Schicksal einer Stadt Die letzten Tage von Aleppo

Schüsse auf Busse voll von Wehrlosen, Schwangeren, Kindern: Die menschlichen Dramen bei der Evakuierung von Ost-Aleppo haben gezeigt, wie zynisch die Mächte im Syrien-Konflikt mit dem Leben von Zivilisten spielen.

Aufnahme aus dem Rebellenviertel im Osten von Aleppo
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Aufnahme aus dem Rebellenviertel im Osten von Aleppo

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Ost-Aleppo liegt in Trümmern, trotzdem harren dort noch viele Menschen aus - ohne Strom, Wasser, teils auch ohne Obdach. In den Tagen bis zum 13. Dezember verhandelten Unterhändler Russlands und der Rebellen unter türkischer Schirmherrschaft die Evakuierung. Es ging um die verbliebenen mehreren Zehntausend Zivilisten und Kämpfer in dem kaum mehr als einen Quadratkilometer großen letzten Gebiet unter Kontrolle der Rebellen. Eigentlich sollen Busse die Menschen ab dem Morgen des 14. Dezember aus ihrer Stadt bringen.

Eigentlich. Stattdessen werden sie zum Spielball der Mächte in diesem chaotischen Konflikt, die mal miteinander wirken, dann wieder gegeneinander.

Um das Geschehen der folgenden Tage möglichst präzise rekonstruieren zu können, wurden Augenzeugenberichte aus Aleppo, Informationen von Teilnehmern der Verhandlungen in Ankara, Stellungnahmen der Uno und des Roten Kreuzes abgeglichen.

Darüber hinaus hat der SPIEGEL das erzwungene Entkommen von drei Menschen aus Ost-Aleppo begleitet, zu denen seit 2014 Kontakt gehalten wurde: Dr. Salem Abuelnaser, den letzten Zahnarzt der Stadt, Karam al-Masri, einen Fotografen, und Abu Marwan, einen Englischlehrer. "Wir sind hiergeblieben unter Bomben", so Abuelnaser, "aber wir wollen leben."

Mittwoch, 14. Dezember: Eigentlich soll ein Konvoi von improvisierten Krankenwagen mit Verletzten den Anfang machen, die ersten Menschen aus der Gefahrenzone bringen. Doch dann wird aus dem Gebiet iranischer und irakischer Milizen das Feuer eröffnet. Ein erster Wagen des "Roten Halbmonds" soll beschossen worden sein. Alles stockt, keiner weiß, was los ist.

In Ankara erklärt einer der Verhandlungsteilnehmer: Die Iraner seien wütend, dass die Vereinbarung über ihre Köpfe hinweg verhandelt worden sei und sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden seien. Er erzählt aus zweiter Hand, was ein russischer Emissär von den Iranern erfahren hat: "Wir müssen voll gleichberechtigt am Verhandlungstisch sitzen, schließlich kämpfen nur wir am Boden." Überdies haben Irans Generäle angeblich andere Pläne mit den Menschen in Ost-Aleppo. Eine weitere Quelle aus den Verhandlungen bestätigt den Streit zwischen den Verbündeten und zitiert den Pasdaran-General Jawad al-Ghafari, der in Aleppo den Oberbefehl über 1500 iranische Pasdaran-Soldaten und 13.000 weitere Milizionäre habe: Ghafari sei ohnehin dafür, die Verbliebenen in Ost-Aleppo umzubringen. Das wiederum wollen die Russen nicht.

Krankenwagen in Ost-Aleppo
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Krankenwagen in Ost-Aleppo

Was an diesen Streitigkeiten echt ist, was inszeniert wie im Klischee von "good cop, bad cop", wissen offensichtlich nicht einmal jene Syrer und Türken, die bei den Verhandlungen dabei sind. Auf jeden Fall sind Russen und Iraner beim Kriegführen aufeinander angewiesen: ohne Russen keine Luftangriffe, ohne Iraner keine Bodentruppen. Und am Boden können die Iraner alles stoppen, was die Russen ausgehandelt haben. Osama Abu Zeid, einem Emissär der Rebellen, wird am Abend von russischer Seite mitgeteilt, dass es kein Abkommen mehr gebe. Sie sollten warten.

In Aleppo ziehen sich die Menschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, ohne Strom und Wasser, zurück in ihre Ruinen.

