Syrischer Bürgerkrieg Russisch-türkischer Showdown in Idlib

Das Nato-Land Türkei will im syrischen Idlib ein Protektorat errichten. Nun plant Machthaber Assad mit russischer Unterstützung die Rückeroberung der Rebellenhochburg. Die Hintergründe.
Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin (Archiv)

Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin (Archiv)

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Vor zehn Jahren waren Baschar al-Assad und Recep Tayyip Erdogan noch ziemlich dicke Freunde. Der Diktator von Damaskus und der heutige türkische Präsident verbrachten mit ihren Frauen einen Sommerurlaub im Badeort Bodrum im Südwesten der Türkei. Es folgten gemeinsame Kabinettssitzungen und Wirtschaftsabkommen.

Ehepaare Erdogan und Assad

Ehepaare Erdogan und Assad

Foto: Anonymous/ ASSOCIATED PRESS

Heute sind die beiden Politiker Erzfeinde - und nun verschärfen sich die Spannungen zwischen beiden Ländern. Der Grund: Nach mehr als sieben Jahren Bürgerkrieg und siegreichen Schlachten um Aleppo, Homs, Ost-Ghuta und Daraa wird sich Assad mit Unterstützung seiner Schutzmächte Russland und Iran in den kommenden Monaten auf Idlib konzentrieren.

Das Regime will die letzte verbliebene Rebellenhochburg, in der vor allem islamistische Kräfte stark sind, zurückerobern. (Mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier.) Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow drohte bereits damit, den "Terroristen in Idlib den letzten Todesstoß" zu verpassen.

Der Kreml meint damit nicht nur lokale, arabische Dschihadisten, sondern auch islamistische Kämpfer aus dem Kaukasus, die sich in Idlib versammelt haben. Die Strategen in Moskau haben kein Interesse an einer Rückkehr dieser Männer in ihre alte Heimat. Den Konflikt mit ihnen weit entfernt von Russland auszutragen, käme Putins Armee entgegen.

Türkei steht vor einem Albtraum

Doch die erwartete Großoffensive auf die Provinz birgt große Risiken. Der Grund: Die Türkei kontrolliert schon jetzt Teile des Grenzgebietes im Norden Syriens um die Städte Dscharabulus und Afrin. Präsident Erdogan würde dieses Modell gerne auch auf Idlib übertragen - und auf diese Weise seinen Einfluss auf das Bürgerkriegsland weiter ausbauen.

Ankara hat sich in den Astana-Gesprächen mit Russland und Iran darauf verständigt, in Idlib sogenannte Deeskalationszonen zu schaffen. Dort haben türkische Militärbeobachter ein Dutzend Überwachungsposten errichtet, um darauf zu achten, dass es nicht zu Zusammenstößen zwischen Rebellengruppen und dem Assad-Regime kommt. Ein türkischer Diplomat sagte dem SPIEGEL, seine Regierung betrachte die Deeskalationszonen als Grundlage für ein türkisches Protektorat in Idlib.

Für Erdogan wäre eine Offensive Assads in Idlib - wo mittlerweile mehr als zwei Millionen Menschen leben, viele davon Binnenflüchtlinge - daher ein Albtraum:

  • Sie würde zum einen seine geopolitischen Ambitionen zunichtemachen, denn es ist beinahe ausgeschlossen, dass das Nato-Land Türkei eigene Truppen zur blutigen Verteidigung Idlibs abstellen würde.
  • Sie könnte zum anderen die Flüchtlingskrise verschärfen.

Die Türkei hat etwa 3,5 Millionen Syrer aufgenommen - mehr als jedes andere Land. Inzwischen jedoch hat Erdogan an der Grenze zu Syrien eine Mauer errichten lassen, was dazu geführt hat, dass nur noch wenigen Syrern die Flucht in die Türkei gelingt.

Eine Ausweitung der Kämpfe um Idlib würde wohl einen weiteren Exodus provozieren. Die Türkei müsste erneut eine große Zahl an Flüchtlingen aufnehmen. Oder Bilder von Frauen und Kindern ertragen, die an der Grenzmauer verzweifelt um Schutz flehen.

Putin steckt in einem Dilemma

Erdogan versucht alles, um Moskau von einem Angriff auf Idlib abzubringen. Sollte das Assad-Regime Idlib attackieren, würde das den Astana-Prozess "zerstören", sagte er. Doch auch Putin steckt in einem Dilemma:

  • Er unterstützt einerseits Assads Vorstoß.
  • Andererseits hat er ein Interesse daran, die Beziehungen zu Ankara zu stärken - zumal jetzt, da Erdogan zunehmend auf Abstand zur Nato geht.

Die Lage ist heikel - und unübersichtlich. Denn neben Syriens Machthaber und den islamistischen Rebellengruppen in Idlib, Russland und der Türkei könnten bei der erwarteten Schlacht auch die Kurden eine Rolle spielen.

Annäherung zwischen Kurden und Assad

Diese dominieren die von den USA unterstützten Rebellen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Das Assad-Regime verhandelt Medienberichten zufolge seit einigen Tagen mit den SDF über die Übergabe nicht kurdischer Städte im Austausch für Autonomierechte für die kurdischen Gebiete.

Auch scheint es mittlerweile möglich, dass die Kurden bei dem türkisch-russischen Showdown auf syrischem Boden an der Seite von Machthaber Assad gegen die islamistischen Rebellen in Idlib vorgehen werden. Ankaras Traum von einem Protektorat in Syrien stünde damit vor dem Aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.