Gefährliche Giftstoffe Niemand will Assads Chemiewaffen aufnehmen

Die Vernichtung von Syriens Chemiearsenal soll schnell vorangehen, schon in den kommenden sechs Wochen sollen die gefährlichsten Kampfstoffe verschifft werden. Das Problem ist nur: Niemand will sich darum kümmern. So droht eine lange Irrfahrt auf hoher See.

Uno-Inspektor in Syrien: Wohin mit dem brisanten Material?
DPA/ Syrian Television

Uno-Inspektor in Syrien: Wohin mit dem brisanten Material?


Den Haag - Die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen soll schnell vonstatten gehen - und genau das wird nun zu einem Problem. Bis zum 31. Dezember sollen alle von Damaskus angegebenen Vorräte der gefährlichsten Giftstoffe außer Landes gebracht werden. Bis zum 5. Februar 2014 soll dann fast der gesamte Rest an chemischen Kampfmitteln folgen.

Das heißt: Innerhalb der kommenden elf Wochen werden etwa tausend Tonnen Chemikalien, aus denen sich die übelsten Giftgase mischen lassen, in Containern rund 300 Kilometer als Sondertransport auf Straßen herumgefahren, auf denen es immer wieder zu Überfällen und Anschlägen kommt. In Syrien herrscht schließlich Bürgerkrieg.

Die Container, die heil an der syrischen Küste ankommen, werden sofort verschifft, ohne dass bisher feststeht, wohin die Reise gehen soll. Sie werden danach so lange auf hoher See unterwegs sein, bis sich ein Land findet, das bereit ist, die Giftstoffe aufzunehmen und zu entsorgen. Bisher gibt es dafür keine Freiwilligen. Viele haben schon vor einiger Zeit abgelehnt, inzwischen haben auch Belgien Albanien und Deutschland abgewunken.

"Ich will nichts anderes sagen, als dass sich aus unserer Sicht die Frage 'In Deutschland?' nicht stellt", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle. "Es gibt weit geeignetere Regionen und Wege." Welche, verriet er nicht. Die Idee, die Chemiewaffen in Syrien selbst zu zerstören innerhalb der knappen Frist, wurde bereits als noch weniger praktikabel verworfen.

Nichts wie weg mit den Chemiewaffen von Baschar al-Assad, so schnell wie möglich, fordert die internationale Gemeinschaft. Damaskus hatte im August Giftgas im großen Stil gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt. Bis zum 30. Juni 2014 sollen alle von Damaskus deklarierten Chemiewaffen vernichtet werden, sieht die Uno-Sicherheitsratresolution 2118 vor. Doch nun, da es an die schwierige Umsetzung dieser Forderung geht, wird es plötzlich still.

Chemie-Transporte sind ein leichtes Ziel für die Rebellen

Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW), die die Materialvernichtung begleitet, hat die von Damaskus deklarierten Produktionsstätten für Chemiewaffen bereits stillgelegt und am 15. November einen Plan präsentiert, wie die Chemiewaffen fristgemäß entsorgt werden könnten. Nun braucht es jemanden, der den Plan der Friedensnobelpreisträger umsetzt.

Assads Soldaten sollen den Transport der chemischen Kampfstoffe von ihren Lagern an die syrische Küste begleiten. Niemand sonst will dafür freiwillig seine Leute einsetzen, und schließlich war es auch Damaskus, das die international geächteten Chemiewaffen jahrzehntelang heimlich hortete. Das syrische Regime hatte ursprünglich verlangt, dass die internationale Gemeinschaft Damaskus dafür Geld, Fahrzeuge und Ausrüstung zur Verfügung stellt, bekam jedoch einen Korb.

Die OPCW schult die Syrer derzeit für die gefährliche Mission. Es dürfte den Rebellen leichtfallen, die langsam rollenden Fahrzeuge, die die Chemie-Container transportieren, zu attackieren. Bei den Chemikalien handelt es sich größtenteils um Bestandteile, aus denen sich Giftgase mischen lassen, nicht um die Giftgase selbst. Also selbst wenn es Gruppen von Aufständischen gelingt, Container zu erobern - sie haben bisher nicht die Fähigkeit, daraus Giftgas zu mischen und dies im großen Stil einzusetzen. Immerhin. Das Anschlagsrisiko ist dennoch hoch, die syrischen Soldaten arbeiten unter Lebensgefahr.

Auf unbestimmte Zeit auf See

Sind die Chemikalien erst einmal im syrischen Hafen, gibt es die nächsten Probleme: Auf wessen Schiffe werden sie geladen? Wer bewacht sie auf See? Und vor allem: wohin damit?

