Bürgerkrieg in Syrien Idlib steht vor einem Inferno

Syriens Regime will Idlib zurückerobern - bislang ohne Erfolg. Die von der Türkei unterstützten Rebellen behaupten nun, dass russische Spezialeinheiten auf Seiten Assads in die Schlacht ziehen.

Ein Panzer der bewaffneten syrischen Opposition im syrischen Idlib
Anas Alkharboutli/ DPA

Ein Panzer der bewaffneten syrischen Opposition im syrischen Idlib

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Peter Kodwo Appiah ist Kurienkardinal des Vatikans. Unter Papst Franziskus ist der 70-jährige Geistliche aus Ghana als Präfekt für die "ganzheitliche Entwicklung des Menschen" zuständig. So lautet seine offizielle Jobbeschreibung nach Angaben des Heiligen Stuhls in Rom. Am Montag traf er gemeinsam mit weiteren Emissären des Pontifex einen Mann, der für den Tod Hunderttausender verantwortlich ist: Syriens Machthaber Baschar al-Assad.

Die Delegation übergab dem Diktator in Damaskus einen Brief des Papstes. In diesem warnte Franziskus vor einer Eskalation in Idlib, der umkämpften letzten Rebellenhochburg im Nordosten des Bürgerkriegslandes.

"Was dort geschieht, ist wirklich unmenschlich und inakzeptabel", sagte Pietro Parolin, der Außenminister des Vatikans, nach dem Treffen. "Der Papst bittet den Präsidenten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um diese humanitäre Katastrophe zu stoppen."

Die Delegation des Vatikans mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad in Damaskus
SANA/ HANDOUT/ EPA-EFE/ REX

Die Delegation des Vatikans mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad in Damaskus

Danach sieht es nicht aus - im Gegenteil. Just in den Stunden, als Assad die Kirchenvertreter empfing, erlebte Idlib die verheerendste Angriffswelle seit Monaten. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden bei den Bombardements am Montag mindestens 59 Zivilisten getötet und mehr als hundert verletzt.

Allein bei einer Serie von Luftangriffen gegen einen Markt in der Stadt Maarat al-Numan wurden mindestens 27 Menschen getötet. Die Attacken machten mehrere Häuser im Stadtzentrum dem Erdboden gleich.

Kurz darauf nahmen Rebellen zwei Dörfer außerhalb von Idlib unter Raketenbeschuss, die unter Kontrolle des Regimes stehen. Bei diesem Vergeltungsangriff wurden nach Angaben syrischer Staatsmedien sieben Zivilisten getötet.

Acht Jahre Krieg haben Assads Truppen ausgezehrt

Seit nunmehr drei Monaten versucht die syrische Armee mit verbündeten Milizen, Idlib zurückzuerobern. Mit Luftangriffen auf Krankenhäuser, Märkte und andere zivile Ziele versucht sie, die Zivilbevölkerung zu demoralisieren und in die Flucht Richtung türkischer Grenze zu treiben. Hunderttausende Menschen sind seit April vor den Kämpfen geflüchtet.

Anfang Juni warnte Uno-Nothilfekoordinator Mark Lowcock: "In Idlib droht die schlimmste humanitäre Katastrophe des Jahrhunderts." Nun scheint dieses Horrorszenario einzutreten. Das Uno-Nothilfebüro verurteilte die Attacken am Montag abermals - allerdings ohne die Verantwortlichen zu benennen: die syrische und russische Luftwaffe.

Dabei kommen Assads Truppen trotz der anhaltenden Luftangriffe am Boden kaum voran. Erobern sie einen Ort, gelingt es den Rebellen häufig, ihn nach wenigen Tagen zumindest kurzzeitig zurückzuerobern. Dann schafft es die Armee oft erst mit zusätzlicher Verstärkung, das Gebiet dauerhaft einzunehmen.

Beim Kampf um Idlib zeigt sich, dass der achtjährige Krieg die Regierungstruppen ausgezehrt hat. Die Rebellen behaupten deshalb nun, dass Russland Elitetruppen an die Front entsandt habe, um die Offensive voranzutreiben. Es wäre das erste Mal, dass der Kreml mit Bodentruppen in den Konflikt um das letzte Rebellengebiet eingreift. Moskau hat die Behauptung zurückgewiesen.

Assad wäre wohl schon lange nicht mehr an der Macht ohne die Unterstützung seiner Patrone in Teheran und Moskau. Erst vor wenigen Tagen war Russlands Sonderbotschafter für Syrien, Alexander Lawrentiew, in Damaskus zu Besuch. Er versicherte Assad den Rückhalt Russlands.

Russischer Diplomat Lawrentiew mit Assad in Damaskus: Moskau hält dem Diktator die Treue
SANA/ AFP

Russischer Diplomat Lawrentiew mit Assad in Damaskus: Moskau hält dem Diktator die Treue

Konkret bedeutete das bislang vor allem Waffenlieferungen, den Einsatz offizieller Militärberater und Kampfpiloten ebenso wie die inoffizielle Entsendung von Söldnern der russischen Wagner-Gruppe.