Donnerstag, 15. Dezember: Nun sei das ursprüngliche Abkommen doch wieder gültig, teilen die Russen mit. Die ersten der grünen Busse, einst eingesetzt im Nahverkehr, nehmen Menschen am Sammelpunkt im Viertel Ramouseh auf und bringen sie in den Ort Raschidin, wo die Busse entladen werden. Etwa tausend Menschen kommen heraus, unter ihnen Abu Marwan, der Englischlehrer, und seine im achten Monat schwangere Frau. Freunde holen sie in Raschidin ab, bringen sie in den Ort Kafr Naha, wo sie erst einmal Unterschlupf finden. Die Strecke durchs Herrschaftsgebiet Assads beträgt nur zwei Kilometer, dann beginnt wieder Rebellengebiet. Aber für die Fahrt brauchen sie im Schnitt drei Stunden, denn sie müssen erst durch einen Checkpoint der syrischen Armee kommen, dann einen Checkpoint russischer Truppen, dann durch einen der iranisch-irakischen Milizen, schließlich durch einen der libanesischen Hisbollah. Aber sie kommen durch.

Wer ebenfalls an diesem ersten Tag unbehelligt die Stadt verlässt, sind die etwa 200 Kämpfer der Radikalentruppe Fatah al-Scham, vor ihrer Umbenennung bekannt als Nusra-Front. Sie können sogar in ihren eigenen Fahrzeugen die belagerte Stadt verlassen, was später noch für wütende Reaktionen der Zurückbleibenden sorgen wird.

Die Lage in Syrien
SPIEGEL ONLINE

Die Lage in Syrien

Freitag, 16. Dezember: Etwa 800 Menschen steigen am Morgen in die Busse, fahren los - werden aber nach kurzer Zeit wieder angehalten von Angehörigen der Hisbollah und der syrischen Armee. Aus den vorderen Bussen müssen die Männer aussteigen, sich für Stunden flach auf den Asphalt der Straße legen, alles Gepäck wird gefilzt und geplündert. Nach Angaben des mitfahrenden Journalisten Zuheir al-Shimali will sich ein Mann, der mit seiner schwangeren Frau im Bus saß, gegen die Plünderung wehren und wird sofort erschossen, ebenso wie zwei oder drei weitere. Auch der Fotograf Karam al-Masri, der seine Kameraausrüstung und seine Ersparnisse dabei hat, wird komplett ausgeraubt.

Der Konvoi steckt fest, Busse kehren um, alle müssen raus, und auf wackelnden Videos, im Gehen mit dem Telefon aufgenommen, sind im Hintergrund die Kaskaden des Dauerfeuers zu hören, während die Menschen mit Taschen und Tüten wieder dorthin zurückhasten, von wo sie gerade gehofft hatten, entkommen zu sein. Salem Abuelnaser, der sich in einem lebensmüden Akt der Selbstbehauptung seinen grünen Häkelschal mit der Revolutionsflagge um den Hals gebunden hatte, läuft am Bildrand eines der Videos. Er ruft: "Was soll das alles, was soll das? Warum tun sie das, ich verstehe es nicht, verstehe es einfach nicht."

Die Menschen hängen fest, zudem sind viele Kontaktpersonen plötzlich nicht mehr erreichbar. Es wirkt, als sei das Schlimmste zu befürchten. Erst später stellt sich heraus, dass die abgebrochene Kommunikation vor allem daran liegt, dass die Aufbrechenden zuvor noch ihre Satellitenanlagen zerstörten, um sie nicht den einrückenden und plündernden Truppen in die Hände fallen zu lassen.

Aus Ankara heißt es, die Iraner hätten allen zeigen wollen, dass nichts gegen sie gehe.

Fotograf al-Masri
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Fotograf al-Masri

Aus Moskau kommt ein Statement des Verteidigungsministeriums: Die Evakuierung sei abgeschlossen, mehr als 9500 Menschen seien abtransportiert, sämtliche Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht worden. Nur noch einige radikale Kämpfer seien zurückgeblieben, weshalb die Rückeroberung der Stadt nun fortgesetzt werde. Die Nachrichtenagentur Interfax meldet am Nachmittag, "Berichte, nach denen einer der Konvois mit 950 Militanten und ihren Familien zurückgeschickt worden sei, haben absolut nichts mit der Realität zu tun".

Eine bizarres Statement angesichts des Umstands, dass noch Zehntausende warten. Dass das Rote Kreuz und die Uno berichten, britische Kameraleute des Sender ITV News dokumentieren, was geschieht, ebenso die Insassen der Busse. Und selbst die iranische Agentur Shahba Press zitiert einen der eigenen Milizkommandeure: "Wir sind stärker, wir haben die Oberhand, und wir können die Bedingungen stellen, die Rebellen können gar nichts tun."

