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Nusra-Front ist ein Ableger der irakischen al-Qaida und steht nach Angaben des US-Außenministeriums auch mit der Qaida-Führung in Pakistan in regelmäßigen Kontakt.

Einer der Hauptgründe für den Zulauf von europäischen und auch deutschen Dschihadisten ist schlicht: Die Reise an die Front ist weitaus leichter als der Marsch nach Waziristan. Wurden auf dem Weg in die Terrorlager der Taliban oder anderer Milizen in Pakistan und Afghanistan viele Reisende in Iran oder anderen angrenzenden Ländern noch teilweise gestoppt, können die Kampfwilligen nun meist visumsfrei in die Türkei fliegen. Vom Süden des Landes ist es nur noch ein Katzensprung bis Syrien, die Grenze ist leicht zu überqueren.

Eine tragende Rolle, so jedenfalls die letzte Einschätzung der Behörden, spielen die Deutschen in Syrien nicht, dazu sind zu viele Dschihad-Veteranen aus der Region dort angekommen. Gleichwohl aber fließt aus Deutschland zumindest ein Teil des Gelds, mit dem die Rebellen sich aufrüsten. Aus Deutschland reist immer wieder der polizeibekannte Reda Seyam aus Berlin-Charlottenburg an die Front. Im Gepäck hat er stets einige tausend Euro an Spenden, die er in radikalen Zirkeln deutschlandweit eingesammelt hat.

Die meisten Sorgen bereiten den Analysten die Erfahrungen, die die Freizeitkämpfer in Syrien sammeln, und die dort gewonnenen Kontakte. Wie im Fall von Afghanistan oder Pakistan fürchtet man, dass die Gast-Dschihadisten - wegen ihrer Reisepässe für alle Terrorplanungen mehr als dienlich - nach dem Einsatz in Syrien mit einer konkreten Mission zurückkehren. "Es gibt eine Reihe von Enttäuschten", warnte vor einigen Wochen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. "Auf die müssen wir besonders aufpassen, da sie möglicherweise mit Waffenerfahrung zurück kommen".