Das schwierige Verhältnis zwischen Putin und Erdogan

Mit seiner politischen und militärischen Unterstützung für Assad stellt sich der Kreml gegen die Interessen der Türkei. Das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara ist daher seit Jahren ambivalent. 2015 standen beide Länder kurz vor einem Krieg, nachdem das türkische Militär einen russischen Kampfjet über Syrien abgeschossen hatte. Wladimir Putin überzog Ankara mit Sanktionen, bis Recep Tayyip Erdogan Monate später nachgab und sich für den Zwischenfall entschuldigte. Seither haben sich die russisch-türkischen Beziehungen kontinuierlich verbessert.

Die türkische Regierung hat gerade erst das russische Raketenabwehrsystem S-400 gekauft, was für Irritationen unter westlichen Verbündeten sorgt. Die USA haben die Türkei aus dem F35-Kampfjetprogramm ausgeschlossen, selbst ein Bruch mit der Nato scheint möglich. Doch so sehr Erdogan das Land Richtung Osten führt, sein Verhältnis zu Putin bleibt kompliziert.

Die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Ankara ist taktisch motiviert, nicht historisch gewachsen wie etwa die türkisch-europäischen Beziehungen. Wie schnell aus den Partnern wieder Kontrahenten werden können, zeigt sich deshalb gerade in Idlib.

Vergangenen Herbst verständigten sich die Türkei und Russland noch auf eine Waffenruhe in Idlib, wodurch eine Offensive des Assad-Regimes auf die letzte verbliebene Rebellenhochburg vorerst gestoppt wurde.

Putin muss sich entscheiden

Russland und die Türkei stehen in dem Konflikt auf verschiedenen Seiten. Während Erdogan den Rebellen um die Dschihadistengruppe HTS hilft, ist Putin der wichtigste Unterstützer Assads. Die türkische Regierung, die versprochen hatte, HTS in Schach zu halten, rüstet die Rebellen wieder verstärkt auf.

Türkische Truppen in Idlib: Ankara rüstet die islamistischen Rebellen wieder auf
Yahya Nemah/ EPA-EFE/ REX

Türkische Truppen in Idlib: Ankara rüstet die islamistischen Rebellen wieder auf

Erdogan, so vermuten Beobachter, wolle auf diese Weise den Preis für eine militärische Lösung des Idlib-Konflikts in die Höhe treiben. Sollte Idlib fallen, würden sich wohl abermals Hunderttausende Flüchtlinge auf den Weg in Richtung Türkei machen.

Putin wiederum muss sich entscheiden, was ihm wichtiger ist: seine Interessen in Syrien - oder die Türkei weiter vom Westen zu lösen.

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Seite 1
Duge Hick 23.07.2019
1. Zitat des Artikels:
"Türkische Truppen in Idlib: Ankara rüstet die islamistischen Rebellen wieder auf". Russland unterstützt den Despoten Assad und führt so mit der Türkei einen Stellvertreterkrieg, unterstützt diese aber wiederrum mit Flugabwehrsystemen usw., so werden Waffen auf Kosten der Zivilgesellschaft verkauft und benutzt! ;)
christianwitten 23.07.2019
2. Sache von Friedensforschern
Was dort passiert, ist ein Verbrechen. Von wem an wem, wer weiß es denn wirklich. Das erste Opfer des Kriegs ist die Wahrheit. Welcher "Henker" dort am Ende gewinnt erringt damit wahrscheinlich nur Zeit. Das Chaos und der Mord an der Zivilbevölkerung sind nicht aufzuhalten. Weder von great noch great again oder still great. Humanisten sterben innerlich bei jeder Meldung aus dieser geographischen Region.
Faceoff 23.07.2019
3. Blanker Terror
Was Assad im Verbund mit Russland in Idlib betreibt, ist blanker Terror und sollte auch so benannt werden. So wurden GPS-Daten, welche von der UNO zum Schutz von Schulen und Krankenhäusern an das Assad-Regime weitergegeben wurden, benutzt, um diese Einrichtungen anzugreifen: https://www.tagesspiegel.de/politik/missbrauch-von-un-informationen-gezielte-angriffe-auf-schulen-und-kliniken-in-idlib/24416172.html . Auch ein von Deutschland unterstütztes Krankenhaus wurde auf diese Weise in Schutt und Asche verwandelt.
audaxaudax 23.07.2019
4. Russische Flugabwehr aus der Türkei
gegen russische Bomber aus Syrien, das wär mal was für die beiden lupenreinen Demokraten.
Ernst49 23.07.2019
5. Syrien ohne Assad
"Ohne den Einsatz der Russen wäre Assad längst nicht mehr da" schreibt der Autor sinngemäß. Aber was wäre denn dann? Blühende Landschaften? Oder Anarchie und Chaos wie in Libyen oder im Irak?
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