Samstag, 17. Dezember: Bei den Verhandlungen in Ankara wollen die Iraner eine neue Forderung durchsetzen: Im Gegenzug zur Evakuierung der Menschen aus Ost-Aleppo müssten auch die von Rebellen belagerten Bewohner der beiden schiitischen Enklaven in Idlib, Fouah und Kafraya evakuiert werden. Was nach simpler Logik klingt, bedeutet gleichzeitig die Aufkündigung eines anderen Abkommens, das bislang gegolten hatte: Die von Assads Truppen und der Hisbollah Belagerten in mehreren Kleinstädten westlich von Damaskus dürfen überleben, solange auch die im Gegenzug von Rebellen Belagerten in Fouah und Kafraya versorgt werden.

Grüne Busse für die Evakuierung
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Grüne Busse für die Evakuierung

Es ist eine erpresserische Arithmetik beider Seiten: Wenn ihr unsere Leute belagert, belagern wir eure Leute. Angesichts der militärischen Überlegenheit der russisch-iranisch-syrischen Allianz mit Flugzeugen, Hubschraubern und schier unbegrenztem Nachschub an Waffen, Munition und Kämpfern aus dem Irak, Afghanistan, Pakistan und dem Libanon sind die beiden belagerten schiitischen Dörfer in Idlib so etwas wie die Überlebensgarantie der Ausgehungerten in den westlichen Vororten von Damaskus, vor allem Zabadani und Madaya, von wo schon im Januar 2016 Bilder Verhungernder für ein paar Tage die Weltöffentlichkeit bewegten, dann wieder vergessen wurden. Doch diese Garantie soll nun gekippt werden. Dies hieße den Untergang der Belagerten in Zabadani und Madaya, über die in all diesen Tagen nie berichtet wird.

Aber solange ihre Forderungen nicht erfüllt werden, blockieren die Milizen unter dem Kommando der Iraner die Evakuierung.

Salem Abuelnaser, der Zahnarzt, steht erschöpft auf dem Dach des einstigen Quds-Krankenhauses im Viertel Maschhad, dem letzten Rückzugsgebiet der Rebellen, und spricht in eine kleine Kamera: "Wir haben seit 2011 demonstriert für die Freiheit, die Freiheit der Verantwortung, nicht des Chaos, wie es uns vorgeworfen wird." Er zählt die erfreulichen Dinge des Lebens auf, von denen sie in Aleppo in den letzten Jahren leider nicht viel gehabt hätten, aber er hoffe, dass andere Menschen in Würde, Frieden und einem Rechtsstaat leben könnten.

Auch er will immer noch raus aus der Stadt, aber es steht auf der Kippe, ob das gelingen wird.

Sonntag, 18. Dezember: Aus Ankara heißt es, alle Seiten hätten sich geeinigt. Das nun ausgehandelte Dreiecksabkommen ist eine Choreografie der Menschenverschickung geworden: Erst sollen 1250 Menschen aus Fouah und Kafraya herauskommen. Dann würde die erste Hälfte der in Ost-Aleppo Verbliebenen herausgebracht. Dann wieder 1250 Menschen aus den beiden schiitischen Dörfern. Dann die zweite Hälfte der Aleppiner. Anschließend weitere 1500 aus den zwei Dörfern, schlussendlich 1500 aus Madaya und Zabadani, den einstigen Kurorten westlich von Damaskus. Die Unterhändler aus Aleppo sind nun zuversichtlich, dass diese Übereinkunft tatsächlich eingehalten werde: "Das erspart ihnen den Häuserkampf. Wenn wir wissen, dass wir sterben müssen, würden alle bis zum letzten kämpfen. Wir würden verlieren, aber es würde sie Zeit und Menschen kosten", erklärt der FSA-Delegierte Ousama Abu Zeid lapidar über Skype.

Aber als es endlich weitergehen soll, kommt die nächste Katastrophe. Doch diesmal sind es die Rebellen selbst, die sie verursachen: Vor den beiden belagerten schiitischen Dörfern Fouah und Kafraya greifen Bewaffnete die grünen Busse an, die Menschen von dort wegbringen sollten, setzen sechs von ihnen in Flammen und töten einen der Fahrer. Zuvor hatte es eine Demonstration im Ort Maarat Misrin gegeben, auf der etwa 50 Protestierende eine IS-Fahne schwenkten und den "Islamischen Staat" aufforderten, zurückzukommen. Aus ihnen sollen sich die Angreifer der Busse rekrutiert haben. Und die Angehörigen der ehemaligen Nusra-Front und der großen Gruppierung "Ahrar al-Scham", die den Muslimbrüdern nahesteht und die bislang die vereinbarten Konvois beschützt hatte, haben nichts getan, die Brandstifter aufzuhalten.