Viele Länder, auch Deutschland, haben sich beeilt, "logistische und technische Unterstützung" für diese Etappe anzukündigen. Nach dem Motto: Wir helfen ja schon fleißig mit, dann müssen wir das Zeug nicht auch noch aufnehmen. Doch außer Norwegen, das ein Frachtschiff und eine Fregatte in Aussicht stellte, hüten sich die Länder vor konkreten Zusagen.

"Es ist sehr schwierig, die Kosten für die Logistik zu berechnen", erklärt OPCW-Sprecher Christian Chartier SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen noch nicht, wie lange die Fracht auf See bleibt und wohin sie fährt." Wer also seine Schiffe und Begleitpersonal anbietet, muss damit rechnen, dass sie auf unbestimmte Zeit auf hoher See umherirren.

Eigentlich wären reiche, stabile Länder, die Erfahrung mit der Entsorgung von Chemiewaffen haben, die am besten geeigneten Zielländer. Nur gibt es in manchen von ihnen, wie etwa in den USA und Norwegen, Gesetze, die den Import der Giftstoffe verbieten und vor allem Zivilgesellschaften, die dagegen heftig protestieren würden.

Washington versucht, Optimismus zu verbreiten

Die westlichen Industrienationen hätten den Giftmüll gern nach Albanien abgeschoben, in eines der ärmsten Länder Europas. Nur scheint man den Widerstand der dortigen Bevölkerung unterschätzt zu haben.

Westliche Diplomaten schimpfen, die Amerikaner hätten sich der albanischen Regierung gegenüber wie die Axt im Walde benommen. Washington hätte gut daran getan, andere mit einzubeziehen statt alles allein zu machen.

Wenn sich kein Zielland findet, überlegen die Amerikaner, könne man die Chemikalien auf hoher See vernichten lassen. Eine Möglichkeit wäre, sie auf einem Schiff zu verbrennen oder zu neutralisieren. Diese Variante bräuchte etwa elf Wochen Vorlaufzeit.

Eine zweite Möglichkeit wäre, sie auf hoher See durch einen mobilen Chemiewaffen-Neutralisierer des US-Verteidigungsministeriums (Field Deployable Hydrolysis System) unschädlich zu machen. Dieser müsste erst verschifft werden und wäre dann binnen zehn Tagen einsatzbereit.

Stattfinden würde die Operation auf internationalen Gewässern - Washington wäre nicht auf die Zustimmung eines einzelnen Landes angewiesen. Offen ist, wer die dabei anfallenden und teils umweltschädlichen Abfallprodukte aufnehmen würde - oder ob man sie einfach ins Meer kippen will. Dazu gab es bisher keine Stellungname der USA.

Vorerst geht aber die Suche nach einem Zielland weiter. Bis eine Entscheidung getroffen ist, dürften Syriens Chemiewaffen auf See unterwegs sein.

insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
bepekiel 20.11.2013
1. Und die USA?
sie waren doch so drauf versessen, warum nehmen sie die eigentlich nicht? merkwürdig
p.h.e.e.n.i.x 20.11.2013
2. ...
Die Stoffe sollten die Länder aufnehmen, die sie auch geliefert haben.
Carabus 20.11.2013
3. optional
So war das schon immer: herstellen und gewinnbringend verkaufen, das kann unsere gewissenlose Industrie. Nur um die Folgen darf sich dann der Rest der Welt kümmern oder die Natur Schaden nehmen. Sei es Atommüll, Giftmüll, Plastikmüll usw.. Letztendlich landet das Zeug wieder in irgendeinem Ozean oder wird irgendwo verbuddelt. Wo bleibt die Herstellerhaftung? Die Verantwortung der Besteller? Geht sie wohl nichts mehr an, sobald die Gewinne verbucht sind...
Ptrebisz 20.11.2013
4. Syrien hat sie selbst produziert
Zitat von p.h.e.e.n.i.xDie Stoffe sollten die Länder aufnehmen, die sie auch geliefert haben.
Syrien hat die chemischen Kampfstoffe selbst produziert. Das Know-How dafür wurde aber von der Sowjet-Union in den 1970er und 1980er Jahren geliefert. Wenn es also eine ausser-syrische Adresse für diesen Giftmüll gibt, dann ist es Moskau.
spielerisch 20.11.2013
5. Wen wundert es !
Zitat von sysopDPA/ Syrian TelevisionDie Vernichtung von Syriens Chemiearsenal soll schnell vorangehen, schon in den kommenden sechs Wochen sollen die gefährlichsten Kampfstoffe verschifft werden. Das Problem ist nur: Niemand will sich darum kümmern. So droht eine lange Irrfahrt auf hoher See. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-die-chemiewaffen-koennten-lange-auf-see-bleiben-a-934425.html
Und hier liegt der unverschämte Zynismus der WaffenINDUSTRIE: Die Welt wird durch SIE mit Gift geplagt und dann fühlt sich kein Land dafür verantwortlich.
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