Die Eingeschlossenen in Aleppo, aber auch viele in Idlib sind empört. Hamza al-Khatib, Arzt und Unterhändler aus Ost-Aleppo, erklärt wütend: "Hätten die Brandstifter Verwandte in Aleppo, hätten sie so etwas nicht getan!" Aber die Radikalen seien ja als erste herausgekommen, hallt es auf Facebook-Seiten wider, jetzt würden sie keine Rücksicht mehr nehmen.

Einen perfekteren Vorwand, die ganze Evakuierung zu stoppen, hätten die Radikalen aus Idlib den Iranern nicht liefern können.

Montag, 19. Dezember: Wider Erwarten geht es weiter, nach zwei Tagen des Wartens, in denen ein Neugeborenes starb, ein weiteres Kind an Unterkühlung und ein Mann mit einer entzündeten Knieverletzung. Es gab, so der Arzt Ahmed Dbis, nicht einmal Antibiotika, und so sei der Mann an einem septischen Schock gestorben.

Nun rollen die Busse wieder, immer nur wenige, denn die Iraner wollen nicht mehr als jeweils fünf Busse mit höchstens 200 Schiiten durchs Rebellen-kontrollierte Idlib fahren lassen. Außerdem dauert die Fahrt von den Dörfern bis nach Hama über eine Stunde. Um die Räumung in Aleppo nicht vollends zum Erliegen kommen zu lassen, werden dort die Konvois immer kleiner, fahren manchmal nur noch 18 Busse hin und her. Immer wieder stehen die Busse stundenlang in der Kälte, verweigern die irakischen und libanesischen Milizionäre, dass Menschen zum Austreten die Busse verlassen können oder Nahrung und Wasser hereingebracht werden.

Karam al-Masri, der Fotograf, schickt am Abend eine kurze Botschaft: "Ich habe es geschafft, bin draußen."

Darüber, wie viele Menschen bislang Aleppo verlassen haben, gibt es widersprüchliche Zahlen, zwischen 12.000 und 20.000 Menschen. Unter ihnen ist auf jeden Fall auch die Familie der siebenjährigen Bana al-Abed, deren - von ihrer Mutter betriebener - Twitter-Account zuletzt 245.000 Follower hatte. Sie ist zum prominenten Gesicht der Belagerten geworden. Sogar der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird sie später bei einem inszenierten Treffen herzen. "Jeder Syrer wäre gerade gerne Bana", sagt anerkennend und leicht spöttisch Abu Marwan, der der Mutter des Mädchens in den vergangenen Jahren Englisch beigebracht hatte.

Auch aus Fouah und Kafraya sollen bislang ungefähr 500 Menschen herausgebracht worden sein.

Dienstag, 20. Dezember: Eigentlich läuft es, aber am Morgen wird plötzlich das Feuer auf die Busse in Aleppo eröffnet. Gleichzeitig sind aber acht Busse mit Menschen aus Fouah und Kafraya unterwegs durchs Rebellengebiet. Ein FSA-Mann aus Idlib informiert die Leitstelle, wo Russen und Iraner sich darum streiten, wer den Ton angibt. Auf jeden Fall hört der Beschuss nach kurzer Zeit wieder auf.

Mittwoch, 21. Dezember: Schwer erkältet meldet sich Salem Abuelnaser. Neun Stunden habe er im eiskalten Bus gesessen. Als es losging, sei er einfach eingeschlafen. Milizionäre hätten den Bus kontrolliert, aber nur den Rebellen ihre Waffen (deren Mitnahme Teil der Vereinbarung war) abgenommen, sonst nichts geplündert. In Raschidin hätten ihn Freunde abgeholt, dann sei er von Helfern der internationalen Ärzteorganisation UOSSM nach Idlib ins Krankenhaus von Bab al-Hawa gebracht worden.

Die Evakuierung stockt abermals. Nun hätten, so die Unterhändler in Ankara, die Iraner verlangt, dass erst alle Leute aus Fouah und Kafraya herausgebracht würden, bevor die Aktion in Aleppo weitergehen könne.

In Aleppo beginnt es zu schneien.

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